17. August 2022

Tote Titanen, erwacht!

Was liegt außerhalb unseres Universums? Das ist eine Frage, die die Menschheit wohl niemals mit wissenschaftlicher Gewissheit beantworten werden kann. Diverse spekulative Theorien kursieren in der Physik, wie etwa die Theorie des Multiversums, in dem unser Universum nur ein Bläschen inmitten eines Schaums unendlich vieler anderer Universen darstellt, jedes mit seinen eigenen Eigenschaften und Naturgesetzen.

Auch ich fand diese Frage nach der Natur unseres Universums schon immer interessant. Wissenschaftliche Zeitschriften mit Artikeln über Astrophysik und das Universum sammle und lese ich seit meiner Jugend, und während meine Klassenkameradinnen auf unserer Shopping-Tour ihr Taschengeld für neue Kleider ausgaben, ging ich in den Buchhandel und kaufte mir Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Das war übrigens das erste und zugleich letzte Mal, das man mich auf eine Shopping-Tour mitnahm.

Eines meiner eigenen Gedankenspiele zur Natur des unvorstellbar großen Universums hat mit dem unvorstellbar kleinen Elementarteilchen zu tun, aus dem jede Materie besteht: Was, wenn jedes Elementarteilchen in unserer Welt nur ein weiteres Universum in sich beinhaltet, und unser Universum nur der Kern eines Elementarteilchens in einem größeren Universum ist, und sich dies so in beide Richtungen fortsetzt?

Donald Wandrei: „Tote Titanen, erwacht!“, erschienen beim Festa-Verlag.

Diesem Gedankenspiel hat sich auch Donald Wandrei gewidmet in seinem Buch „Tote Titanen, erwacht!“, das im November 2020 als zweites Band der limitierten Bibliothek des Schreckens des Festa-Verlages erschienen ist (über das erste Band „Die Romanze von Dunwich“ von Edward Lee berichtete ich bereits).

Wer ist Donald Wandrei?

Donald Albert Wandrei wurde am 20. April 1908 in Saint Paul (Minnesota, USA) geboren und ist dort am 15. Oktober 1987 im Alter von 79 Jahren verstorben. Wie H. P. Lovecraft veröffentlichte er einige schriftstellerische Werke in Pulp-Magazinen wie etwa Weird Tales, unter anderem auch lyrischer Art.

Foto von Donald Wandrei (Quelle: Festa-Verlag).

Wandrei war ein (Brief-)Freund von Lovecraft und reiste Ende 1927 per Anhalter von Minnesota nach Rhode Island, um diesen zu besuchen und gemeinsam einige Exkursionen zu unternehmen. Nach Lovecrafts Tod gründete Donald Wandrei zusammen mit August Derleth den Arkham House-Verlag, um die Werke von Lovecraft für die Nachwelt zu sichern und zu verbreiten.

Den Roman „Tote Titanen, erwacht!“ (original: „Dead Titans, Waken!“) begann er im Jahr 1929 im Alter von 21 Jahren zu schreiben und schloss ihn zwei Jahre später ab. Leider konnte er keinen Verleger für sein Werk finden. Erst 1948 erschien eine stark überarbeitete Version namens „The Web of Easter Island“ im Arkham House-Verlag.

Eindrücke zu „Tote Titanen, erwacht!“

Die Protagonist Carter Graham, ist ein Archäologe, der sich der Suche nach dem Ursprung von Leben und Tod gewidmet hat. Seine Beschreibung – groß und schlank, glatt rasiert, tief sitzende Augen – erinnerte mich stark an Lovecraft selbst. Graham findet eine mysteriöse und abscheuliche Statuette in einem Dorf in der Nähe des Stonehenge. Diese wird Dreh- und Angelpunkt einer Reihe von apokalyptischer Entwicklungen.

Anfangs ist mein Eindruck vom Roman gemischt: Einerseits finde ich die Beschreibungen unmöglicher Geometrien und Eigenschaften, die insbesondere die Statuette innehat, sehr gelungen. Andererseits verdrießen mich die Schachtelsätze, die sich teilweise über mehrere Zeilen hinweg erstrecken, und die ich manchmal mehrmals nachlesen musste, um ihren Sinn zu verstehen. Irritiert haben mich auch Sätze, in denen das Subjekt erst im zweiten Teilsatz genannt wurde, ohne dass er im Satz zuvor vorkam. Das resultierte darin, dass ich das Lesen des Satzes abbrach und in den Sätzen zuvor nach dem Subjekt suchte, keinen Zusammenhang fand und nach dem zweiten Ansatz erst fündig würde.

Ob dies die Schuld vom Autor oder des Übersetzers war, weiß ich nicht, da ich den englischen Originaltext nicht kenne. Meiner Meinung nach hätte man aber einiges sicherlich besser ins Deutsche übersetzen können.

Nach zwei Kapiteln hatte ich aber insgesamt einen guten Eindruck. Ich war in einem positiven Sinne verwirrt und fragte mich: Was ist da los? Was passiert mit den Menschen, die die seltsame Statuette in ihrem Besitz haben, und warum? Ist die Statuette, die die verschiedenen Personen finden, immer dieselbe, oder gibt es mehrere von ihnen?

