17. August 2022

Polaris: Wenn Traum und Realität verschwimmen

Polaris ist eine frühe Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft und nur wenige Seiten lang. Nichtsdestotrotz ist sie absolut lesenswert, denn sie besitzt eine Gänsehaut erzeugende und geniale Pointe. In diesem Blog-Eintrag werde ich die Handlung von Polaris kurz zusammenfassen und die Thematik dieser Geschichte diskutieren. Ich empfehle unbedingt, sie vorher selbst gelesen zu haben, wenn das noch nicht geschehen ist. Die englische Originalversion kann man z.B. auf DagonBytes finden.

Zusammenfassung der Handlung

Der Ich-Erzähler lebt in einem Ziegelhaus südlich eines Sumpfes und eines kleinen Hügels, auf dem ein Friedhof liegt. Beim Betrachten des Nachthimmels bewundert er die Bewegung verschiedener Sterne, bis auf den Polarstern, der negative Gefühle in ihm weckt.

Eines Nachts fängt er an, von einer Stadt auf einem Plateau zwischen zwei Gipfeln zu träumen. Diese Stadt kommt ihm seltsam vertraut vor. In seinen Träumen ist er zunächst nur ein körperloser Betrachter, doch wünscht er sich immer stärker eine tiefere Beziehung zur Stadt. Dies führt soweit, dass er zur Überzeugung gelangt, dass er nicht träume, sondern dass sein Leben im Ziegelhaus der eigentliche Traum sei:

Ich sagte mir: „Dies ist kein Traum, denn wie könnte ich die größere Wirklichkeit jenes anderen Lebens in dem Haus aus Stein und Ziegel südlich des finsteren Sumpfes und des Friedhofes auf dem flachen kleinen Hügel beweisen, wo der Polarstern jede Nacht in mein nördliches Fenster späht?“

H. P. Lovecraft: „Polaris“ aus H. P. Lovecraft – Das Gesamtwerk, Band 1. Leipzig, Deutschland: Festa-Verlag, November 2020. Seite 58.

Schließlich erhält er eines Nachts eine körperliche Form und weder ist ihm die Stadt fremd, noch ist er fremd der Stadt: Er kennt plötzlich ganz selbstverständlich die Stadt, die Olathoe heißt und im Reich Lomar liegt, sowie die gegenwärtigen Umstände: Das kriegerische Volk der Inutos ist kurz davor, in Olathoe einzufallen und die Stadt zu erobern. Der Ich-Erzähler ist befreundet mit dem Befehlshaber der Streitkräfte von Olathoe, einem Mann namens Alos, der in einer pathetische Rede die Lomarianer dazu auffordert, sich dem „gelben Feind“ trotz seiner Überzahl tapfer entgegenzustellen und ihre Heimat zu verteidigen.

Der Ich-Erzähler wird nicht als Krieger eingezogen, da er dafür zu schwach und kränklich sei. Doch er besitzt dafür scharfe Augen, weshalb Alos ihm die Aufgabe gibt, sich auf den Wachturm zu begeben und Alarm zu schlagen, sobald er die Inutos erblickt. Auf der Turmspitze angekommen erblickt der Ich-Erzähler den Polarstern, den er flüstern hört:

„Schlummre, Wächter, bis die Sphäre
Zum Zeitpunkt, da ich wiederkehre,
Gekreist ist sechsundzwanzigtausend Jahr
Zurück zum Ort, wo ich nun war.
Andre Sterne werden sich erheben,
Hoch zur Himmelsachse streben;
Sterne zum Trost und Sterne zum Segen,
Die in dir süßes Vergessen erregen;
Erst wenn meine Bahn vollendet ist,
Die Vergangenheit dich stört mit List.“

H. P. Lovecraft: „Polaris“ aus H. P. Lovecraft – Das Gesamtwerk, Band 1. Leipzig, Deutschland: Festa-Verlag, November 2020. Seite 60.

Der Ich-Erzähler kämpft vergeblich mit der Müdigkeit, die diese Worte verursachen, und schläft schließlich ein. Er erwacht in dem Ziegelhaus am Sumpf und hält diesen für einen Traum, aus dem er aufwachen müsse, um sein Volk vor der Ankunft des Feindes zu warnen.

Er fleht die Bewohner dieser Welt, die er als Traum glaubt, an, ihn aufzuwecken, damit er die Lomarianer rechtzeitig wecken kann. Doch die Traumbewohner schenken ihm keinen Glauben und versichern ihm, dass er nicht träume. Zudem erzählen sie ihm, dass es an jener Stelle, wo er das Reich Lomar glaubt, nur Eis und Schnee gäbe und die einzigen Menschen, die dort leben, seien die Inuits.

