29. Juni 2022

Unter uns: Eine Cthulhu-Tales-Geschichte

Cthulhu Tales ist ein Erzählspiel für 2 bis 5 Spieler von Cubicle 7 Entertainment, das sich des Cthulhu-Mythos‘ bedient. Als Patient in einer Nervenheilanstalt muss man die anderen davon überzeugen, dass man nicht verrückt ist. Dabei versucht man seine Geschichte mithilfe der Spielkarten zu erzählen, die allerlei lovecraftsche Themen aufweisen. Das Spiel ist zum Spielen ganz in Ordnung. Spielmechanisch überzeugt es mich zwar nicht, aber es kann so einige kreative Geschichten provozieren.

Nun habe ich es als ein Werkzeug zum kreativen Schreiben getestet. Ich habe insgesamt fünf zufällige Karten gezogen: vier so genannte Story Cards und eine Madness Card (siehe Titelbild). Davon ausgehend habe ich mich zu einer lovecraftschen Kurzgeschichte inspirieren lassen.

Das Ergebnis ist „Unter uns“, die zweite cthuloide Kurzgeschichte von mir nach „Die àld Bejje“ vom Januar dieses Jahres. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie gut sie geworden ist, aber das Schreiben hat mir auf jeden Fall viel Spaß bereitet. Und mein Freund meinte, sie sei wahrlich lovecraftesk in dem Sinne, dass es eine Ewigkeit dauert, bis die Erzählung zum Punkt kommt… 😉

Hier ist sie:

Unter uns

Im Briefkasten eine Postkarte aus Mexiko-Stadt zu finden, mag andere Menschen ungemein erfreuen, insbesondere dann, wenn diese Postkarte von einer alten Freundin stammt, mit der man in der Kindheit unzertrennlich befreundet gewesen war und sich sogar als seelenverwandt gewähnt hatte, und von der man jahrelang nichts mehr gehört hatte. Doch mir entlockt diese Postkarte ein kaltes Schaudern, denn wenn sie auch kein endgültiger Beweis für die wilden Hypothesen ist, die ich nach dem Verschwinden meiner Freundin – und den grauenvollen Dingen, die zeitgleich geschehen waren – aufgestellt hatte, so ist sie doch ein starkes Indiz, dass meine Vermutungen wahr sind, so verrückt sie auch klingen mögen. Auf der Rückseite der Karte steht ungewöhnlich knapp gehalten und in der mir schmerzlich vertrauten Handschrift: „Liebe Grüße aus der Heimat! Izel.

Ich lernte Izel in der Grundschule in Thymmenburg kennen – eine beschauliche Gemeinde in Mittelhessen mit knapp 20.000 Einwohnern, die schon damals kaum jemandem ein Begriff war und heutzutage erst recht niemand mehr kennt. Wir galten beide damals eher als Außenseiterinnen: Bei mir mochte es teilweise meine eindeutig vietnamesische Herkunft gewesen sein, teilweise aber auch meine absolute Abneigung gegen jegliches mädchenhafte Thema, das mich nicht bei anderen Mädchen andocken ließ. Bei Izel war es ihre Stille. Sie redete kaum, außer sie wurde von den Lehrern angesprochen, und dann sprach sie nur mit einer rauen, flüsternden Stimme. Man hielt sie anfangs für geistig zurückgeblieben und wie grausam kleine Kinder nun mal sind, ließ ich mir den Spaß nicht nehmen, sie im Unterricht und während der Pausen zu piesacken: Ich nahm mir einfach ungefragt ihre Stifte, zwickte und schubste sie, verhöhnte sie und versuchte ständig, ihr die flauschige Jacke auszuziehen, die sie immerzu trug, und gelang mir dies, so rannte ich damit lachend quer durch den Pausenhof, während sie mich frustriert zischend jagte.

