17. August 2022

Lovecrafts Rassismus: Was meint S. T. Joshi dazu?

Wer sich auch nur ein wenig mit Lovecraft als Person und mit seinen Werken beschäftigt, lernt schnell, dass Lovecraft offensichtlich rassistische und antisemitische Ansichten besaß. Diese dunkle Seite Lovecrafts wird innerhalb der Community schon seit längerer Zeit heiß diskutiert.

Gerade in letzter Zeit scheint dieses Thema immer mehr an Relevanz zu gewinnen: Seit dem Aufblühen der Black Lives Matter-Bewegung schaut man immer kritischer auf historische Persönlichkeiten, die aus heutiger Sicht rassistisches Gedankengut pflegten. Dieser kritischen Auseinandersetzung kann auch Lovecraft nicht entgehen: Sein Rassismus wird beispielsweise in der HBO-Serie Lovecraft Country verarbeitet und es werden kontroverse Diskussionen darüber geführt, ob er es verdient habe, dass ihm Statuen, Büsten oder Awards gewidmet werden.

In der Community wird derweil fieberhaft nach einem Heilmittel gesucht, um Lovecraft rein zu waschen: Hatte er vielleicht in den letzten Jahren seines Lebens einen Sinneswandel? Hatte er vielleicht irgendwann Reue für seine rassistischen Ansichten empfunden?

Heutzutage werden viele politische oder soziale Diskussionen und insbesondere solche, die sich um Rassismus und Minderheiten drehen, leider häufig schwarz-weiß geführt: Es gibt zu einem Argument eine Pro- und eine Contra-Front, grau schattierte Meinungen dazwischen werden oft überbrüllt. Wenn ich im Internet nach Diskussionsbeiträgen zu Lovecrafts Rassismus suche, finde ich auch hier oft entweder den ergebenen Verteidiger Lovecrafts oder den gnadenlosen Verurteiler. Kann es auch eine differenzierte Meinung dazu geben?

Jüngst hat sich S. T. Joshi zu dieser Thematik zu Wort gemeldet. Er gilt als DER Lovecraft-Biograph, der sich ein Großteil seines Lebens akribisch mit Lovecrafts Leben und Werken beschäftigt hat. Für den Truth Seeker hat er den Artikel H. P. Lovecraft’s Racism and Recognition geschrieben, der jüngst in der Ausgabe von September-Dezember 2020 veröffentlicht worden ist. Anlass war die gegenwärtige Debatte darüber, ob eine Büste von Lovecraft am Providence Athenaeum ausgestellt werden sollte.

Wenn jemand eine professionelle und differenzierte Meinung zu Lovecrafts Rassismus (und überhaupt jedem möglichen Aspekt Lovecrafts) äußern kann, dann wohl S. T. Joshi. Womöglich hat er sogar das heiß ersehnte Heilmittel der Diskussion gefunden?

Ich habe seinen Artikel durchgelesen und die Antwort lautet: Nein. Trotzdem ist der Artikel sehr interessant, denn am Ende kommt S. T. Joshi zu einem denkwürdigen und philosophischen Plädoyer.

S. T. Joshi: H. P. Lovecraft’s Racism and Recognition

Anmerkung: Die folgende Zusammenfassung habe ich so ähnlich und in verkürzter Form bereits am 6. Oktober 2020 im Forum der deutschen Lovecraft Gesellschaft veröffentlicht.

Einleitung

S. T. Joshi beginnt den Artikel mit einer Rekapitulation von Lovecrafts literarischen Verdiensten und seinem Einfluss auf die heutige Pop-Kultur, bevor er auf die jüngsten Diskussionen um dessen rassistische Ansichten gegenüber Afroamerikaner, Juden und andere Minderheiten eingeht. Als Farbiger (gebürtiger Inder), der den Großteil seines Lebens mit dem Studium von Lovecrafts Leben und Werk verbracht hat, sieht er sich dazu befugt über diese Thematik mitzureden.

Im Einklang mit dem Zeitgeist

Joshi argumentiert, dass Lovecrafts Ansichten anfangs stark von seiner Familie und der Kultur Neu-Englands geformt seien, die beide extrem konservativ gewesen seien. Damit habe er zu jener Zeit nicht allein da gestanden. Lovecraft sei zudem ein Anhänger der Wissenschaften gewesen und auch in dieser Hinsicht war die damals vorherrschende Meinung im Bereich der Biologie und Anthropologie, dass Rassenunterschiede zwischen Menschen existierten. Dieses wissenschaftliche Paradigma habe sich erst in den 1920er Jahren langsam angefangen zu ändern und war sich noch weit nach Lovecrafts Tod am Weiterentwickeln.

Schwierige Zeiten und die Bewahrung von Kulturen

Joshi betont, dass Lovecraft sich eine Bewahrung aller Kulturen gewünscht habe: nicht nur seiner eigenen angelsächsischen Kultur, aber aller Kulturen. Er geht auf die spezielle Situation in den USA zwischen 1890 und 1920 ein, in der mehr als 15 Millionen Immigranten aus aller Welt nach USA einwanderten und dort für eine erhitzte Stimmung gegen Ausländer gesorgt hätten.

