17. August 2022

Rollenspiel-Bericht: Nemo Moriatur

Niemals werde ich meine allererste Erfahrung mit dem Cthulhu-Rollenspiel vergessen, die zugleich meinen allerersten Kontakt mit dem Cthulhu-Mythos darstellte. Damals war ich mit einigen Kollegen auf einem Dienstausflug und wir hatten einige Abende Zeit, ein paar unheimlich-phantastische Abenteuer zu erleben.

Das war im Sommer 2018. An den Tagen nach den Rollenspiel-Nächten habe ich das, was ich erlebt habe, aufgeschrieben. Hier möchte ich nun meine Erlebnisse als Apothekerin Emma teilen, die nach der Teilnahme an einem Pharmazie-Kongress in Großbritannien nach Nordamerika zurückkehrt.

Dramatis Personae

Die Protagonisten dieses Rollenspiels sind:

  • Emma, eine Apothekerin (von mir gespielt), die von einem Pharmazie-Kongress in Großbritannien nach Nordamerika zurückkehrt
  • James, ein heimkehrender Marineoffizier
  • George, ein berühmter Archäologe, der in Afrika gewesen und einige Entdeckungen gemacht hat
  • Richard, ein Holzfäller, der besonders stark und groß, aber dafür nicht sehr intelligent ist
  • Leo, ein Schmuggler
  • Vincent, ein obdachloser Barde
  • Irving, ein Verschwörungstheoriker, der glaubt, dass Elektrizität nicht wirklich existiert und Telefone in Wirklichkeit eine Krankheit verbreiten, hinter der die Regierung stecken soll
  • Horace, ein künstlerisch begabter Polizei-Zeichner, der am liebsten blutig entstellte Opfer zeichnet

Der Bus nach Arkham

An einer Bushaltestelle irgendwo in Ost-Kanada standen James, George und warteten in der Herbstkälte auf den Bus gen Süden Richtung Arkham. Zu unser aller Unmut schien der Bus schien sich zu verspäten, worüber George sich laut Ausdruck verschaffte. Er war ein betucht und reinlich aussehender Herr mit einem Lederkoffer, der nicht ganz freiwillig an diesem Ort war: Wegen einer Seeblockade an der Küste der USA, wo er eigentlich anlegen wollte, musste er ein gutes nördliches Stück weit entfernt an Land gehen.

Auf Georges Aufregung hin zuckte James nur schweigend die Schultern. Anhand seiner Uniform erkannte man, dass er ein Marineoffizier war, doch im Gegensatz zu Georges war James‘ Kleidung schmutzig und eher schäbig. Er trug eine pralle Reisetasche mit sich sowie einen dreckigen Spaten.

Mein Name war Emma und ich war eine junge Apothekerin, die zukünftig die Traditions-Apotheke meines Vaters übernehmen würde. Ich war gerade eben von einem interessanten Pharmazie-Kongress aus Großbritannien zurückgekehrt. Mir war auch kalt und ich sehnte mich endlich wieder nach meinem vertrauten Zuhause, wo mein Vater auf mich warten würde.

Man hörte sein Rumoren von Weitem, bevor mit einer guten Viertelstunde Verspätung endlich der Bus anrollte. George ließ es sich nicht verwehren, dem verspäteten Busfahrer einen bissigen Kommentar zuzuwerfen, als wir mit unserem Gepäck einstiegen. Außer uns gab es nur einen einzigen Passagier: einen alten Mann. Dann fuhren wir los, entlang der Ostküste Kanadas gen Süden. Links von uns war der endlose Ozean, rechts von uns der dichte Nadelwald.

Es wurde dunkel und James und ich fingen an zu dösen. Nur George blickte wachsam aus dem Fenster in die Dunkelheit. So konnte nur er für einen Bruchteil der Sekunde erkennen, wie auf einmal etwas Schwarzes aus dem Wald mit unserem Bus kollidierte. Die Wucht riss das Vehikel von der Straße und das Gefährt überschlug sich den Hang hinunter bis zum Strand. Dort kam der Bus auf dem Dach liegend zum Halt.

George hatte sich gerade noch so festhalten können, aber auch James und ich hatten Glück und waren zum größten Teil unversehrt geblieben. Doch der Busfahrer hing bewusstlos in seinem Gurt von seinem Sitz herunter. Der andere Passagier, der alte Mann, lag bewusstlos auf dem Boden, den die Busdecke bildete. Indem George und James den Busfahrer auffingen, als ich mit seinen Gurt löste, schafften wir es, ihn von seiner misslichen Position herunterzuholen. Als James die Bustür mit seinem dreckigen Spaten <aufhebelte, fiel der Strom im Bus aus.

Wir gingen nach draußen. Es herrschte eine finstere und kalte Nacht und Schnee lag auf dem Boden. James‘ Kenntnisse in mechanischen Reparaturen reichten leider nicht aus, um den Motor des Busses wieder in Gang zu bringen. George versuchte sich genauso erfolglos an den Motor und zu seinem Verdruss trat er auch noch in eine Lache ausgelaufenen Öls, das sein ganzes Hosenbein schwarz tränkte.

Aus der Ferne war Wolfsgeheul zu vernehmen und es würde nicht lange dauern, bis ein paar hungrige Wölfe uns finden würden. George zog sich um und bastelte aus seiner mit Motoröl getränkten Hose und einem Stock eine Fackel, während James es ihm mit seiner zweiten entzwei gerissenen Offiziershose nachahmte, sodass jeder von uns eine brennende Fackel zur Hand hatte. Wir hofften, dass wir damit die Wölfe verscheuchen könnten, sollten sie es wirklich auf uns absehen.