Dies müsse enden, forderte unsere Klassenlehrerin, als sie irgendwann genug gesehen hatte. Sie nahm uns beiseite und machte uns den aus damaliger Kindersicht betrachtet revolutionären Lösungsvorschlag, doch einfach Freundinnen zu werden. Und da setzten wir uns in der nächsten großen Pause in eine ruhige Ecke und tauschten das erste Mal zögerlich miteinander freundliche Worte aus. Nach nur wenigen Minuten befanden wir uns in einem Redeschwall und ihre flüsternde Sprechweise fiel mir gar nicht mehr auf, während wir begeistert über Videospiele, Sammelkarten und japanische Zeichentrickfilme diskutierten. Von da an waren wir die besten Freundinnen. Solange wir uns einander hatten, machte es uns gar nichts aus, dass uns die anderen Kinder ärgerten oder aus dem Weg gingen.

Izel, so stellte sich in der Grundschule rasch heraus, war gar nicht geistig zurückgeblieben. Sie hatte die höchste Auffassungsgabe in der Klasse, wenn nicht sogar in der gesamten Schule, und hatte alles, was die Lehrer uns beibrachten, auf Anhieb verinnerlicht. Lesen, Schreiben und Rechnen lernte sie schnell und die Aufgaben, wofür die Mitschüler die ganze Schulstunde benötigten und oft noch als Hausaufgabe fertigzustellen hatten, hatte sie in wenigen Minuten mühelos gelöst. Den Rest der Unterrichtszeit verbrachte sie dann damit, mir entweder bei meinen Aufgaben zu helfen, in den Lehrbüchern zu fortgeschrittenen Kapiteln weiterzublättern oder auch seltsame Formeln und Berechnungen aufzustellen. So verblüffte sie unsere Klassenlehrerin und nachfolgend das gesamte Lehrerkollegium, als sie ihr mit acht Jahren eine simple Formel zur Subtraktion von Binärzahlen vorlegte. Mehrmals bot man ihr und ihrer Großmutter, bei der sie lebte und die ihr Vormund war, an, Klassen zu überspringen oder gar direkt ins Gymnasium zu wechseln, doch immer wieder sprach sie sich gegen diese Angebote aus, weil sie sich nicht von mir trennen wollte, und ihre Großmutter akzeptierte ihren Wunsch.

Denke ich heute an Izels „Großmutter“ zurück, muss ich schaudern. Sie war eine alte Dame, die wie Izel ziemlich kälteempfindlich war. So gut wie immer, wenn ich Izel in dem einsam stehenden Haus an Thymmenburgs Rande, zwischen Stadtrand und Autobahn gelegen, besuchte, brannte der Kamin und erfüllte das gesamte Haus mit einer tropischen Wärme. Izels Großmutter war, so wie es andere Frauen dieses hohen Alters oftmals sind, sehr neugierig und in den Momenten, in denen ich auf Izel wartete oder wir zusammen zu Mittag aßen, fragte sie mich nach allerlei Aspekten meines Lebens und dem meiner Familie. Dabei lächelte sie mich zwar stets freundlich an, aber dieses Lächeln kam mir damals als Kind irgendwie merkwürdig vor und heute weiß ich, dass es ein kaltes Lächeln war, eine Maske, die ihre Abscheu wie auch ihr wissenschaftliches Interesse mir gegenüber verbarg. Akribisch sammelte sie allerlei Daten über mich, maß meinen Körper immer wieder aus, wobei sie die Ausrede nutzte, mir zu Weihnachten allerlei Pullover, Wollsocken und derartiges stricken zu wollen und sie daher Kenntnis über meine Maße benötigen würde. Um ihre Tarnung beizubehalten, schenkte sie mir tatsächlich jährlich ein neues Erzeugnis ihrer meisterhaften Strickkunst, das mir stets perfekt passte und so gut wärmte, dass ich es nur bei tiefsten Wintertemperaturen tragen konnte, ohne zu schwitzen. Vermutlich hat sie all diese Daten immer noch, festgehalten in ihren zahlreichen Notizbüchern, die sich heute mit ihr und Izel irgendwo bei Mexiko befinden dürften, und ich frage mich schaudernd, welchem Verwendungszweck ihre Verwandten die Körpermaße eines vietnamesischen Menschenkindes zuführen werden…

