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Mythos-Werk-Generator: Totgeglaubte Briefe von Hali

Das neue Quellenband „De Vermis Mysteriis“ von Pegasus Press zum Cthulhu-Rollenspiel beschäftigt sich mit Mythos-Werken. Mein Highlight ist der Mythos-Werk-Generator, mit dem ich Hildegard von Bingens Schwester eine Reise nach Carcosa unternehmen ließ.

Pegasus Press hat Ende April 2021 ein neues Quellenband veröffentlicht, das sich mit Mythos-Werken beschäftigt: De Vermis Mysteriis, benannt nach einem Mythos-Werk selbst. Auf 219 Seiten werden bekannte und weniger bekannte Mythos-Werke gesammelt, erläutert und mit spielmechanischen Werten versehen.

Cthulhu: De Vermis Mysteriis, erhältlich bei Pegasus.

Die ersten 30 Seiten dieses Bandes widmen sich allerdings noch anderen interessanten Themen. Nach einer zweiseitigen Rekapitulation zur Benutzung von Mythos-Werken im Spiel und deren Auswirkungen, gibt danach das Kapitel „Mythos-Bücher seit Anbeginn der Zeit …“ eine kleine Geschichtsstunde über das geschriebene Wort. Von Lehmtafeln, Papyrus, Pergament und Papier bis hin zum Buchdruck und typischen Druckformaten von Folianten findet man hier alles mögliche an Informationen, um als Spielleitung eine authentische Beschreibung von Mythos-Werken bieten zu können.

Der andere Teil fernab des Mythos-Werk-Lexikons bildet mein Lieblingskapitel in De Vermis Mysteriis, welches „Der Mythos-Buch-Generator“ ist. Mithilfe von einem Lückentext und würfelbaren Tabellen kann man sich hier sein ganz eigenes Mythos-Werk basteln. Mit meinen Würfeln bewaffnet habe ich mich daran gesetzt, damit einen neuen grauenvollen Folianten zu erschaffen.

Ergebnis des Mythos-Buch-Generators

Mithilfe des Mythos-Buch-Generators ergab sich bei mir das folgende Werk (die lila markierten Textbausteine sind ausgewürfelt, die orangenen sind gezielt ausgewählt oder erfunden):

Buchtitel:

Totgeglaubte Briefe von Hali

Autorin:

Almuth von Bingen

Publikationshistorie:

Das Buch wurde etwa im Jahre 1740 veröffentlicht. Die Autorin war eine Apothekerin, die sich Zeit ihres Lebens mit dem Okkulten beschäftigte. Sie schrieb das Buch, nachdem sie ein Buch gelesen hatte. Nach der deutschsprachigen Erstausgabe gab es null weitere Veröffentlichungen.

Die meisten Exemplare wurden zerstört, weil niemand über die Werke sprach. Heute sollen nur noch sieben Exemplare existieren, die vermutlich bei obskuren Sammlern, verrückten Wissenschaftlern, Kultisten oder in den tiefsten Kellern großer Museen zu finden sind.

Spielmechanische Werte:

Stabilitätsverlust2W8
Studiendauer3W10+30 Wochen
Cthulhu-Mythos+3% / +8%
Mythoswert36

Zentrales Mythos-Wesen des Werks:

Hastur

Wer kritzelte in das Buch?

Ein Träumer kritzelte Liebesgedichte in das Buch.

Besonderheiten:

  • Nahrungsmittel verderben, Pflanzen gehen ein, Insekten sterben in der Nähe des Buches
  • Ein Blick aus dem Studierzimmer zeigt, dass ein zweiter Mond aufgegangen ist
  • Der Leser kann nicht über die Inhalte des Buches sprechen

Enthaltene Zauber:

  • Gelbes Zeichen
  • Erschaffe Tor nach Aldebaran

Interpretation: Das Werk der verschollen geglaubten Schwester von Bingen

Viele kennen heutzutage die berühmte Hildegard von Bingen wegen ihrer naturheilkundlichen Schriften und ihrem Wissen um Gewürze und Heilkräuter. Ihre Rezepturen finden sich auch heutzutage in so manchem Kochbuch und versprechen wohltuende Wirkungen.

Doch die wenigsten kennen ihre ältere Schwester Almuth von Bingen. Ein Grund dafür könnte sein, dass sie als junge Frau im Jahre 1111 plötzlich und spurlos verschwand. Ein anderer Grund war sicherlich auch ihre Affinität zum Okkulten – denn welche tiefgläubige, christliche Familie wollte gerne an diejenige Tochter erinnert werden, die sich lieber blasphemischen Studien widmete als den heiligen Schriften der Bibel?