In der Ferne erblickten wir ein blinkendes Licht – vielleicht konnten wir dort Rettung finden? Es war momentan unsere einzige Hoffnung und so beschlossen wir, auf das Licht zuzugehen. Der alte Passagier war mittlerweile aufgewacht. Er schien verwirrt, aber ansonsten in einem guten Zustand. Weil der Busfahrer hingegen weiterhin bewusstlos blieb, legten wir ihn auf die Motorhaube. Während James und George vorausgingen und die Haube mit einer Hand zogen und mit der anderen Hand eine Fackel trugen, bildeten der alte Mann und ich, die auch eine Fackel bekam, die Nachhut.

So gingen wir dem blinkenden Licht entgegen und auf einmal bemerkten wir um uns herum viele kleine leuchtende Augen: das Wolfsrudel. Es folgte uns, doch wegen des Feuers schreckten sie vorerst davor zurück, uns direkt anzugreifen. Nur einige einzelne mutige Wölfe griffen uns gelegentlich von der Seite an. Einer der Tiere entriss mir die Fackel, die im Schnee landete und erlosch. Ein anderer Wolf biss George ins Bein.

Schließlich stellte sich ein großer, stattlicher Wolf uns in den Weg. Er war das Alpha-Tier. George hatte seinen Revolver bereits gezückt, zielte und drückte ab. Es war ein kritischer Erfolg: Die Kugel bohrte sich direkt zwischen die Augen des Alpha-Wolfes, der aufheulte und zu Boden sackte. Das restliche Rudel zog sich daraufhin verängstigt in den Wald zurück.

Wir erreichten schließlich die Lichtquelle, die sich als ein Leuchtturm herausstellte. Dieser stand auf einer Klippe, zu der eine schmale Treppe hinaufführte. Mit der Motorhaube konnten wir dort nicht hoch, weswegen James beschloss, den bewusstlosen Fahrer auf seinen Schultern hochzutragen. Der alte Mann ging währenddessen vor zum Leuchtturm, dann ich und schließlich George und James. Doch James war nicht stark genug und ließ den Busfahrer die Treppe hinunterfallen. Auch beim zweiten Versuch, ihn zu hieven, scheiterte er und ließ den armen Fahrer erneut unsanft die steinerne Treppe hinunterfallen.

Bevor James einen dritten Versuch antrat, überprüfte ich den Zustand des Busfahrers und stellte fest, dass dieser tot war. Wir ließen ihn also an Ort und Stelle liegen und gingen zu dritt die Klippe hoch. Oben angekommen bemerkten wir, dass der alte Mann verschwunden war und anscheinend auch nichts von der Aktion mitbekommen hatte. Seine Spuren im Schnee führten in den Wald. Dorthin, entlang eines Trampelpfades, führte auch ein Seil, das vom Leuchtturm ausging.

Der Leuchtturm war durch ein dickes Ruderschloss verriegelt und es bestand keine Hoffnung, irgendwie hinein zu kommen. Wir fanden dafür ein paar herrenlose Gaslaternen und beschlossen schließlich, dem Trampelpfad am Seil in den Wald zu folgen. Mittlerweile hatte ein Schneesturm angefangen zu wüten und wir mussten dringend eine Art Unterkunft finden. Am Ende des Seils fanden wir eine Blockhütte unverschlossen und leer vor. Drinnen fanden wir einen Herd, an dem wir Feuer machen konnten, Brennholz, einen Wasserkocher, Earl Grey, zwei Betten und eine Schrotflinte.

Mit Schnee von draußen kochten wir uns Wasser und machten uns Tee. Dann verschlossen wir die Tür und ich kümmerte mich um die Bisswunde an Georges Bein, die ich mit einem heißen Schürhaken kauterisierte und anschließend verband. Wir stellten George als erste Nachtwache auf, während James und ich als erstes schlafen gingen.

Während der nachfolgenden Nachtwacht von James träumte ich, wie die Arme des Busfahrers, der vor der Treppe an der Klippe lag, lebendig wurden. Mit seinen Armen zog er seinen leblosen Körper langsam die Treppe hoch, schliff ihn dann kriechend hinter sich her und dann hangelten sich die Arme am Seil entlang Richtung Blockhütte, während der restliche Leib leblos herunterhing. Vollkommen verstört wachte ich auf und erzählte James panisch von meinem Traum. Dieser tat ihn jedoch nur ab mit den Worten „Ach, Frauen!“ Doch ich konnte in dieser Nacht keine weitere Ruhe finden.

Die Villa Stemford

In der Zwischenzeit öffneten Richard, Leo, Vincent und Irving ihre Augen und realisierten, dass sie unter Sand begraben waren. Mit der Kraft der Todesangst versuchten sie sich heraus zu graben. Richard, dessen Armmuskel von der Holzfällerei sehr gut trainiert waren, schaffte dies mühelos und befreite danach die anderen, deren Hände hilflos aus dem Sand winkten.

Als alle befreit waren, schauten sie sich um: Sie fanden sie sich in der Dunkelheit an einer Küste wieder und ein starker Schneesturm war am Wüten. Wie sie hierher gekommen waren, daran konnte sich niemand von ihnen erinnern. Waren sie nicht eigentlich auf dem Weg nach Arkham gewesen? Vincent, ein obdachloser Barde aus einem frankophonen Teil Kanadas, vermisste schmerzlich seine treue Mandoline, während Richard zumindest beruhigt war, dass sein vertrautes Kautabak noch in der Brusttasche seines Hemdes steckte. Als Irving sich den anderen vorstellte, zückte er – so als ob er die ganze Zeit darauf gewartet hätte – einen Stapel Visitenkarten hervor und drückte jedem eine in die Hand, die ihn als Schriftsteller auswies.

