17. August 2022

Südstaaten-Gotik: Die Elementare

Bei Schauerromanen und Geisterhaus-Geschichten denkt man normalerweise an paranormalen Ereignissen in alten, viktorianischen Häusern an regnerischen, nebeligen und kalten Nächten. Das ist zumindest das Klischee. Michael McDowell hat einen Schauerroman geschrieben, der diesem Klischee fast schon diametral gegenüber steht: Die Elementare. Denn das heimgesuchte Haus steht in Alabama auf einer Halbinsel am weißen Sandstrand am Golf von Mexiko unter der gleißend heißen Sonne, die in den amerikanischen Südstaaten herrscht.

Michael McDowell: Die Elementare. Erschienen beim Festa-Verlag.

Es handelt sich hierbei um einen Southern Gothic Horror-Roman, einer Spielart des klassischen Schauerromans (englisch: Gothic Horror), den man zu deutsch wohl mit Südstaaten-Gotik oder Südstaaten-Schauerroman übersetzen könnte. Das Präfix „Southern“ deutet darauf hin, dass sich die Geschichte hauptsächlich in den amerikanischen Südstaaten abspielt – in diesem Fall in Alabama.

Die Elementare ist wohl eines der unheimlichsten Bücher, die ich je gelesen habe. In der Tat hatte ich zuvor nicht gedacht, dass ein Horror-Buch so unheimlich und beängstigend wirken kann – und das ganz ohne den Einsatz von Blut und Ekel.

Die Erzählung hat nichts mit dem Cthulhu-Mythos zu tun – zumindest nicht direkt. Es gibt aber durchaus Ähnlichkeiten zum kosmischen Horror, wie Lovecraft ihn verstanden hat, und die ich in im Folgenden noch näher erläutern werde.

Im Einklang mit H. P. Lovecraft

Der Schreibstil in Die Elementare unterscheidet sich deutlich von H. P. Lovecraft und seinen Zeitgenossen – klar, Michael McDowell ist ein jüngerer Autor und hat dieses Werk im Jahr 1981 geschrieben, rund 50 Jahre nach der Zeit von Lovecraft. Und doch bin ich mir sicher, dass Lovecraft Gefallen an dem Buch gefunden hätte. Denn McDowells Schreibstil steht im Einklang mit Lovecrafts Vorstellungen über die Gestaltung phantastischer Elemente innerhalb einer Erzählung. So schreibt Lovecraft darüber:

Unvorstellbare Ereignisse und Umstände müssen ein besonderes Hindernis überwinden, und dies kann nur erreicht werden, indem man in allen Phasen der Erzählung einen sorgsamen Realismus aufrechterhält, außer in jenen, die sich auf das eine, singuläre phantastische Element beziehen. Dieses phantastische Element muss besonders eindrucksvoll und gründlich gestaltet werden – mit sorgfältigem emotionalen „Spannungsaufbau“ -, sonst wirkt es platt und nicht überzeugend.

H. P. Lovecraft: „Notes on Writing Weird Fiction“, aus Collected Essays, Band II, Hippocampus Press 2004-2006, S. 177.

Michael McDowell schafft es nicht nur, jenen „sorgsamen Realismus“ aufrecht zu erhalten, sondern ihn einerseits interessant zu gestalten, andererseits geschickt mit dem Horror drumherum zu verweben.

Normalität, die keine ist

So führt er bereits im Prolog eine Vielzahl von Personen ein: Da ist die verstorbene Marion Savage, für die gerade eine Beerdigung in einer Kirche in Alabama stattfindet. Ein kleiner Kreis von Familienmitgliedern und engen Freunden hat sich dazu zusammengefunden: Ihre Tochter Mary-Scot, ihr Sohn Dauphin und dessen Frau Leigh. Leighs Mutter, Barbara McCray, die zugleich die beste Freundin der toten Marion war. Barbaras Sohn Luke, der mit seiner Tochter India von New York angereist ist. Und schließlich Odessa, das schwarze Dienstmädchen der Familie Savage.