Richtig mitreißen konnte mich die Handlung aber erst ab der zweiten Hälfte. Dann raste alles recht schnell auf den Höhepunkt der Geschichte zu und ich las den Roman in einem Rutsch zu Ende, um zu erfahren, wie es Graham ergehen würde – denn dies ist bis zum Ende (und darüber hinaus) nicht 100%ig klar.

Interessante Perspektivwechsel

Sehr interessant und abwechslungsreich empfand ich die häufigen Perspektivwechsel von Kapitel zu Kapitel. Nicht nur wechselt die Person, aus dessen Sichtweise die Handlung erzählt wird, sondern auch die Erzählperspektive selbst wird öfters gewechselt.

Großteils wird die Handlung von der dritten Person erzählt, mal aber auch aus der Ich-Perspektive in Form von gedankenverlorenen Tagebucheinträgen oder surrealen Träumen. Mit Zeitungsausschnitten werden Geschehnisse aus aller Welt auf smarte Weise zusammengetragen und mit Briefen wird aufgeklärt, was in der Zwischenzeit mit anderen Charakteren geschah. Sogar ein Gedicht findet sich im Laufe der Handlung, welches mir supergut gefallen hat und zukünftige Geschehnisse auf rätselhafte und unersichtliche Weise andeutet.

Der Schreibstil der jeweiligen Kapitel passt sich dann auch sehr authentisch an die jeweilige Schreibform dar. Während in der dritten Person die Handlungen von Graham eher objektiv beschrieben werden und man nur wenige seiner Gedanken und Empfindungen mitbekommt, sitzt man in seinen Tagebucheinträgen aus der Ich-Perspektive tief in seinem Kopf, folgt allen seinen wirren Gedankengängen, und fühlt seine Emotionen hautnah mit. Entsprechend sind diese überladen von Adjektiven und Wiederholungen, die die intensiven und sich kreisenden Gedanken widerspiegeln sollen. Meine eigenen, emotionaleren Tagebucheinträge lesen sich ähnlich, von daher finde ich die Darstellung gut gelungen.

Von kosmischem Horror zu Mystery zu Science-Fiction

„Tote Titanen, erwacht!“ lässt sich nicht einem einzigen Genre zuordnen. Zu Beginn herrscht der kosmische Horror vor und die Machtlosigkeit des Menschens ihm gegenüber.

Nach und nach entwickelt sich die Handlung zu einer mysteriösen Schnitzeljagd: Graham fügt nach und nach alle Hinweise zusammen und versucht, das kosmische Rätsel zu lösen, das sich vor ihn aufgetan haben. Es scheint zunächst, als würden immer nur noch mehr Fragen aufgeworfen werden, und mit vielen Hinweisen kann Graham zunächst nichts anfangen. Im Laufe der Handlung erschließt sich aber immer stärker ihr entsetzlicher Sinn bis hin zum Höhepunkt der Geschichte.

Am Ende gibt es schließlich Elemente aus dem Genre des Science-Fictions, sicherlich inspiriert von zeitgenössischen Science-Fiction-Autoren wie H. G. Wells. Die pseudo-wissenschaftlichen Versuche, die Ereignisse retrospektiv zu erklären, waren schwammig gehalten, aber die Richtung, in der sie gingen, fand ich interessant. So fügt Wandrei den vier Dimensionen (drei Raumdimensionen und die Zeitdimension) eine fünfte Dimension hinzu, die er ominös „Omega“ nennt und noch ominöser definiert als „eine fünfte Dimension, welche die Gesamtheit des Universums darstellt, die durch eine dreifache Potenzierung des unendlichen Raums gewonnen wird“…

Alle drei Genres – kosmischer Horror, Mystery und Science-Fiction – bündeln sich in einer Frage, die den ganzen Roman hinweg beherrscht: Was befindet sich außerhalb unseres Universums? Damit verbunden sind die Fragen nach dem Sinn und der Herkunft des Lebens.

Wandrei geht das folgende Gedankenexperiment ein: Was, wenn unser Universum nur ein Atom in einem anderen, viel größeren Universum ist, das von ganz andersartigen gigantischen Wesen, den Titanen, bewohnt wird? Diese Überlegung wird in der Handlung konsequent durchgeführt und endet schließlich mit einer unheimlichen und genialen Pointe, die man sich hätte denken können, aber bis zuletzt nicht wahrhaben will, und brutal die Bedeutungslosigkeit des Menschen aufzeigt.

Querverweise zu H. P. Lovecraft

Ohne Frage hat sich Donald Wandrei von den Werken H. P. Lovecrafts inspirieren lassen, als er „Tote Titanen, erwacht!“ schrieb.