Nach der Vorstellungsrunde sahen sie sich um und entdeckten eine Klippe mit einem Leuchtturm darauf sowie eine Treppe, die dorthin führte. Am Fuße der Treppe fand die Gruppe einen regungslosen Mann liegen. Sie untersuchten ihn und stellten fest, dass er nur bewusstlos war, aber noch atmete. Der Holzfäller Richard nahm ihn mühelos auf seine Schulter und sie bestiegen die Treppe. Am Leuchtturm angelangt versuchten sie, einen Einlass in ihn zu finden. Leo stellte sich auf Richards Schultern und versuchte, mit einem Stein ein Fenster einzuschlagen. Eine kräftige Böe ließ Leo jedoch das Gleichgewicht verlieren und Richard konnte den wankenden Burschen nicht mehr festhalten, sodass Leo von seinen Schultern stürzte. Er schlug unglücklich auf den harten Steinboden auf und kugelte sich dabei die Schulter aus.

Dies entmutigte die Vier nicht und sie versuchten weiterhin, in den Leuchtturm zu kommen, um in ihm einen Schutz vor den Schneesturm zu finden. Doch das Unterfangen schien zwecklos und die Kälte wurde immer beißender. Leos Adleraugen erblickten daraufhin ein sehr schwaches Licht in der Ferne im Wald, wohin auch das Seil am Leuchtturm hinzuführen schien. Während sie dem Trampelpfad folgten, entdeckten sie Wolfsspuren, doch Irving versuchte seine Gefährten zu beruhigen: Sie bräuchten sich überhaupt keine Sorgen zu machen, denn er käme wunderbar mit Wölfen aus, ja, Wölfe seien sogar seine Freunde.

Schließlich kamen die Vier an der Blockhütte an, an der das Seil endete und aus der das schwache Licht ausgegangen war. Irving konnte nicht nachvollziehen, warum Richard, Leo und Vincent darüber diskutierten, ob und wie sie die Tür eintreten wollten, und klopfte einfach an der Tür an.

In diesem Augenblick war ich gerade mit der Nachtwache dran. Erschrocken fuhr ich auf, als ich das Klopfen vernahm, und weckte sofort die beiden Männer. George holte seinen Revolver hervor und James nahm die Schrotflinte, die wir in der Hütte gefunden hatten.

Während James mit der Waffe auf die Tür zielte, stellte sich George seitlich von ihr und fragte, wer vor der Tür sei. Irving stellte sich vor und sein Name sagte mir etwas: In meinen Kreisen war Irving als Spinner bekannt, der pseudowissenschaftliche Bücher über obskure Verschwörungstheorien geschrieben hatte. So jemanden wollte ich bestimmt nicht in unsere Hütte hineinlassen und ich wies George umgehend an, ihm bloß nicht die Tür zu öffnen. Doch dass Irving ein Schriftsteller war, beeindruckte George eher, sodass er meine Bitte ignorierte und ihn und seine Begleiter hineinließ.

James, George und ich waren ziemlich verwundert, als wir den vermeintlich toten Busfahrer auf Richards Schultern erblickten, doch die Neuankömmlinge erklärten uns, dass man ihn am Strand vorgefunden habe und er noch am Atmen sei. Das kam mir nicht geheuer vor – vor allem nicht nach meinem ominösen Albtraum – und ich forderte schrill, dass man ihn aus der Hütte schaffe und in die Kälte aussetze. Man war über meine Forderung verwirrt, doch James erklärte den anderen meine irrationale Hysterie mit meinem Albtraum und man kam zum Schluss, dass ich als Frau überreagieren würde. Wahrscheinlich hätte ich sogar zuvor den Puls des Busfahrers nicht richtig befühlt.

Ich kugelte Leos Arm wieder ein und wir warteten noch ein paar Stunden und tranken Tee, bis der Schneesturm sich wieder gelegt hatte. Gegen zehn Uhr morgens wagten wir uns wieder nach draußen. Es schneite nur noch leicht und es war immer noch etwas dunkel, aber es war hell genug, dass wir die riesige Villa erkennen konnten, die sich die ganze Zeit hinter der Blockhütte befunden hatte. Ein Schild verriet uns, dass sie „Stemford“ hieß oder jemandem namens „Stemford“ gehörte.

Wir schauten uns um. Richard fand eine Axt, die in einem Holzblock steckte, zog sie heraus und nahm sie sicherheitshalber mit. Von außen konnten wir Masten sehen, an denen elektrische Leitungen bzw. Telefonleitungen in das Gebäude führten. Auch sahen wir Rauch aus dem Schornstein austreten. Vielleicht war jemand dort drin, bei dem man Unterschlupf finden konnte, und wir konnten von dort aus um Hilfe telefonieren?

Wir ließen den bewusstlosen Busfahrer in der Holzhütte zurück und hoffnungsvoll betraten wir die unverschlossene Villa. Sie schien zwei Flügel und zwei Stockwerke zu besitzen. Jeweils zwei Türen befanden sich auf der linken und rechten Seite auf jedem Stockwerk, und eine Treppe führte geradeaus nach oben und teilte sich dann nach links und rechts. Neben der Treppe führte eine Tür zum Keller.

