17. August 2022

Root: Ein Spiel von Macht und Recht im Waldland

Wenn ich mich entscheiden müsste, nur eine Spielefamilie in meiner Spielsammlung zu behalten und alles andere zu entsorgen, so müsste ich nicht zweimal nachdenken: Meine Wahl fiele auf Root und seinen Erweiterungen. Root ist mein absolutes Lieblingsbrettspiel und ich habe nicht nur viel Spaß daran, es in jeglicher Konstellation zu spielen, sondern mich allgemein damit zu beschäftigen und mich in die Taktiken und die Welt von Root zu vertiefen. In diesem Artikel stelle ich mein absolutes Lieblingsspiel vor.

Worum geht es in Root?

Root mag von der Grafik her süß aussehen, aber es ist keinesfalls ein Kinder- oder Familienspiel. Root ist ein taktisches Kennerspiel mit asymmetrischen Fraktionen. Das bedeutet, dass jede Fraktion anderen Spielmechaniken folgt und sich die Methoden, wie jede Fraktion Siegpunkte ergattert, voneinander unterscheiden.

Root spielt sich in einem Waldland voller Waldtiere ab. Über dieses Waldland herrschten einst die stolzen Horst-Dynastien, die sich jedoch in einem seit Ewigkeiten hinziehenden Bürgerkrieg gegenseitig schwächten. Dieses Machtvakuum nutzte die Marquise de Katz für eine Invasion des Waldlandes, um dieses zu industrialisieren und seinen Bewohnern technologischen Fortschritt zu bringen. Sich gegen den gemeinsamen Feind aufraffend schlossen sich die Dynastien zusammen, um die Katzen aus ihrem Territorium zu verdrängen. Als unterdrückte Opfer dieses Konflikts haben sich verschiedene Waldtiere zusammengetan – Mäuse, Hasen, Füchse – und die Waldland-Allianz gegründet, um sowohl gegen die Vögel als auch gegen die Katzen zu rebellieren. Und dann gibt es noch den Vagabunden, ein einsamer Wanderer und Opportunist, der die Kriegswirren für sich zu nutzen weiß.

Diese vier Fraktionen sind im Grundspiel enthalten. Über die letzten Jahre kamen Erweiterungen hinzu, die neue und kreative Fraktionen einführten: Die kapitalistischen Otter der Flussvolk-Kompanie, die Profite aus dem Krieg im Waldland schlagen wollen; der an den Drachenfürsten glaubende Echsen-Kult, der seine Religion im Waldland verbreiten will; der terroristische Krähen-Komplott, dessen Spione geheime Verschwörungen aushecken; die Maulwürfe des Untergrund-Herzogtums, die sich aus dem Boden graben und die Waldbewohner unterwerfen wollen, um ihnen ihren lang ersehnten Frieden zu bringen…

Was ich an Root liebe

Optik & Haptik

Was meine Aufmeriksamkeit als erstes einfing, als ich erstmalig in Kontakt mit Root kam, war natürlich das einzigartige Artwork von Kyle Ferrin. Die Farbgebung, das verspielte und doch hinterhältig-kriegerische Aussehen der Waldtiere, die gesamte Gestaltung des Spiels fesselten mich. Und dann erst diese Spielsteine, die trotz ihres Minimalismus so süß und hochwertig wirken.

Wie sehr ich die Optik von Root mag, merke ich immer wieder, wenn ich die Spielpackung hervorhole, alles auspacke und vorbereite. Ich mag die Haptik der Spielsteine in meinen Händen; ich mag es, mir das Artwork auf den Spielkarten anzusehen, obwohl ich jede Karte mittlerweile gut genug kenne; ich mag es, meinen Blick über das Brett mit seinen Wäldern und Lichtungen streifen zu lassen und mich immer wieder an den Details erfreuen zu können, die es aufweist.

Obwohl ich eine digitale Version von Root für meine Nintendo Switch habe, so spiele ich viel lieber das reale Brettspiel, denn vor dem Brett zu sitzen und alle Spielkomponenten in Echt vor einem zu haben ist so viel befriedigender, als lediglich die dreidimensionalen Modelle auf dem Bildschirm zu betrachten und sie durch Knopfdruck handeln zu lassen.

Asymmetrie & Strategie

Das Markenzeichen von Root sind seine asymmetrischen Fraktionen. Bereits das Grundspiel faszinierte mich damit, wie fundamental anders die Fraktionen sich spielen und anfühlen. Als immer mehr Erweiterungen herauskamen, konnte ich mir kaum noch vorstellen, dass die Entwickler so völlig andersartige und originelle Fraktionen erschaffen könnten. Umso mehr war ich jedes Mal begeistert, als ich mich bei jeder neu eingeführten Fraktion irrte.