Da wäre als erstes Lovecrafts Kurzgeschichte „Cthulhus Ruf“ zu nennen, aus der viele Elemente auch in „Tote Titanen, erwacht!“ auftauchen: eine abscheuliche Statuette, nicht-euklidische Geometrien, Albträume über das nahende Unheil, von denen besonders die emotionaleren Menschen wie Poeten und Künstler betroffen sind, Unruhen unter den spirituellen Eingeborenen-Völkern, versinkende und wieder auftauchende Inseln, eine rätselhafte Schrift- und Lautsprache… Auch die wechselnden Perspektiven und Erzählformen erinnern an die Struktur von „Cthulhus Ruf“.

Einige Stellen haben mich auch an „Das Grauen von Dunwich“ erinnert, insbesondere gegen Ende:

Der Protagonist selbst, Carter Graham, mag als Gelehrter auch an Dr. Henry Armitage erinnern. Sicherlich ist es auch kein Zufall, dass er mit Vornamen ausgerechnet Carter heißt und damit an Randolph Carter denken lässt, eine wiederkehrende Figur in Lovecrafts Geschichten, von der vermutet wird, es sei Lovecrafts Alter Ego.

Das gleichnamige Wesen aus Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ tritt in Wandreis Roman ebenso auf und wird direkt so genannt, wobei es mir persönlich schwer fiel, die beschriebenen Eigenschaften aus „Tote Titanen, erwacht!“ mit denen aus Lovecrafts Werk direkt im Einklang zu bringen. Der Zusammenhang, in dem die Farbe aus dem All in Wandreis Handlung auftaucht, ist jedenfalls interessant.

Weitere Querverweise, die mir aufgefallen sind:

  • Der extrem tiefe Schacht, der sich nicht nur in England, sondern auch in Ägypten findet, erinnerte mich an den Schacht, in dem Harry Houdini in Lovecrafts Kurzgeschichte „Gefangen bei den Pharaonen“ an einem Seil herabgelassen wird.
  • Das, was sich schließlich unten im Schacht finden lässt, ähnelt der Entdeckung, die zuletzt in „Die Ratten im Gemäuer“ gemacht wird.
  • Die Selbstmordkammern in New York könnten 1:1 aus Robert W. Chambers‘ Kurzgeschichte „Der Wiederhersteller des guten Rufes“ entnommen worden sein.
  • Die zukünftige Insektenrasse, die gegen Ende von „Tote Titanen, erwacht!“ erwähnt wird, könnte übereinstimmen mit der neuen Form der Großen Rasse, die sie in einer zukünftigen Zeit annehmen wird, wie Lovecraft in seiner Kurzgeschichte „Der Schatten aus der Zeit“ schildert.

Fazit

Obgleich die Übersetzung sich etwas umständlich liest, empfand ich „Tote Titanen, erwacht!“ als eine spannende und sehr interessante Lektüre. Die wechselnden Erzählperspektiven stellen ein kreatives Schreibmittel dar und die unterschiedlichen Erzählformen werden authentisch herübergebracht.

Das Gedankenspiel über das Universum als Atom wird konsequent und vergnüglich durch die Handlung hinweg behandelt. Die finale Pointe der Geschichte hat mir extrem gut gefallen: Einerseits durch die Art, wie diese sehr subtil im Vorhinein angedeutet wurde, aber bis zur letzten Seite noch nicht völlig klar war. Andererseits dadurch, dass sie perfekt in den Kontext von Lovecrafts kosmischen Horror passt und auf eine gnadenlose Weise die Bedeutungslosigkeit des Menschen aufzeigt. Genial!

Was kommt als Nächstes in die Bibliothek des Schreckens?

Der Festa-Verlag hat in ihrem Newsletter schon die nächsten drei Bände der limitierten Bibliothek des Schreckens angekündigt. Es wird sich um die folgenden Werke handeln:


Southern Gods von John Hornor Jacobs wird als eine Mischung zwischen lovecraftschem Horror und Southern Gothic beschrieben. Dort soll der Protagonist einen mysteriösen Mann finden, dessen Musik in sich ändernden Radiofrequenzen ausgestrahlt wird und von der gesagt wird, dass sie Menschen in den Wahnsinn treibt. Sein vielsagender Name ist John Hastur…

Southern Gods auf GoodReads


That Which Should Not Be von Brett J. Talley wird gelobt als eine Hommage an Lovecraft und an anderen Autoren, die den Cthulhu-Mythos bereichert haben. Ein Student der Miskatonic University soll ein okkultes Buch finden und gerät dabei in einen Pub, wo ihm vier Männer von ihren eigenen Erfahrungen mit unnatürlichen Mächten berichten.

That Which Should Not Be auf GoodReads


Rapture of the Deep von Cody Goodfellow ist eine Anthologie von neo-lovecraftschen Kurzgeschichten von Cody Goodfellow, dessen Werke von seinen Fans als originell, einzigartig und bizarr beschrieben werden.

Rapture of the Deep auf GoodReads


Weder die Bücher noch die Autoren sind mir bekannt, doch die Auswahl klingt vielversprechend. Auf jeden Fall scheint die limitierte Bibliothek des Schreckens im Jahr 2021 sich der neueren Literatur im Bereich des Cthulhu-Mythos zu widmen. Das finde ich spannend und ich freue mich schon darauf, Erfahrungen mit neuer Literatur kosmischen Schreckens machen zu können.

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