Plötzlich ertönte ein Schuss aus dem ersten Stockwerk. Richard, George und James eilten die Treppe hoch, um nachzuschauen, woher der Schuss kam, und Irving ging ihnen vorsichtig nach, während ich unentschlossen am Fuße der Treppe verharrte. Vincent blieb zurück im Erdgeschoss und schaute sich um. Er konnte gerade beobachten, wie sich rechts von ihm eine Tür einen Spalt weit öffnete. Dahinter konnte er einen Raum mit einem Kamin erkennen, über dem eine meisterhaft angefertigte Mandoline hing, die seinen Blick völlig einfing. Von ihr angezogen begab er sich in den Raum.

Währenddessen öffnete die Gruppe auf der Suche nach der Quelle des Schusses im ersten Stockwerk die Tür, die zum Schlafzimmer führte. Auf dem Bett lag jemand unter einer Decke verdeckt. Sie zogen die Decke weg und enthüllten niemand anderen als den alten Mann, der mit ihm Bus gesessen hatte und der am Leuchtturm verschwunden war. George rief nach mir. Ich kam hoch und befühlte den Puls des alten Mannes. Er war tot. George und James, die mir nach der Geschichte mit dem Busfahrer nicht mehr recht vertrauen wollen, mussten sich selbst meiner Diagnose vergewissern und befühlten ebenfalls seinen Puls, kamen jedoch zur gleichen Erkenntnis. Ansonsten befand sich in dem Raum nicht viel außer einigen Büchern, unter anderem auch Wörterbücher für diverse alte Sprachen.

Derweil bewunderte Vincent die Mandoline, vor der er nun stand. Sie war perfekt. Doch durfte er sie sich einfach nehmen? Sollte er sie sich nehmen? Eine Intuition sagte ihm, dass das vielleicht keine so gute Idee war. Mit aller Macht wandte er den Blick von ihr ab und drehte sich um, um wieder zu gehen, doch die Tür, durch die er gekommen war, war plötzlich verschwunden. Panik erfasste ihn und er fing an, in seiner französischen Muttersprache um Hilfe zu schreien.Im ersten Stock hörten wir ihn zwar schreien, doch niemand verstand, was er auf Französisch von sich gab. Wir liefen aus dem Schlafzimmer und George rief auf Englisch zurück, doch Vincent schien ihn nicht verstehen. Beunruhigt liefen wir alle ins Erdgeschoss zurück, doch niemand hatte beobachtet, wohin Vincent gegangen war.

Auf gut Glück öffneten wir irgendeine der Türen und fanden uns in der Küche wieder. Wir schauten uns um, doch wir fanden keine Spuren vom Barden. Als wir uns wieder umdrehten, um die nächste Tür auszuprobieren, stand da plötzlich Vincent im Türrahmen mit der Mandoline in der Hand. Aufgebracht fragte George ihn, wo er gewesen sei und warum er so geschrien habe. Und warum zum Teufel mache er mit der Mandoline in der Hand? Doch Vincent konnte sich auch nicht so genau erklären, was eben passiert war und versuchte zu erklären, dass er eben noch in einem anderen Raum stand und er die Mandoline gar nicht hatte nehmen wollen.

Seine merkwürdigen Erklärungsversuche wurden unterbrochen von einem weiteren Schuss aus dem ersten Stockwerk. Diesmal gingen wir alle gemeinsam hoch und öffneten eine weitere Tür, hinter der sich ein Badezimmer verbarg. In der Badewanne lag eine Person im blutigen Wasser. Ihr Kopf war mehrfach von Revolverschüssen durchlöchert worden und ein beträchtlicher Teil ihres Gehirns klebte an den Fliesen dahinter. Das war zu viel Blut für Richard, George, Irving und James, denen schlecht wurde.

An der Wand war mit Blut geschrieben worden: „Nemo moriatur“, was Irving mithilfe eines Lateinwörterbuchs aus dem Schlafzimmer übersetzte als: „Niemand stirbt.“

Eilig verließen wir die schreckliche Szenerie wieder. Am liebsten wollten wir nun dieser Villa und den anormalen Dingen, die hier passierten, so schnell wie möglich entfliehen. Da wir von außen Telefonleitungen gesehen hatten, die in das Gebäude geführt hatten, beschlossen wir nun, das dazugehörige Telefon zu suchen, um nach Hilfe zu rufen. Als wir wieder ins Erdgeschoss gingen, konnten wir von draußen Geräusche hören, die sich wie schweres Stapfen anhörten. Das erinnerte George an den Busunfall. Als einziger, der zum Zeitpunkt des Unfalls wach war, hatte er das schwarze Etwas kurz erhaschen können, das gegen den Bus geprallt war. Er vermutete, dass es sich um ein Tier gehandelt hatte, wahrscheinlich ein Bärenjunges. Das da draußen war nun gewiss die aufgebrachte Bärenmutter auf der Suche nach ihrem Jungen. Sicherheitshalber verbarrikadierten wir die Eingangstüren mit schweren Marmorstatuen, damit das gefährliche Tier uns fernblieb.

Auf der Suche nach dem Telefon betraten wir einen weiteren Raum im Erdgeschoss und fanden dort tatsächlich eins, doch die Leitung erwies sich als tot. James, der sich dank seiner Marine-Ausbildung mit elektrischen Geräten auskannte, analysierte rasch, dass es wohl ein Problem mit der Büchse gab, aber die Leitungen selbst intakt zu sein schienen. Die Leitungen führten weiter in den Keller, also beschlossen wir, dort nach der Hauptbüchse zu suchen. Obwohl Irving eine Verschwörung hinter der Elektrizität glaubte und eigentlich nicht das krankheitserregende Telefon in Gang bringen wollte, sah er ein, dass dies im Vergleich zum Kältetod die bessere Alternative darstellte und widerstrebend schloss er sich uns an.