Obwohl ich mit so vielen Personen auf einen Schlag konfrontiert wurde, fiel es mir sehr leicht, sie auseinander zu halten und mich mit ihnen vertraut zu machen. Ein Großteil der Erzählung spielt sich in Dialogen zwischen diesen Personen ab, durch die sie schnell an Tiefe gewinnen. Dabei sind es oft ganz normale Gesprächsthemen, über die sie reden. Umso stärker ist dann die Wirkung, wenn ein unheimliches Thema angesprochen wird oder eine anormale Sache geschieht. Immer wieder wird man dann plötzlich aus der scheinbaren Normalität herausgerissen und konfrontiert mit unerklärlichen Geschehnissen, die keine natürliche Erklärung besitzen können.

Den Großteil der Erzählung erlebt man aus der Sicht von India McCray, die 13-jährige Tochter von Luke McCray. Diese steht den übernatürlichen Aspekten anfangs noch skeptisch gegenüber und sie ist davon überzeugt, dass es rationale Erklärungen für all das geben muss, oder dass alles nicht so dramatisch ist, wie es die Erwachsenen beschreiben. Diese Haltung ist auch auf mich, die Leserin, übergesprungen. Gleichzeitig kam ich als Leserin nicht umhin, die mehr oder weniger subtilen Andeutungen der Erwachsenen wie Vorboten eines sich nähernden Übels wahrzunehmen.

So steigt der Spannungsbogen immer weiter und der Horror baut sich langsam zwischen den Banalitäten des Alltags auf bis zu seinem unheimlichen und unvermeidlichen Höhepunkt und der Konfrontation mit den Elementaren…

McDowells mysteriöse Elementare

Doch was sind eigentlich die Elementare? Mit der klassischen Elementen-Lehre (Feuer, Wasser, Luft, Erde) haben sie jedenfalls gar nichts zu tun. Odessa beschreibt sie India gegenüber folgendermaßen:

Was in diesem Haus ist, Kind, das weiß mehr als du. Was da drin ist, kommt nicht aus deinem Kopf. Es muss sich nicht an Regeln halten und sich so benehmen, wie man’s von Geistern erwartet. Was es tut, das tut’s, um dich zu täuschen, um dich zu überlisten, was zu glauben, das nicht stimmt. Es hat nichts Wahres an sich. Was es letzte Woche getan hat, wird es heute nicht mehr tun. Wenn du da drin irgendwas siehst, dann war’s gestern nicht da und wird auch morgen nicht da sein. Du steht vor einer dieser Türen und glaubst, dass was dahinter ist – aber da ist nichts. Es wartet oben auf dich, es wartet unten auf dich. Es steht hinter dir. Wenn du glaubst, dass es im Sand vergraben ist, dann wird’s doch hinter der Tür sein! Und nie weißt du, was das eigentlich ist, das du suchst. Du weißt nie, was du sehen wirst!

Michael McDowell: Die Elementare. Festa-Verlag, Leipzig, Deutschland: 2019. Seite 224.

Damit sind die Elementare in ihrem Charakter den cthuloiden Unwesen aus dem lovecraftschen Universum nicht unähnlich. Sie sind mysteriös und unbegreiflich, sie handeln nach keiner nachvollziehbaren Logik oder Regel, sie sind Menschen feindlich gesinnt, sie brechen Naturgesetze…

Auch ihr Ursprung ist unbekannt. Sie könnten genauso gut irgendwann aus dem All gekommen sein. Wer weiß, ob Lovecraft sie vielleicht in sein Universum aufgenommen hätte, wenn er zu Lebzeiten von ihnen gelesen hätte?

Fazit

Wer einen originellen, modernen und wahrhaft gruseligen Schauerroman sucht, dem kann ich Die Elementare von Michael McDowell sehr empfehlen. Leider ist die deutsche Ausgabe vom Festa-Verlag, die auf 999 Exemplaren limitiert war, seit einigen Tagen vergriffen. Interessenten müssen daher entweder nach einer gebrauchten Version Ausschau halten oder sich mit einer englischsprachigen Ausgabe zufrieden geben.

Weiterhin ist von Michael McDowell Cold Moon Over Babylon beim Festa-Verlag erschienen. Auch dieses Buch ist auf 999 Exemplaren limitiert. In Zukunft werde ich mir bestimmt auch dieses Werk aneignen – allerspätestens dann, wenn der Bestand beim Festa-Verlag sich dem Ende zuneigt. 😉

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