Als ich Izel einmal behutsam fragte, warum sie bei ihrer Großmutter und nicht bei ihren Eltern wohne, zeigte sie mir ein Foto ihrer deutschen Mutter und erzählte mir, dass diese bei ihrer Geburt gestorben sei. Ihr mexikanischer Vater konnte sich nicht um sie kümmern, denn er habe Aufgaben höherer Dringlichkeit und Wichtigkeit zu verrichten als die Erziehung eines Kindes, weshalb er seine Mutter – Izels Großmutter – die Obhut über Izel gegeben habe. Als ich einen abfälligen Kommentar darüber verlor, wie herzlos ihr Vater sei, weil er andere Dinge wichtiger einstufte als seine eigene Tochter, widersprach Izel mir sofort und heftig: Gerade weil er seine Arbeit ihr vorzöge, müsse diese von hoher Bedeutung sein, daran zweifle sie nicht und sie versicherte mir, dass ihr Vater eines Tages zu ihr zurückkehren werde. Ich diskutierte nicht weiter mit ihr und erkannte, dass ihr Vater ein sensibles Thema war, dass ich lieber nicht noch einmal ansprechen wollte.

Die Einrichtung von Izel und ihrer Großmutter war für den nichts ahnenden Besucher großteils unauffällig. Was herausstach, war der Duft von Lavendel, denn in jeder Ecke des Hauses stand ein Topf mit dieser Pflanze, die ihren Geruch überallhin verströmte. Die Pflanzen legten damit eine dicke Duftschicht über den anderen, weniger angenehmen Geruch, der im Haus herrschte, sodass dieser kaum wahrnehmbar wurde. Und wenn meine feine Kindernase ihn doch roch, so erzeugte dieser ein undefinierbares, mulmiges Gefühl in meinem Magen. Das andere, was mir auffiel, waren die ziemlich alt aussehenden, dicken Bücher in Ledereinband, die in den Regalen hinter abgeschlossenen Vitrinentüren standen. Auf ihren Buchrücken waren keine Titel aufgedruckt, sondern entweder wirre Zeichen oder gar nichts. Wir rätselten lange darüber, was in diesen alten Büchern stünde, die Izels Großmutter weder mir noch ihrer Enkelin zeigen mochte.

Erst als Izel und ich in die fünfte Klasse des Thymmenburger Gymnasiums kamen, zeigte ihre Großmutter ihr eines dieser alten Wälzer und Izel erzählte mir, dass es vollständig in diesen wirren Zeichen geschrieben worden sei, die wir auf den Buchrücken gesehen hatten, und die ihre Großmutter ihr nun anfange beizubringen. Am Anfang war sie mir gegenüber ziemlich offen und sie brachte mir während der großen Pausen oder während ihrer Besuche bei mir zu Hause parallel zu dem Unterricht ihrer Großmutter diese fremden Schriftzeichen bei. Nachdem Izel die Zeichen verinnerlicht hatte, begann ihre Großmutter, ihr eine Sprache beizubringen, die diese Zeichen benutzte. Izel lehrte mich wiederum einige Vokabeln oder Phrasen in dieser Sprache, die sich Naacal nannte, doch wurde mein Unterricht darin im Laufe der Zeit immer spärlicher. Dann und wann, wenn ich Izel nach neuen Wörtern oder Phrasen fragte, brachte sie mir zögerlich ein neues Wort bei, doch es schien mir, dass sie die Lust verloren hatte, mich weiterhin in Naacal zu unterrichten. Vielleicht hing dies auch irgendwie mit ihrem generellen Unwohlsein zusammen, das sich im Laufe der sechsten Klasse entwickelte und mit einem Hautleiden zu tun hatte. Ich beobachtete, wie sie sich oft juckte und kratzte, wobei silbrige Hautschuppen von ihr abfielen. Regelmäßig behandelte sie ihre Haut mit diversen Hautlotionen, die beruhigend wirken sollten, jedoch kaum eine Wirkung zu erzielen schienen. Ich bemerkte, wie sie fortan immer langärmelige Kleidung zu tragen pflegte, wohl damit niemand einen Blick auf ihre Haut werfen konnte, doch manchmal schaffte ich es, in der Umkleide vor und nach dem Sportunterricht, wenn sie ihre Jeans und Pullover hastig gegen eine lange Jogginghose und ein langärmeliges, dünnes Oberteil austauschte, die silbrig schuppigen Hautläsionen zu erhaschen, die sich auf ihrem gesamten Körper ausbreiteten. Da ihr dieses Thema sichtlich unangenehm zu sein schien, sprach ich sie nicht darauf an, und hoffte innerlich, dass sich meine Freundin bald von dieser Krankheit erholen würde.