Der Keller entpuppte sich als eine natürliche Höhle mit mehreren Gängen. Wir folgten den Strom- und Telefonkabeln und gelangten in einem Raum, wo die Kabel in die Hauptbüchse und zum Stromschaltkasten führten. Im Raum befand sich außerdem eine mit Holzbrettern sorgfältig vernagelte Tür, ein Schreibtisch mit diversen alt aussehenden Büchern und eine Steuerkonsole, an der eine Person in einer Kutte saß. Sie schien unsere Ankunft nicht zu bemerken und drückte Knöpfe, während sie unverständlich vor sich hin murmelte.

George ging mit seiner offenen Art zur Person hin und fragte sie höflich, ob ihr die Villa gehöre. Sie drehte sich um und George blickte direkt in ihr verrottetes Gesicht, das von wohlgenährten Maden und anderen Insekten behaust wurde, die sich gütlich am toten Fleisch taten. Erschüttert fiel George zu Boden. Vincent musste zwar schlucken, konnte den Anblick aber besser ertragen, und ging auf die untote Person zu. Diese sagte zu ihm: „Oh, du schon wieder. Du warst doch schon mal hier.“ Vincent war im ersten Moment über diese Aussage verwirrt. Tatsächlich beschlich ihn aber das merkwürdige Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Der Untote drückte sich ansonsten kryptisch aus und erzählte, dass er dringend alles in Ordnung bringen müsste und weitere Dinge, die niemand nachvollzog.

Irving hatte währenddessen die alten Bücher im Visier genommen und wollte sich einige interessant aussehende Exemplare heimlich einstecken. Doch der seltsame Untote bemerkte ihn und wandte seine Aufmerksamkeit Irving zu. Er bat ihn inständig darum, die Dinge rückgängig zu machen, die er getan habe. Irving fühlte sich nicht wohl dabei, mit der Kreatur zu reden, hakte aber nach, was er denn damit genau meinte. Der Fremde antwortete weiterhin nur kryptisch und griff dann Irvings Ärmel, um ihn zur verbarrikadierten Tür zu zerren. Dann fing er an, achtlos die vernagelten Bretter abzuziehen. Dabei verfing sich sein lose herabhängendes Fleisch mit den Nägeln, sodass Fleischfetzen an den Brettern hängen blieben. Das schien den Fremden jedoch nicht zu kümmern.

Irving ließ ihn machen und ging wieder zurück zu den Büchern. Als alle Bretter entfernt worden waren, wandte sich der Untote an die am nächsten stehende Person, James, und wiederholte seine Bitte. Wirr erzählte er, dass er sich „Ewigkeit“ mit seiner Geliebten von „denen“ gewünscht hatte. Hinter der Barrikade wurde ein Gang enthüllt, der in dunklem Wasser mündete. Aus dem schwarzen Wasser glitt nun eine lange schwarze Hand hervor, die James ein Zeichen gab, ihr zu folgen. James bekam aber keine Chance, darauf zu reagieren – als Richard die Hand erblickte, nahm er seine Axt und hackte auf sie ein – zum puren Entsetzen des Untoten. „Was hast du getan?!“, rief er fassungslos aus.

Sogleich begann der Untote zu singen und Vincent überkam der unwiderstehliche Drang, mit seiner Mandoline mitzuspielen. James vernahm weitere singend-säuselnde Stimmen von überall her, die in ihm den Wunsch weckten, ins Wasser zu gehen. Wir anderen befanden uns in Trance, völlig unfähig, etwas zu tun. Unsere Starre löste sich, als platschende Geräusche zu vernehmen waren und wir eine schleimige Fischkreatur aus dem Nass emporsteigen sahen.

Leo fackelte nicht lange und nahm sich James‘ Schrotflinte, um auf das Fischmonster zu schießen. Mit seinen panisch zitternden Händen traf er jedoch stattdessen den singenden Untoten. Dies holte James und Vincent aus ihrem Bann, und James konnte gerade noch so der Klaue des angreifenden Fischmonsters ausweichen. George nahm seinen Revolver hervor und schoss auf das Unwesen. Weil es sich immer noch regte, hackte schließlich Richard mit seiner Axt solange auf es ein, bis es sich nicht mehr bewegte.

James machte sich unverzüglich daran, das Telefon wieder mit der Hauptbüchse zu verbinden, doch das Grauen war noch nicht vorbei: Drei weitere Fischmonster erhoben sich aus dem dunklen Wasser. Unsere Nerven lagen blank: Ich war starr vor Angst. Irving folgte seinem Fluchtinstinkt und rannte den Weg zurück ins Erdgeschoss. Die anderen Männer hielten ihre Waffen bereit. Richard holte mit seiner Axt aus und verwickelte sich in einen Nahkampf mit einem der Monster. Leo wollte erneut auf eines der Unwesen mit der Schrotflinte schießen, doch nur ein leeres Klicken ertönte, denn er hatte vor lauter Panik vergessen, die Waffe nachzuladen. Ein Schuss aus Georges Revolver war hingegen erfolgreich und traf eines der Kreaturen. Ein anderes Fischmonster griff mit seinen langen Klauen nach mir und zerrte mich zum Wasser hin, dass angefangen hatte zu kochen.