Der Ich-Erzähler ist jedoch weiterhin davon überzeugt, dass er gegenwärtig in einem Traum lebt und dass Lomar die Wirklichkeit darstellt. Er will weiterhin verzweifelt versuchen aufzuwachen und fühlt sich dabei vom Polarstern verhöhnt.

Interpretationsmöglichkeiten

Die Geschichte ist symmetrisch aufgebaut: Während der Ich-Erzähler anfangs die Welt des Ziegelhauses am Sumpfes für real hält und die Stadt Olathoe als Traum wahrnimmt, kippt diese Überzeugung in der Mitte der Geschichte. Als Argument nennt er, dass er die „größere Wirklichkeit“ des Lebens im Ziegelhauses gegenüber der gefühlten Wirklichkeit in Olathoe nicht beweisen könne. Am Ende der Geschichte ist der Ich-Erzähler vollends davon überzeugt, dass die Welt des Ziegelhauses ein Traum sei und die Stadt Olathoe real. Er ist so besessen von dieser Vorstellung, dass er seine Mitmenschen in der Ziegelhaus-Welt nur noch als „Traumgeschöpfe“, „Dämonen“ und „Schatten meiner Träume“ bezeichnet.

Welche der zwei Welten ist denn also real, welche nur erträumt? Die Kurzgeschichte lässt diese Frage offen. „Polaris“ kann also auf unterschiedliche Weise interpretiert werden.

Der unzuverlässige Ich-Erzähler

Eine Möglichkeit der Interpretation ist, dass der Ich-Erzähler wahnsinnig ist und es dementsprechend kein Verlass auf seine Schilderungen gibt. Er könnte sich die Vertrautheit der Stadt Olathoe einbilden, so wie man sich vieles in Träumen einbildet und als selbstverständlich erachtet, bis man aufwacht. In seinem Fall scheint er sich jedoch immer mehr in seine Traumwelt hinein zu steigern bis zur totalen Besessenheit.

Die Welt des Ziegelhauses könnte unsere eigene Welt darstellen. Da aber nichts weiter als ein Sumpf und ein Friedhof erwähnt werden, ist das schwierig festzustellen.

Könnte sich der Ich-Erzähler womöglich in einer geschlossenen Anstalt für Geistesgestörte befinden? Denn in der Geschichte verlässt er das Ziegelhaus nie, sondern schaut lediglich aus dem Fenster seines Zimmers. Darf er das Ziegelhaus vielleicht gar nicht verlassen?

Es spricht weiterhin dafür, dass seine Mitmenschen am Ende der Geschichte scheinbar ganz normal mit seiner Überzeugung umgehen, dass er träume und eigentlich in einem Reich namens Lomar gehöre. Würde es sich um Familienmitglieder oder Freunde des Ich-Erzählers handeln, hätte man sicher anders reagiert oder anders argumentiert („Aber ich bin es doch, dein Freund/Bruder/…!“). Man hätte ihn dann auch sicherlich in eine Anstalt eingewiesen.

Stattdessen versuchen seine Mitmenschen ihn zu überzeugen, dass er nicht träume und dass Lomar nicht real sei – so wie etwa Psychotherapeuten oder Mitarbeiter einer Anstalt vielleicht verfahren würden, die an Patienten gewöhnt sind, die sich Dinge einbilden oder sonstwie gestört sind.

Der träumende Ich-Erzähler

Eine andere Interpretationsmöglichkeit ist, dass der Ich-Erzähler die Wahrheit spricht und tatsächlich das Leben im Ziegelhaus erträumt, während er auf dem Wachturm in Olathoe schläft. Dann würde sich die Geschichte in einem antiken Reich abspielen, das dem Reim des Polarsterns zufolge 26.000 Jahre in der Vergangenheit zurück liegt, was an die Kurzgeschichten aus dem Hyperborea-Zyklus von Clark Ashton Smith erinnert.

Das gleiche Argument, das man in der Interpretation des unzuverlässigen Ich-Erzählers anwenden kann, nämlich dass das Ziegelhaus eine geschlossene Anstalt sein könnte, weil der Erzähler es scheinbar nicht verlassen kann, lässt sich hier anders verwenden: Dass er das Ziegelhaus nicht verlassen kann, könnte umso mehr die Authentizität eines Traumes belegen. Denn Träume sind selbst im luziden Fall, d.h. wenn man sich bewusst ist, dass man träumt, nicht beliebig kontrollierbar. Vielleicht ist der Ich-Erzähler tatsächlich in seinem Traum in diesem Ziegelhaus gefangen.

Allerdings muss sich dieser Traum in unserer Welt und unserer Epoche abspielen. Denn die Lage der Sterne und die Tatsache, dass der vom Ich-Erzähler genannte Ort, an dem Olathoe liegen sollte, von Schnee und Eis bedeckt und von Inuits bewohnt ist, lässt nicht den Schluss zu, dass es sich um eine gänzlich andere Welt handelt.