Am Ende des sechsten Schuljahrs lagen Izel und ich uns weinend in den Armen. Denn mein Vater hatte ein vielversprechendes Arbeitsangebot in der Nähe von Berlin erhalten, das er nicht abschlagen konnte. Meine Familie und ich zogen in den Sommerferien dorthin um, fast 600 km weit entfernt von Thymmenburg. Fortan hielten Izel und ich über Briefe Kontakt. Wir schrieben uns wöchentlich und unsere Briefe hatten stets romanartige Ausmaße, wobei wir klein und eng schrieben, um Briefmarken zu sparen. Wir hofften für uns gegenseitig, dass wir im siebten Schuljahr neue Freunde kennenlernen würden, damit wir nicht einsam blieben, und tatsächlich realisierte sich dieser Wunsch für mich: Die Klassenkameraden, die ich in meiner neuen Schule kennenlernte, waren generell toleranter und freundlicher; sie mochten mich auf Anhieb und ich wurde fest in einer Clique etabliert. Izel, die für das siebte Schuljahr ebenfalls neue Klassenkameraden erhielt, hatte jedoch nicht so viel Glück. Obwohl ihre Klasse aus großteils neuen Gesichtern bestand, änderte sich nichts, denn es waren ja doch wieder Kinder von gebürtigen Thymmenburgern, die anscheinend ihre Engstirnigkeit und Verschlossenheit an ihre Nachkommen weitervererbten. Es war herzzerbrechend, wie sie in ihren Briefen an mich ihre Versuche beschrieb, sich irgendwie in die Klassengemeinschaft zu integrieren: Sich mit den Mädchen zu sozialisieren, hatte sie nach wenigen Tagen aufgegeben; stattdessen nutzte sie ihr Videospiel-Hobby, um sich über diese Gemeinsamkeit mit den Jungs anzufreunden. Diese mochten zwar dann in den kleinen Pausen zwischen dem Unterricht freundliche Worte mit ihr austauschen, doch mehr als das entwickelte sich nicht, schon gar nicht etwas, das man als eine Freundschaft bezeichnen hätte können. Versuchte Izel sich, in den großen Pausen zu ihnen zu stellen, wurde sie ignoriert, als sei sie Luft. Fand sie in ihrem Kreis eine Lücke und zwängte sich hinein, wurde die Lücke nach weniger Zeit vor ihr verschlossen, als würde sie immer noch als Lücke betrachtet werden. Letzten Endes verbrachte Izel ihre großen Pausen völlig alleine und wurde dabei sogar noch von Fünftklässlern geärgert, die es sich einen Spaß machten, sie anzurempeln oder absichtlich Bälle in ihre Richtung zu schießen. Fast noch herzzerbrechender waren jedoch ihre Briefe, in denen sie ihre Resignation in Worte fasste und es schließlich aufgab, sich mit irgendwem in der Schule zu sozialisieren.

Die große Änderung folgte in der neunten Klasse, als sich Izel in einen Jungen verliebte, der in ihre Klasse gewechselt war und ebenso einsam und verstoßen wie sie war. Wenn ich an die Briefe zurückdenke, in denen sie lange schwärmerische Texte über ihn verfasste, schüttelt es mich vor Kitsch, aber damals war ich froh für sie und umso froher war ich, als die beiden tatsächlich zusammen kamen. Jetzt wird alles besser für Izel, hatte ich gedacht. Als ich sie in den nachfolgenden Sommerferien in Thymmenburg besuchen kam, lernte ich ihn kennen, und auch wenn ich so manche Lobreden in Izels Briefen nicht teilen konnte, so fand ich ihn nett genug, dass ich ihm meine Izel anvertrauen mochte. Damals war mir nicht bewusst gewesen, dass dies jedoch das Anfang vom Ende war.