Richard konnte mit seiner Axt eine der drei Kreaturen töten, doch der letzte scharfe Hieb des Wesens fügte ihm eine schwere Wunde zu. Vor Schmerz keuchend sackte er zu Boden. Von seiner Hilflosigkeit angezogen, wandte sich das dritte Monstrum ihm zu. Leo erkannte Richards missliche Lage, warf die Schrotflinte auf den Boden und warf sich auf das Fischwesen, um es von Richard zurückzuhalten. Ich versuchte mich mittlerweile, aus dem eisernen Griff des Fischmonsters zu befreien, ohne Erfolg. Verzweifelt kreischte ich um Hilfe. Vincent zögerte nur kurz und holte dann mit der Mandoline aus. Das Instrument zerschmetterte den Kopf des Fischmonsters, es ging zu Boden und ich befreite meine Hand aus seinen erschlafften Klauen. Die anderen Männer hatten mittlerweile das letzte Unwesen mit vereinter Kraft erschlagen können.

In der Zwischenzeit hatte James erfolgreich ein Telefonsignal hergestellt. Er rief sofort die Polizei an und erzählte von dem Busunfall und von ihrem aktuellem Standort in der Villa Stemford befanden. Er hütete sich jedoch, von der untoten Person, den Fischwesen oder jeglicher anderen Anormalität zu berichten. Niemand hätte eine solche Geschichte geglaubt, wenn er sie nicht leibhaftig erlebt hätte.

Irving, der nach seiner Flucht vor den Fischmonstern mittlerweile wieder im Erdgeschoss angekommen war, sah gerade zu, wie der blutige Körper aus der Badewanne nun die Treppe herunterkroch. Entsetzt lief er wieder zurück in den Keller, um uns zu warnen. Hier fingen die toten Körper der Fischkreaturen an, zu kochen und zu verdampfen. Die giftigen Ausdünstungen vernebelten James‘ Verstand und er begann den Polizisten am Telefonhörer nun doch panisch von brodelnden Fischmonstern zu erzählen. Die Polizei legte wie erwartet ungläubig und aufgebracht auf.

Während ich mich um Richards Wunde kümmerte, rief George mit dem Telefon seine Kollegen an und bat sie, ihn abzuholen. In diesem Moment stieß Irving wieder zu uns und erzählte uns beinahe atemlos von seiner grausigen Beobachtung. Weil George und James zu verängstigt waren und Richard stark verletzt war, gingen Leo, Vincent und ich hoch, um uns um den blutigen Körper zu kümmern, und wir bekamen für diese Aufgabe die Schrotflinte von James, den Revolver von George und die Axt von Richard ausgehändigt.

Oben angekommen sahen wir den blutigen Körper ziellos im Erdgeschoss seine Kreise kriechen. Gleichzeitig hörten wir draußen die aufgebrachte Bärenmutter. Sie war nicht gegangen, im Gegenteil, mit gewaltigen Stößen warf sie sich gegen die Eingangstüren, versessen hinein zu gelangen. Inspiriert vom Holzfäller Richard ging Vincent mit der Axt auf den Körper zu und hackte auf ihn ein. Derweil fielen schließlich die Marmorstatuen um, mit denen wir die Türen verbarrikadiert hatten, und die Bärin stapfte in die Villa hinein.

Kurz hatten wir die Hoffnung, dass die Bärin an das zerhackte blutige Fleisch gehen würde, doch sie wandte sich stattdessen zornig Vincent zu. Leo und ich schossen auf das Tier, doch konnten wir es kaum Schaden zufügen. Vincent holte mit der Axt aus, doch die Bärin war schneller. Mit ihrer mächtigen Pranke hiebte sie auf ihn ein. Der Barde schrie vor Schmerz auf und ließ die Axt zu Boden fallen.

Richard und James waren derweil hochgekommen, um nachzusehen, was sich im Erdgeschoss abspielte. Außerdem kam ein weiterer unerwarteter Gast hinzu: Der alte Mann aus dem Bus, den wir tot im Schlafzimmer aufgefunden hatten, tastete sich bedächtig die Treppe hinunter. Die Bärin ließ Vincent mit einem zerfressenen blutigen Loch im Bauch zurück und attackierte in ihrer Raserei als nächstes den alten Mann. Richard wollte seine Axt zurückholen, doch der Anblick des toten Vincents, aus dessen Bauch seine Gedärme heraus hingen, dem zerfledderten und zerhackten Körper und dem literweise Blut, das eine beachtliche Lache auf dem Boden bildete, zerrüttete seine letzten Nerven. Er wollte nur noch weg. Schreiend schlug er ein Fenster ein, sprang daraus und rannte in den Wald.

George kam nun auch hoch ins Erdgeschoss. In diesem Augenblick erwachte Vincent wieder zum Leben. Er verspürte den immensen Wunsch, Mandoline zu spielen, und kam trotz seiner Verletzung mühselig auf die Beine. George erinnerte sich an die zerbrochene Mandoline im Keller und führte den untoten Vincent dorthin zurück.

In der Zwischenzeit hatte sich Irving die Bücher im Keller näher angesehen. Sie schienen in einer alten Sprache der Inuits geschrieben worden und von okkulter Natur zu sein. Als er begann, die enthaltenen Texte laut vorzulesen, hatte er auf einmal unerklärlicherweise Kenntnis um eine Melodie, zu der er das Verlangen spürte zu singen. Wie unter einem Bann begann er, die Texte im Buch mit dieser Melodie vorzutragen. Während seines Gesangs war die Außenwelt wie ausgeblendet für ihn.