Diese Asymmetrie ermöglicht eine ganze Bandbreite und Tiefe von Spielstrategien. Nicht nur spielt sich jede Fraktion völlig anders und verfolgt daher eine eigene Strategie, um das Spiel zu gewinnen. Darüber hinaus ist auch immer die Konstellation zu beachten, in der man spielt. Ist eine gewisse andere Fraktion mit von der Partie, so bringt sie möglicherweise gewisse Schwierigkeiten für die eigene Fraktion mit sich und man muss gegebenenfalls die eigene Spielweise anpassen.

Das macht Root zu einem Spiel, in das man sich beliebig vertiefen kann. Auch wenn ich nicht Root spiele, kann ich mich mit Root dadurch beschäftigen, dass ich über Strategien und Kombinationen nachdenke, und es macht mir Spaß, entsprechende Videos zu schauen oder Podcasts zu hören, in denen diese Themen behandelt werden.

Dazu kommt noch hinzu, dass man nicht nur die Fraktionen in einem Spiel variieren kann: Es existieren bis dato vier verschiedene Karten, auf denen man spielen kann. Jede bringt ihre speziellen Eigenheiten mit sich, die eine Anpassung der eigenen Spielstrategie erfordern. Dann gibt es auch noch ein alternatives Kartendeck, das ganz neue Twists ins Spiel bringen kann. Zuletzt wurde sogar mit den „Hirelings“, die vor kurzem im englischen Sprachraum veröffentlicht wurden, eine gänzlich neue Spielmechanik eingeführt, die Spielpartien mit niedriger Spielerzahl extrem bereichern durch kleine Fraktionen, die man während des Spielverlaufs anheuern und nutzen kann. Dass diese Erweiterung auf Deutsch herauskommt, kann ich kaum erwarten!

All das macht Root natürlich zu einem Spiel, in das man zwangsweise Zeit und Energie investieren muss, wenn man es voll auskosten will. Das tue ich gerne, weil ich das Design und die Welt von Root liebe. Gleichzeitig erschwert diese Eigenschaft es jedoch, eine geeignete Spielgruppe zu finden. Man braucht hierfür Personen, die sich genauso dediziert mit dem Spiel befassen möchten, also keine Gelegenheitsspieler.

Unberechenbarkeit & minimaler Glücksfaktor

Ich spiele auch deswegen gerne Root, weil Root nicht Schach ist. Root ist unberechenbar. Am eindeutigsten wird dies bei einem Kampf: Die Anzahl der erteilten und eingesteckten Treffer wird durch Würfelwurf bestimmt, also einem Zufallselement. Dabei sind die maximalen Treffer immer von der Anzahl der Krieger gedeckelt. Das heißt, wenn ich mit drei Marquise-Krieger einen einsamen Horst-Krieger angreife, kann ich nicht mehr als höchstens einen Treffer einstecken. Außer mein Gegner hat eine Hinterhaltskarte auf der Hand und spielt sie aus. Dann erleide ich dadurch direkt zwei Treffer, bevor der Kampf überhaupt startet.

Die Spielkarten sind das zweite Zufalls- und Unberechenbarkeitselement. Mein Gegner könnte eine Hinterhaltskarte haben und ich muss damit rechnen, sofern ich nicht sicher weiß, dass diese schon im Ablagestapel liegen. Viele Fraktionen sind aber auch generell auf irgendeine Weise auf ihre Handkarten angewiesen und brauchen z.B. bestimmte Farben unter ihren Handkarten, um bestimmte Spielzüge zu machen. Da man aber die Handkarten der anderen nicht kennt (und die anderen auch nicht wissen, was man selbst auf der Hand hat), sind die Spielzüge in Root nicht deterministisch – man spielt immer mit einer gewissen Ungewissheit.

Spielt man mit mehr als zwei Spielern, wird das Spiel sowieso immer unberechenbarer. Bevor man selbst wieder am Zug ist, führen zwei, drei oder möglicherweise mehr Spieler ihre eigenen Spielzüge aus. Bis dahin kann sich der Zustand auf dem Spielbrett signifikant geändert haben, sodass etwas, das man zuvor geplant hat, nicht mehr durchführbar ist, oder etwas, was vorher nicht im Bereich des Möglichen gewesen ist, nun doch möglich ist.

Für mich ist Root damit optimal zwischen deterministischer und glücksbasierter Spielweise angesiedelt: Das Spiel ist nicht so deterministisch wie Schach, wo jeder Zug 100%ig durchdacht sein muss und der Kopf anfängt zu rauchen. Andererseits ist der Zufallsfaktor gering genug, dass man durch eine gute Taktik und wohlüberlegte Entscheidungen immer noch zu einem guten Spielergebnis kommt.