In der zehnten Klasse kam es nämlich zum Bruch ihrer Beziehung. Dahinter verbarg sich eine seltsame Geschichte, die ich auch nach mehrmaligem Lesen von Izels tränenbefleckten Brief nicht ganz nachvollziehen konnte. Anscheinend hatte sie sich mit ihrer Großmutter gestritten, der die Beziehung wohl die ganze Zeit ein Dorn im Auge gewesen war, und sie sei nach dem Streit losgegangen, um Trost bei ihrem Freund zu suchen. Was sie nicht wusste, war, dass sich dieser zu diesem Zeitpunkt mitten in einer Grillfeier mit zahlreichen Freunden und Bekannten seiner Eltern befand, dem ganzen harten Kern von Thymmenburg, denn seine Eltern waren gebürtige und stolze Thymmenburger, die sich stark für die Aufrechterhaltung der Thymmenburger Kultur engagierten. Überfordert mit der Situation rannte Izel ins Haus, um sich weinend in das Bett ihres Freundes zu werfen, der erst nach vielen Stunden hinzukam und sie, anstatt ihr beizustehen, wegen ihres unhöflichen Verhaltens tadelte. Mit den Nerven am Ende ging Izel, verfolgt von unangenehmen Blicken der Gäste, wieder nach Hause zu ihrer Großmutter. Danach wurde alles schlimmer: Auf Drängen seiner Eltern beendete ihr Freund offiziell die Beziehung zur „asozialen“ und „autistischen“ Izel. Die stille Post ging in Thymmenburg um sich und schon bald war Izel jedem in der kleinen Gemeinde bekannt und verhasst. Wenn sie durch die Straßen lief, zeigten Menschen auf sie und tuschelten – so schrieb sie mir. Eines Tages hätte eine unbekannte Frau, die auf ihrem Schulweg wohnte, sie sogar angepöbelt und beschimpft, weswegen sie seitdem einen Umweg zur Schule nahm, um ihr nicht noch einmal zu begegnen. Überhaupt traute sie sich kaum aus dem Haus, außer um sich heimlich mit ihrem Ex-Freund zu treffen. Zusammen sprachen sie von großen Plänen, nach der Schule zusammen durchzubrennen. Ich tat alles, um sie in meinen Briefen zu warnen, denn dieser Typ war mir längst nicht mehr geheuer, nein, ich war wütend auf ihn. Damals schrieb ich Izel sogar, dass sie nur Bescheid geben solle, und ich würde sofort die nächste Zugverbindung nach Thymmenburg heraussuchen und kommen, um diesen Idioten eigenhändig umzubringen. Sie stand zu ihm bis zu jenem Augenblick, der das Schicksal von ganz Thymmenburg besiegelte, jenem Augenblick, in dem Izel erfuhr, dass er sie betrog, schon bevor sie sich offiziell voneinander getrennt hatten.

Die Briefe, die Izel mir hiernach schickte, waren zuerst voller Traurigkeit und Depression, entwickelten jedoch bald eine andere, Furcht erregende Natur. Sie schrieb über Rituale, über die sie in den Büchern ihrer Großmutter gelesen hatte, und dass nun wohl die Zeit gekommen sei, ihren Vater herbeizurufen. Auf meine Fragen hin, was all das bedeutete, erhielt ich keine oder nur kryptische Antworten. Als ich ihr gegenüber meine Besorgnis bekundete, erwiderte sie, dass ich mir keine Sorgen um sie machen solle, denn alles würde sich bald zum Besseren wenden. Der letzte Brief, den ich von ihr erhielt, befand sich in einem gepolsterten Umschlag zusammen mit einem goldenen, wertvoll aussehenden Amulett. Als es aus dem Umschlag in meine Hand kullerte, durchfuhr meinen Körper ein Zittern, obwohl sich das Amulett unnatürlich warm anfühlte und auch mein Zimmer angenehm beheizt war. War es das Motiv, das mir Angst machte, ein schlangenartiges Wesen mit Armen und Beinen, der eine lange gespaltene Zunge aus seinem Maul gestreckt hatte und dessen mit einem blutroten Edelstein besetztes Auge mich höhnisch anfunkelte? Oder waren es der Anblick der Naacal-Schriftzeichen, die auf der Rückseite in das Metall eingraviert waren? Aus meinen früheren „Unterrichtsstunden“ mit Izel erkannte ich das Naacal-Wort „Tochter“ darauf, doch den anderen Begriff konnte ich nicht entziffern, zumindest damals noch nicht… Oder war es allgemein eine dunkle Vorahnung, die mich bezüglich des Inhalts des Briefes beschlich? Dieser war außergewöhnlich kurz gehalten für unsere Verhältnisse und ich brauche ihn nicht zu suchen, um ihn zu rezitieren, denn sein Inhalt hat sich vor meinem geistigen Auge eingebrannt:

Liebste und einzige Freundin, die ich jemals hatte,

es ist soweit. Großmutter hat mir die letzten Formeln beigebracht. Die menschliche Welt wird bald um ein Thymmenburg ärmer sein, was sie meiner Meinung nach reicher machen wird. Denn mein Vater wird Thymmenburg bald einen Besuch abstatten. Seine Agenten sind unter uns und stehen bereit – in jedem Winkel der Welt –, um alles auszuradieren, was jemals an Thymmenburg und seinen Abschaum erinnern könnte. Und dann werde auch ich verschwinden. Doch ich könnte niemals damit leben, dass auch du mich vergessen könntest, und daher schenke ich dir meinen kostbarsten Besitz, dieses Amulett, das mein Vater mir zu meiner Geburt geschenkt hat. Seine Agenten werden daran erkennen, dass du meine Freundin bist, und dich verschonen. Mache dir keine Sorgen mehr um mich, denn ich werde bald unter meinesgleichen sein.

Mach‘s gut.

Izel

Mein Herz raste, als ich das las. Ich stürmte zum Telefon und versuchte mehrere Male, sie oder ihre Großmutter zu erreichen, doch niemand hob ab. Panisch wandte ich mich an meine Eltern, die versuchten, mich zu beruhigen, doch ich sah ihnen an, dass auch sie der Inhalt von Izels Brief verstörte. Sie schlugen vor, Izel am nächsten Tag telefonisch erreichen zu versuchen, und versprachen mir, dann die Thymmenburger Polizei zu verständigen, wenn sie sich dann immer noch nicht meldete.

Während ich diese Nacht im Bett lag, hatte ich mir Izels Amulett um den Hals gelegt und presste es fest an meine Brust, in der irrationalen Hoffnung, ich könnte dadurch irgendwie Kontakt zu ihr aufnehmen. Gleichzeitig versuchte ich mir einzureden, dass alles gut werden würde. Spät nachts schlief ich unruhig ein. Dann kamen die Träume.

Ich stand mitten in Thymmenburg und Thymmenburg stand in Flammen. Alles brannte lichterloh und das Feuer war merkwürdig unnatürlich, dunkelrot, wie geradewegs aus der Hölle. Um mich herum herrschte das reinste Chaos. Menschen schrien voller Todesangst und rannten ziellos umher. Feuerwehrleute versuchten, die Flammen zu löschen, doch diese reagierten überhaupt nicht auf die Löschflüssigkeit. Dann sah ich, wie eine lange Flamme gleich einem Tentakel sich aus einem der brennenden Häuser streckte und einen der Feuerwehrmänner ergriff. Das Feuer ging sofort auf ihn herüber, der voller Schmerzen qualvoll kreischte, bis er nicht mehr kreischen konnte, während die Flammen ihn verzehrten. Starr vor Angst beobachtete ich, wie noch mehr solche Feuertentakel aus den Häusern nach fliehenden Thymmenburgern griffen und sie in ihrem Griff am lebendigen Leibe verbrannten. Hinter mir hörte ich ein Zischen und als ich mich umdrehte, sah ich Ebenbilder des Bildnisses auf meinem Amulett: aufrecht gehende Schlangen in aztekisch anmutenden Gewändern, die Dolche mit geschlängelten Klingen hielten, an denen bereits Blut tropfte.