In diesem Zustand fand ihn George vor, der mit Vincent in den Keller gekommen war. Er beobachtete, wie aus dem Wasser ein Fischmann hervorkam und auf Irving zuging. George las die zerbrochene Mandoline vom Boden auf und warf sie ins Wasser. Vincent schlurfte ihr langsam hinterher. Der Fischmann führte Irving ebenfalls zum Wasser. Kurz dachte George darüber nach, den Schriftsteller zu retten, doch er mochte Irving sowieso nicht, weswegen er nur still zusah, wie der Verschwörungstheoretiker mit dem Fischmann zum Wasser lief. So tauchte Irving mit der Kreatur in das dunkle Wasser hinein, wurde völlig davon umschlossen und fühlte sich wohl. In diesem Augenblick brachen Vincent und Leo tot zusammen.

Oben schoss ich meine letzte Kugel auf die Bärin. Es schien ihr jedoch nichts anzuhaben und vom alten Mann war allmählich auch nichts mehr übrig, was noch an einen Menschen erinnerte. Plötzlich fielen weitere Schüsse auf das Tier. Die Bärin brach mit einem letzten wütenden Aufbrüllen endlich zusammen. Polizisten strömten in die Villa, die von Richard hierher geführt worden waren. Es war seine letzte Tat, bevor er tot zusammenbrach.

Der Zwischenstopp in Emberhead

Diesen Teil des Abenteuers habe ich mir damals nicht aufnotiert. Entsprechend kann ich nur von meinen Erinnerungen zurückgreifen, die nicht so detailliert sind. Das heißt aber keineswegs, dass dieser Abenteuerteil nicht weniger spannender als der vorherige gewesen wäre – im Gegenteil! Übrigens: Dieses Szenario entspricht im Wesentlichen dem Solo-Abenteuer Alone Against The Flames, das man sich auf der Website von Chaosium auch kostenlos herunterladen und alleine spielen kann.

Nach unserem Busunfall und den übernatürlichen Erlebnissen in der Villa Stemford wurden James, George und ich von der Polizei vernommen, die sich die zerhackten und toten Körper mit der aufgebrachten Bärin erklärt hatten. So waren wir zum Glück einigen unangenehmen Fragen entgangen. Der Polizei-Zeichner Horace fand unsere Beschreibungen von den Überresten von Vincent, dem alten Mann und den anderen Verletzten seltsam faszinierend und verlangte nach immer Details ihrer Verwundungen. Schließlich entschied er sich, uns bei unserer Weiterfahrt nach Arkham zu begleiten.

Georges Kollegen hatten ihm ein Automobil organisiert und zu viert fuhren wir weiter gen Süden. Mitten im Nirgendwo gab Georges Wagen jedoch auf und wollte nicht mehr anspringen. Zu unserem Glück gab es in der Nähe ein kleines Dorf namens Emberhead und wir hofften, dass wir dort Ersatzteile bekommen könnten.

Man sagte uns dort, dass eine Lieferung neuer Ersatzteile erst in drei Tagen kommen würde. Solange könnten wir uns ein Zimmer im Gasthaus von May Ledbetter nehmen, welche wir auch sogleich aufsuchten. Sie war eine gesprächige und nette Frau, die uns gerne für die Dauer unseres unfreiwilligen Aufenthaltes Zimmer vermieten wollte. Dabei erfuhren wir auch von einem jährlich in Emberhead stattfindendem Festival, das zufälligerweise in drei Tagen stattfinden sollte.

Wir besichtigten das Dorf und uns ließ das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Doch immer wieder, wenn wir uns umschauten, konnten wir nichts Verborgenes erkennen. Nach einem Mittagessen in einem kleinen Café suchten wir eine Apotheke auf, damit ich meinen Erste-Hilfe-Koffer aufstocken konnte. Der Apotheker war ein alter garstiger Mann, der sich partout weigerte, mir etwas zu verkaufen, und uns aus Emberhead wissen wollte. Er lieferte keine Erklärungen für sein feindseliges Verhalten uns gegenüber und schließlich verließen wir ohne Ware seine Apotheke.

Nach und nach kamen uns immer mehr Dinge in Emberhead verdächtig vor. Mays Tochter benahm sich paradox, die Sterne am Himmel blinzelten uns zu und George entdeckte bei einer Untersuchung von Mays Schlafzimmer, das sich unter ihrem Bett eine Falltür befand. Darunter war ein Lagerraum voller Reisekoffer und Taschen mit unterschiedlichen Namensetiketten. Anscheinend hatten sie diversen Reisenden gehört, die hier vor uns eine kurzfristige Bleibe gesucht hatten. Im Dorf bemerkten wir dann die vermummte Gestalt, die uns die ganze Zeit zu beobachten schien. Daraufhin floh sie vor uns. Wir verfolgten sie bis zu einer Klippe, von der sie zu unserem Entsetzen in die Tiefe sprang. Doch als wir uns hinüberbeugten, um nach ihrer vermeintlichen Leiche zu schauen, sahen wir sie nicht, doch wir entdeckten dafür einen verdächtigen Felsvorsprung.

Ich kletterte hinunter und entdeckte am Felsvorsprung eine Höhle, von der aus ein Licht schien. Ich verständigte die anderen und sie kamen nach. Leise schlichen wir uns in den Höhlengang, der in einem Raum endete. Dort drinnen befand sich tatsächlich die vermummte Gestalt, die uns beobachtet hatte. Wir stellten sie zur Rede und die Gestalt entpuppte sich als der garstige Apotheker, der mir nichts verkaufen wollte. Er erzählte kryptische Dinge über das Dorf, seine Bewohner und das Festival, das sie jährlich zu feiern pflegten. Dann bot er uns an, ihn in der folgenden Nacht bei der Kirchruine zu treffen, um uns in das Geheimnis von Emberhead einzuweihen.