Als Almuth wieder auftauchte, erinnerte sich niemand mehr an sie. Kein Wunder, denn es waren über 600 Jahre vergangen, zumindest für die Bewohner der Erde. Für Almuth selbst, die immer noch eine junge Frau war, waren nicht viele Jahre verstrichen. Die Zeit auf Carcosa schien viel langsamer gelaufen zu sein als hier.

Sie verwunderte ihre Umgebung mit ihrem altertümlichen Deutsch und ihrem reichen Wissen an traditioneller Naturheilkunde, das diametral zu ihrem fehlenden Geschichtswissen und ihrer ständigen Verwirrung stand, die bei den alltäglichsten Dingen den Lebens bei ihr auftrat.

Almuth fand eine Beschäftigung und eine Bleibe bei einem alten Apotheker. Ihre Aufgaben und Pflichten in der Apotheke erledigte sie sorgfältig und mühelos, und war ihre Schicht vorüber, so ließ sie sich vor niemanden blicken und verbrachte ihre gesamte Zeit mit Schreiben in ihrer Stube.

Ihrem Arbeitgeber und einigen Kunden, die sich trauten, sich nach ihrer Schreiberei zu erkundigen, erklärte sie, dass sie hauptsächlich über Manuskripte und Schriften schrieb, die sie auf ihren vergangenen Reisen gelesen hatte und deren Inhalt sie der breiten deutschen Öffentlichkeit nicht vorenthalten wollte.

Das Apothekengeschäft lief mit den Jahren immer schlechter; die Medikamente und Heilkräuter verloren rasant an Wirkung und der alte Apotheker wurde immer schwächer. Zugleich entstand nach einigen Jahren ein dicker und dicht beschriebener Wälzer mit dem merkwürdigen Titel Totgeglaubte Briefe von Hali. Das Buch wurde in Mainz verlegt und die ersten Exemplare wurden im Jahr 1740 veröffentlicht.

Das Werk verkaufte sich zunächst gut, jedoch überschatteten einige Merkwürdigkeiten die Exemplare. Pflanzen und Insekten in der Nähe eines solchen Buches verloren an Energie und gingen ein; Nahrungsmittel verdarben in rasanter Geschwindigkeit.

Über die Inhalte des Buches redete niemand und wollte niemand reden, selbst bei Androhung von Gewalt und selbst, wenn der Leser dies gewollt hätte. Daher weiß niemand, der es nicht selbst in den Händen hielt und darin las, worüber sich das Werk handelt.

Den Lesern von Totgeglaubte Briefe von Hali ist jedoch gemein, dass sie bisweilen unter Halluzinationen (insbesondere über einen zweiten Mond am Nachthimmel) und Irrsinn litten. Oft malten sie wie manisch immer wieder ein gewisses seltsames Zeichen, das Außenstehenden unbekannt und belanglos erschien. Ein Großteil der Leser nahm sich nach der Lektüre früher oder später das Leben.

Einige Zeit später verstarb der Apotheker an einer frühen Altersschwäche und die Autorin Almuth von Bingen wurde seither nie wieder gesehen. Nachdem der Verleger von Totgeglaubte Briefe von Hali sich kurze Zeit danach das Leben nahm, erschien keine weitere Auflage des Buches mehr.

Viele Menschen, insbesondere aus dem bürgerlichen und tiefgläubig-christlichen Milieu, fürchteten sich vor dem Werk, da niemand, der es gelesen hatte, über dessen Inhalte sprechen konnte. Man vermutete, dass sich teuflische Einflüsse darin verbargen, und so entschied man sich, alle Exemplare zu vernichten. Was danach noch übrig blieb, verlor sich größtenteils im Laufe der Zeit.

Heute soll es noch sieben Exemplare von Totgeglaubte Briefe von Hali geben. In einem dieser Exemplare soll ein Vorbesitzer, der es auf seine Reise in die Traumlande mitnahm, verstörende Liebesgedichte hinein gekritzelt haben.

Fazit

Der Quellenband De Vermis Mysteriis ist sehr informativ und inspirierend. Insbesondere der Mythos-Buch-Generator regt die Fantasie an und macht die Schöpfung eines neuen Folianten leicht und unterhaltsam.

Das Aufwürfeln von Totgeglaubte Briefe von Hali und dessen Interpretation haben mir viel Spaß gemacht, und ich habe schon eine Idee, wie ich Almuth von Bingens Folianten in meinen nächsten Rollenspiel-Partien einsetzen könnte.

Die Sammlung an Mythos-Werken ist weit gefächert und lud auch zum Schmunzeln ein. So wusste ich beispielsweise bisher noch nicht, dass das Voynich-Manuskript eine Version des Necronomicon ist…

Insgesamt gefällt mir De Vermis Mysteriis sehr gut und ich kann dieses Quellenband an alle weiter empfehlen, die sich für ein Mythos-Werk-Lexikon inklusive Mythos-Werk-Generator interessieren.

Titelbild adaptiert von Gerhard G. auf Pixabay

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