Ich rannte. Ich vernahm ihre Schritte hinter mir und ihr gieriges Zischen, sah in der Ferne weitere dieser Monster, die Jagd auf Menschen machten und sie mehrmals frohlockend niederstachen. Vertraute Gesichter tauchten hier und da auf, schmerzverzerrt und leidend. Und war das Izels Ex-Freund, der da quälend langsam Stück für Stück von einem Schlangenmensch mit silbern glänzenden Schuppen auseinandergerissen wurde? Da blitzte beim Anblick dieses Wesens Izels Gesicht vor meinem geistigen Auge auf. Izel! Befand sie sich etwa auch in dieser Hölle? Ich lief und lief durch die vertrauten Straßen, die mich zu ihrem Haus am Stadtrand brachten und hoffte, dass ich sie dort heil vorfinden würde. Meine Häscher blieben mir dicht auf den Fersen, doch ich gab die Hoffnung nicht auf, dass uns beiden womöglich die Flucht aus dieser Apokalypse gelingen könnte. Als ich jedoch an Izels Haus ankam, stand seine Tür schon sperrangelweit offen, und wo eigentlich hinter dem Haus die Autobahn verlaufen sollte, endete die Stadt Thymmenburg an einer steilen Felswand. Als ich den Kopf verzweifelt in den Nacken warf, konnte ich das Ende der Wand kaum erkennen. Sie schien Thymmenburg zu umfassen und weit, weit oben meinte ich den Mond in dieses infernalische Erdloch herabscheinen zu sehen, unendlich weit entfernt.

Die Schlangenwesen hatten mich eingeholt. Ich versuchte, mein Schicksal zu akzeptieren und drehte mich zu ihnen um, die da mit lüsternem Ausdruck und erhobenen Klingen standen. Sie kamen langsam näher, als ob sie sich an meiner Angst so lange wie möglich laben wollten, doch dann hielten sie inne, als das Feuer, das ganz Thymmenburg erfasst hatte, auf Izels Amulett um meinen Hals schien und das rote Licht in ihren Augen reflektierte.

„Dich nicht…“, zischten sie, „Dich trifft Yigs Zorn nicht…“

Dann packte mich ein Feuertentakel. Ich schrie und erwartete bereits unsägliche Schmerzen, doch die kamen nicht. Die dunkelroten Flammen prickelten angenehm warm auf meinem Körper. Die Flamme hob mich in die Höhe, sodass die Schlangenwesen, die mir nachblickten, unter mir immer kleiner wurden. Immer höher und höher hob mich diese Flamme, bis ich ganz Thymmenburg überblicken konnte, das vom Feuer verzehrt wurde, und über dem etliche gepeinigte Menschenschreie hallten. Die Todesschreie wurden immer leiser, die leibhaftige Hölle wurde immer ferner, und während ich auf die brennende Stadt herabschaute, sah ich einen riesigen dunklen Schatten einer Schlange mit blutrot funkelnden Augen verhängnisvoll über sie hängen, und der Anblick versetzte mich in solche Furcht, dass ich die Augenlider zusammenpresste, um ihn nicht länger ertragen zu müssen. Irgendwann spürte ich kühles Gras unter mir und ich hörte ein seltsam vertrautes Rauschen. Als ich die Augen wieder öffnete, fand ich mich in der Nähe der Autobahn wieder, die am Rande von Thymmenburg verlief, wo auch Izels Haus stand… Doch als ich mich im Mondlicht umschaute, sah ich Izels Haus nicht mehr. Ich sah überhaupt keine Häuser mehr. Und dann wachte ich schweißgebadet in meinem Bett in Berlin auf.

Thymmenburg ist verschwunden und mit ihr sämtliche Einwohner einschließlich meiner Freundin Izel und ihrer Großmutter. Jegliche Aufzeichnungen und Erinnerungen, die von der Existenz Thymmenburgs gezeugt hätten, sind getilgt worden. Thymmenburg gibt es nicht und hat es niemals gegeben, beteuerten meine Eltern am nächsten Morgen, und das, obwohl sie jahrelang dort gelebt haben. Doch wenn ich sie darauf hinweise, widersprechen sie mir: Nein, mein Vater habe schon immer diese Stelle in Berlin gehabt. Und dann zeigten sie mir den Arbeitsvertrag, dessen Datierung ihre Aussagen bestätigt.