Später am Abend bot May Ledbetter uns köstliche Thunfisch-Sandwiches an. Nur George war misstrauisch und aß nichts davon – zu seinem Glück, denn die listige Haushälterin schien ein narkotisches Mittel in das Essen eingesetzt zu haben, das sich im Verlauf der Nacht allmählich in unsere Körper bemerkbar machte. Wir suchten trotzdem die Kirchruine auf und Horace und ich ließen uns vom alten Apotheker das „Lied des Feuervogels“ beibringen, das wir nur dann singen sollten, wenn wir uns in ernsthafter Gefahr befinden würden.

Doch plötzlich blitzte etwas im Mondlicht auf. Ein Messer bohrte sich in den Nacken des Apothekers, der einen schmerzverzerrten Schrei von sich gab. Feindselige Dorfbewohner hatten sich an uns herangeschlichen und den Apotheker ermordet. Wir waren von den Emberheadern umzingelt, die uns mit Keulen und Messern bedrohten und in der Überzahl waren. Abgesehen von George litten wir am Schlafmittel von May, das uns nun taumelig müde machte, und auch Georges Revolver nützte nicht viel gegen die Vielzahl der Dorfbewohner.

Sie machten kurzen Prozess mit uns und nahmen uns gefangen. Wir fanden uns schließlich gefesselt in einer leeren Holzhütte wieder. Eine junge Frau kam herein und bot jedem von uns schweigend eine Schale mit einer transparenten Flüssigkeit an, von der Horace etwas nahm, während wir anderen misstrauisch ablehnten. Später wurden wir auf eine metallische Konstruktion geführt, die einen Scheiterhaufen darstellte.

Die Dorfbewohner fingen an, in einer seltsamen und unbekannten Sprache zu singen, während einige maskierte Mädchen um uns herum tanzten. Unter ihnen war die Tochter von May, die heimlich die Fesseln von George lockerte. Dann wurden wir auf die Konstruktion geführt und das Feuer wurde entzündet. Uns an die Weisungen des Alten erinnernd versuchten Horace und ich das Lied des Feuervogels zu singen, doch meine Kehle war zu trocken, um einen richtigen oder überhaupt einen Ton herausbringen zu können. Horace jedoch schaffte es und aus dem Feuer erhob sich ein prächtiger Feuervogel, der Horace telepathisch um Befehle bat.

George hatte sich in der Zwischenzeit von seinen Handfesseln befreit und begann, uns andere auch davon zu lösen. Wir sprangen von der metallischen Konstruktion ab und flohen vor den wütenden Dorfbewohnern. Horace bat den Feuervogel darum, ihn vor dem Mob zu retten und an einem sicheren Ort fortzubringen. Der Feuervogel erfüllte diesen Befehl: Er hüllte Horace vollends in seine Flammen ein und der letzte Gedanke des Künstlers war, wie wohlig warm und geborgen er sich im Feuer fühlte.

George, James und ich rannten um unser Leben. Ich stolperte und stürzte schwer zu Boden, sodass ich nun von einem Dorfbewohner bedroht wurde, der mit einer Mistgabel bewaffnet war. Ich rief um Hilfe. George rannte weiter, doch James kehrte um, um sich den Dorfbewohnern zu stellen und sich für mich zu opfern. Ich stand auf und lief weiter, immer weiter, bis ich Emberhead weit hinter mir gelassen hatte.

George hatte in der Zwischenzeit ein herrenloses Fahrrad aufgefunden und radelte damit die Straße entlang dem Sonnenuntergang zu. Ich schrie ihm hinterher, doch er ignorierte mich. Also suchte ich Zuflucht im frostigen Wald, während hinter mir Emberhead vom Feuer verzehrt wurde. Ich dachte an James‘ Opfer und an Georges Kaltherzigkeit und an den Wahnsinn der Dorfbewohner. Es gab niemanden mehr, dem ich trauen konnte, und insbesondere George hatte mein Vertrauen für immer verloren.

Schlusswort

Ich habe die drei Szenarien sehr genossen und ich hatte stets das Gefühl, dass mein Spielleiter immer wusste, was er tat, und auf alle unsere Handlungen und Entscheidungen eine authentische Antwort parat hatte.

Es war beeindruckend, wie leicht es ihm fiel, die Geschichte rund um den Busunfall, die verlassene Villa und Emberhead zu erzählen. Lange hatte ich mich gefragt, ob er sich alles selbst ausgedacht hatte. Beim letzten Teil des Abenteuers weiß ich mittlerweile, dass es sich im Wesentlichen um Alone Against The Flames von Gavin Inglis handelte, während ich es bei den ersten zwei Abenteuerteilen immer noch nicht genau weiß.

Leider setzten wir das Abenteuer niemals fort, obwohl der Spielleiter uns sagte, dass er noch zwei oder drei weitere Teile des Abenteuers in petto habe. Doch der Dienstausflug ging rasch vorüber und danach hatte sich eine Fortsetzung nie ergeben. Mittlerweile hat der Spielleiter den Arbeitgeber gewechselt und die Corona-Pandemie verkompliziert die Umstände noch mehr.

Dieses unfertige Abenteuer ließ mich damals neugierig zurück. Ich lechzte nach mehr, nach Erklärungen zu den Fischkreaturen, die wir in der Villa aufgefunden hatten und zu den Feuervögeln in Emberhead. Es war diese Lust am Lüften von Geheimnissen & Mysterien sowie die Wissbegier rund um den Cthulhu-Mythos, die mich dazu verleitete, meinen Bücherschrank mit cthuloiden Werken zu füllen, beginnend mit Leslie S. Klingers H. P. Lovecraft – Das Werk.

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