Dies führt zur philosophischen Frage: Ist unser Leben nur ein Traum? Ein Traum, den wir träumen, während wir zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort schlafen? Oder ein Traum, den unser Gehirn erträumt, während es isoliert und konserviert in einem Glaszylinder schwimmt?

Der zeitreisende Ich-Erzähler

Zwar schrieb Lovecraft sein Werk „Der Schatten aus der Zeit“ erst viel später. Doch vielleicht führte das Bewusstsein des Ich-Erzählers eine Zeitreise in die Zukunft aus, so ähnlich wie es die Mitglieder der Großen Rasse vermochten. Diese tauschten ihr Bewusstsein mit einem Individuum aus der Zukunft, sodass dieses sich wiederum im Körper des Zeitreisenden in der Vergangenheit wiederfand.

Möglicherweise fand ein solcher Austausch hier statt oder der Ich-Erzähler ist auf eine andere Art und Weise in der Zukunft gelandet. In diesem Fall wäre der Traum von Olathoe eher eine Vision oder eine Erinnerung, aber nicht real.

Diese Möglichkeit ist natürlich sehr spekulativ. Denn wenn es einen Austausch gab, so stellt sich die Frage, wer und warum diesen initiiert hat. Falls es eher eine Art Zauber war, der diese Zeitreise verursacht hat, dann hängt das wohl mit dem Reim des Polarsterns zusammen, aber wer oder was genau steckt hinter dem Polarstern? Handelt es sich um eine göttliche oder gottgleiche Entität, die sich einen Spaß mit dem bedauernswerten Ich-Erzähler erlaubt hat? Handelt es sich um einen Hexenmeister der Inutos, der den Wächter verhext hat, damit diese ihren Angriff auf Olathoe erfolgreich ausführen konnten?

Der dimensionsreisende Ich-Erzähler

Eine andere Möglichkeit ist es, dass sowohl die Welt im Ziegelhaus als auch die Welt in Olathoe real sind: Die eine ist die Wachwelt, die andere ist die Traumwelt, auch bekannt als Traumlande. Lovecraft hat einige Geschichten verfasst, in denen Menschen durch ihre Träume hinweg in die Traumlande reisen können. Davon habe ich jedenfalls gehört, denn ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht mit diesen Werken beschäftigt.

Das würde für „Polaris“ bedeuten, dass der Ich-Erzähler durch seine Erlebnisse in den Traumlanden fälschlicherweise schlussfolgert, dass seine eigene Welt, die Wachwelt, irreal sei. Womöglich versteht er nicht, dass es sich um zwei parallel existierende Dimensionen handelt, zwischen denen er hin und her beim Träumen wechselt.

Es handelt sich bei dieser Interpretation also erneut um einen unzuverlässigen Ich-Erzähler, der dem Wahnsinn verfallen und womöglich in einer geschlossenen Anstalt zu lokalisieren ist. Der Unterschied zu vorher ist jedoch, dass die erträumte Welt ebenso wie die Welt des Ziegelhauses real ist.

Inwieweit diese Interpretationsmöglichkeit zutreffen könnte, vermag ich allerdings zur Zeit nicht einzuschätzen, da ich die Traumlande-Geschichten von Lovecraft noch nicht gelesen habe.

Was ist Traum, was ist Wirklichkeit?

Letztendlich lässt Lovecraft offen, was in „Polaris“ der Wirklichkeit entspricht. Damit bietet er einen breiten Spielraum für Interpretationen für die Lesenden.

Die Frage nach der Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit findet sich in der Philosophie wieder. Ein Beispiel ist der Schmetterlingstraum in „Zhuangzi“, einem antiken chinesischen philosophischen Text aus dem dritten Jahrhundert vor Christus. Dort heißt es:

Einmal träumte Zhuang Zhou, er sei ein Schmetterling, ein Schmetterling, der umherflatterte und mit sich selbst zufrieden war und tat, was er wollte. Er wusste nicht, dass er Zhuang Zhou war.

Plötzlich wachte er auf und da war er, fest und unverkennbar Zhuang Zhou. Aber er wusste nicht, ob er Zhuang Zhou war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der träumte, er sei Zhuang Zhou. Zwischen Zhuang Zhou und dem Schmetterling muss es einen Unterschied geben! Das nennt man die Verwandlung der Dinge.

Passage aus „The Butterfly Dream“ aus Zhuangzi, entnommen aus Wikipedia und übersetzt mit DeepL.

Ist der Ich-Erzähler in „Polaris“ ein Bewohner des Ziegelhauses, der träumte, er sei ein Wächter von Olathoe, oder ein Wächter von Olathoe, der träumte, er sei ein Bewohner des Ziegelhauses? Zwischen ihnen muss es einen Unterschied geben… oder vielleicht nicht?

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