Auch auf den Zugplänen der Bahn ist Thymmenburg nicht mehr zu finden. Als ich während meines Studiums die gewohnte Zugverbindung nahm, hielt der Zug niemals bei Thymmenburg an und ich sah weder ihren Bahnhof noch die Stadt selbst, als ich mit höchster Aufmerksamkeit aus dem Fenster des Zuges Ausschau danach hielt. Die Straße, die nach Thymmenburg führte, existiert nicht mehr. Dort, wo Thymmenburg sein sollte, liegt eine begrünte Hügellandschaft mit einigen verstreuten Bäumen. Ein Schild weist auf ein Naturschutzgebiet hin und bittet darum, die brütenden Vögel nicht zu stören.

Und die Briefe von Izel, die ich alle sorgfältig aufbewahrt hatte? Ich konnte sie nicht mehr finden. Nur noch das Amulett war mir geblieben – von dem meine Eltern felsenfest behaupteten, eine entfernte Verwandte hätte mir dies zu meiner Taufe geschenkt und es habe mir schon immer gehört. Als ich eines Abends meine Eltern belauschte, wie sie sich besprachen, ob sie mich lieber zu einem Psychotherapeuten bringen sollten, hörte ich auf, den Namen Izel in den Mund zu nehmen.

Doch ich vergaß Izel und meine Kindheit mit ihr nie. Nach meinem Abitur begann ich, Archäologie zu studieren und mich im Laufe meines Studiums auf Altamerikanistik vertiefen. In meiner Abschlussarbeit beschäftigte ich mich mit den Arbeiten von Augustus Le Plongeon und James Churchward über die Naacal-Kultur. Dabei kam ich auch in Kontakt mit bestimmten okkulten Büchern in der eingeschränkten Abteilung der Universitätsbibliothek, die meiner Meinung nach verboten werden sollten, und lernte von ihnen die Bedeutung des zweiten Naacal-Wortes auf der Rückseite von Izels Amulett kennen, das ich damals noch nicht verstanden hatte. Als mir damit ansatzweise klar wurde, wer – was – Izel war und vor allem wer ihr mächtiger Vater war, zog ich Izels Amulett nie wieder auch nur einen Augenblick aus. Doch zugleich hoffte ich, dass meine Eltern Recht hatten: dass all meine Kindheitserinnerungen nur ein gewaltiger Streich meines Gehirns waren, irgendeine seltsame Demenzkrankheit, die mir falsche Erinnerungen vorgaukelte.

Doch nun halte ich diese mexikanische Postkarte von Izel in meiner Hand und ich bin mir wieder absolut sicher: Sie sind unter uns. Überall. Sie nehmen die Gestalt von uns Menschen an, um uns zu beobachten, auszuspionieren, Wissen und Daten über uns zu sammeln… und abzuwarten. Geduldig abzuwarten, bis ihre Zeit gekommen ist, in der sie wieder die Herrschaft über den Planeten annehmen werden. Yig heißt ihr Gott, der allmächtige Vater der Schlangen, der über jeden von ihnen wacht… und der sich manchmal in die Menschenwelt begibt, um eine Frau mit seiner Brut zu segnen. Das Kind aus dieser Verbindung hat sowohl menschliches Blut als auch Yigs Blut inne und mag es auch die ersten Lebensjahre als menschliches Kind erscheinen, so setzt sich nach und nach immer das dominantere Blut des Schlangenvolks durch. Die Schlangenmenschen in Yoth nennen sie „die Auserwählten von Yig“ und alle Autoren jener okkulten Bücher sind sich einig, dass man ihren Missmut nicht auf sich ziehen sollte, wenn man damit nicht auch Yigs alles verzehrenden Zorn auf sich lenken will.

Habe ich nun Glück oder Unglück, dass ich Izels beste Freundin wurde? Ich bin mir nicht sicher. Sollte das Schlangenvolk noch zu meinen Lebzeiten beschließen, die Welt zurück zu erobern, werde ich da als erbärmlicher Mensch immer noch von ihrer Rache verschont bleiben, die ich mit Izel, – oder, wie das Amulett sie nennt – der Tochter von Yig, befreundet bin?

Von Laura A. M. D’Angelo, verfasst am 25.11.2021.

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