Interaktivität & Verflechtung

Neben Taktik und Glück spielt ein drittes Element eine große Rolle bei Root: die Interaktionen mit den anderen Spielern. Die Entwickler von Root waren nämlich sehr darauf bedacht, ein sehr interaktives Spielerlebnis zu schaffen – kein „Multiplayer Solitair“ wie so manches Mainstream-Brettspiel heutzutage. Das fängt bei der unvermeidlichen Konfrontation beim Kampf um Waldland an: Kämpfen ist ein wichtiger Bestandteil von Root und man kommt nicht umhin. Durch das Kampfsystem selbst wird man sogar tendenziell dafür belohnt, Kämpfe zu beginnen, da der Angreifer immer den höheren Würfelwürf zugesprochen bekommt.

Eine wichtige Rolle spielt auch „Table Talk“, also das Gespräch mit den anderen Spielern, um diese beispielsweise davon zu überzeugen, dass man selbst gar nicht die aktuelle Bedrohung am Spieltisch ist, sondern jener andere Spieler, und dass man sich gegen ihn zusammentun müsse. Manche Fraktionen spielen dabei stärker mit diesem kommunikativen Aspekt als andere, z.B. die Flussvolk-Kompanie, die darauf aus ist, ihre Dienste an die Mitspieler zu verkaufen, oder der Krähen-Komplott, der geheime Pläne im Waldland verfolgt und über diese hinwegtäuschen muss durch Bluffing.

Spiel zu zweit durch ausgeklügelte Bots (und bald Hirelings)

Ursprünglich wurde Root für das Spiel zu viert designt. Spiele zu zweit waren zwar möglich, jedoch sehr beschränkt, da es auf ein Duell zwischen der Marquise de Katz und den Horst-Dynastien hinauslief, den zwei militaristischen Fraktionen des Grundspiels. Das macht zwar auch Spaß, ist aber a) ein völlig anderes Spielerlebnis (viel konfrontativer und aggressiver), und b) wird auf Dauer langweilig.

Dies änderte sich mit der Uhrwerk-Erweiterung, die ausgeklügelte Bot-Versionen für jede Grundspiel-Fraktion einführte. Auf diese Weise sind abwechslungsreiche Spiele möglich, bei denen die menschlichen Spieler auch die nicht-militaristischen Fraktionen spielen können. Damit erlebte Root für mich und meinen Freund, die meistens nur zu zweit spielen, eine leuchtende Renaissance.

Umso mehr freue ich mich auf die nächsten Erweiterungen, die hoffentlich bald ins Deutsche lokalisiert werden: Eine zweite Uhrwerk-Erweiterung mit vier weiteren Bot-Versionen, die die nächsten vier Fraktionen widerspiegeln; die „Hirelings“, welche zusätzliche und anheuerbare Mini-Fraktionen darstellen, die insbesondere für Spielpartien mit 2-3 Spielern gedacht sind; sowie die „Marauders“-Erweiterung, die zwei weitere militaristische Fraktionen einführt, die für das Spiel zu zweit geeignet sind.

Community

Zu guter letzt möchte ich die Community für Root hervorheben. Es existiert eine internationale Community an Spielern, die sich in Leder Games‘ Discord-Server (Woodland Warriors) versammelt und sehr aktiv ist. Wenngleich ich nicht aktiv an ihr teilnehme, so habe ich viel Vergnügen daran, passiv die interessanten Gespräche zu verfolgen oder die Videoaufnahmen der oft stattfindenden kompetitiven Turniere anzuschauen.

Viele aus dieser Community produzieren auch hochwertigen Content, etwa Guides und Erklärungen in Form von YouTube-Videos oder Podcasts. Auch die ausgeklügelten Uhrwerk-Fraktionen stammen aus der Community. Auf dem Discord-Server findet man neben Gleichgesinnten auch TableTop Simulator-Spielrunden, falls das etwas für einen ist. Insgesamt ist mir die Community sehr sympathisch und das ist für mich auch ein Pluspunkt.

Fazit

Root ist das beste und durchdachteste Spiel, das mir bisher begegnet ist und ich liebe es einfach. Punkt. Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen und wenn die Gründe, wieso ich das Spiel liebe, auch für dich Gründe sein könnten, Root zu mögen, dann probiere es mal aus. Für einen kostengünstigen Einstieg empfiehlt sich entweder Root Digital für Steam, Nintendo Switch und mobilen Geräten, wo man auch Tutorials spielen kann, oder auch die Erweiterung für TableTop Simulator (dann muss man sich aber die Regeln selbst beibringen).

Weil ich Root so mag, möchte ich zukünftig gerne weitere Artikel zu Root bloggen, etwa meine Zusammenfassungen und Notizen zu den Fraktionen oder generell Berichte aus Spielpartien – wozu auch immer ich gerade komme. 🙂

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