In dieser Zeit heiratete Lovecraft Sonia Greene, eine Geschäftsfrau aus New York, zu der er hinzog. Greene war eine Jüdin, was Lovecraft trotz seiner antisemitischen Tendenzen nichts ausmachte, da er sie nach ihrem langen Aufenthalt in England und Amerika als so „verwestlicht“ wie sich selbst ansah. Allerdings habe Lovecraft in dieser Zeit eine schwere Phase gehabt, da er Schwierigkeiten hatte, in New York einen Job zu finden und mit der heterogenen Einwohnerschaft zurechtzukommen.

Joshi unterstreicht mit mehreren Beispielen, dass selbst in dieser schwierigen Phase Lovecraft seinen Wunsch nach der Bewahrung aller Kulturen beibehalten habe.

Rassismus in Lovecrafts Werken

Lovecraft habe zwar rassistische Ansichten in ein paar Gedichten und Briefen geäußert, jedoch nur in einem sehr kleinen Bruchteil (2-3 Gedichte von insgesamt 350 Gedichten und 2-5% der Gesamt-Wörteranzahl seiner Briefe, schätzt Joshi), wodurch Joshi sagen will, dass Lovecraft viel mehr andere Dinge im Kopf hatte als Rassismus.

Dann geht Joshi auf den Rassismus in Lovecrafts Kurzgeschichten ein. In diesem Kontext werde Das Grauen in Red Hook häufig genannt, wobei Joshi zu bedenken gibt, dass dieser Text während der New Yorker Zeit von Lovecraft entstand und er hier seine resultierende Abneigung gegen Minderheiten verarbeitet habe.

Joshi warnt generell davor, selbst nicht zu vorurteilend mit Lovecrafts Werken umzugehen, denn man könne zwar rassistische Tendenzen gegen Minderheiten in weiteren Werke finden, aber man könne genauso gut viele Werke ausmachen, in denen man heraus interpretieren und behaupten könne, dass Lovecraft Vorurteile gegenüber Weißen gehabt hätte.

Die Kurzgeschichte Er werde z.B. auch oft als rassistisch angenommen, doch Joshi bietet eine andere Interpretation an: In der Geschichte geht es um einen älteren Mann mit angelsächsischen Wurzeln mit aristokratischer Abstammung, der auf seinem Land eine Villa gebaut hatte. Es stellt sich im Laufe der Geschichte heraus, dass er die zuvor dort lebenden Indigenen vergiftet hatte, um an das Land zu kommen. Die Geister der verstorbenen Indigenen suchen den Mann auf und vernichten ihn, wobei die Erzählung eine große Befriedigung daraus zöge.

Letzten Endes sei es also eher eine Interpretationssache. Als weitere Beispiele, in denen Weiße nicht gut wegkommen, nennt er z.B. Ratten im Gemäuer, wo weiße Menschen zu Kannibalen degenerieren, oder Das Grauen von Dunwich, in denen weiße Dorfbewohner mit Unwesen aus anderen Dimensionen (Yog-Sothoth und seine Brut) verkehren.

Lovecrafts politisches Verständnis

Joshi beschreibt, dass die schwere Finanzkrise von 1929 Lovecraft dazu veranlasst habe, sich um 1930 herum vom politischen Konservatismus abzuwenden und sich stattdessen dem moderaten Sozialismus zuzuwenden. Heutzutage, so Joshi, wäre Lovecraft ein Anhänger von Bernie Sanders gewesen.

Anfangs sei diese Entwicklung geschehen, weil Lovecraft Angst davor gehabt habe, dass die Unterschicht rebellieren und die Gesellschaft umstürzen könne. Später sei Lovecraft jedoch davon überzeugt gewesen, dass es in der Gesellschaft eine Gleichverteilung von Reichtum geben solle aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit.

Um diesen Charakterwandel zu unterstreichen, zitiert Joshi eine Passage aus einem Brief von Lovecraft an Kenneth Sterling am 18. Oktober 1936. Dort plädiert Lovecraft für eine Chancengleichheit für alle Menschen:

I agree that most of the motive force behind any contemplated change in the economic order will necessarily come from the persons who have benefited least by the existing order; but I do not see why that fact makes it necessary to wage the struggle otherwise than as a fight to guarantee a place for everybody in the social fabric. The just demand of the citizen is that society assign him a place in its complex mechanism whereby he will have equal chances for education at the start, and a guarantee of just rewards for such services as he is able to render (or a proper pension if his services cannot be used) later on.

David E. Schultz und S. T. Joshi (Herausgeber): Letters to Robert Bloch and Others. New York, NY, USA: Hippocampus Press, 2015, S. 285-286.

Lovecrafts Haltung zu Rechtsextremismus

Danach wendet sich der Artikel der Kritik zu, die Lovecraft aufgrund seiner widersprüchlichen Unterstützung für Hitler erhalten habe, die er in Briefen von 1933-1934 ausgedrückt habe. Joshi weist darauf hin, dass Lovecraft mit dieser Haltung zur damaligen Zeit nicht alleine gestanden habe. Andere Personen jener Zeit hätten sogar viel mehr Bewunderung für Hitler ausgedrückt als Lovecraft.

Joshi berichtet, dass Lovecraft sogar entsetzt gewesen sei, als er mit einer Nachbarin gesprochen habe, die von einer Deutschland-Reise zurückgekommen war, und von den Grausamkeiten erzählt habe, die in Deutschland den Juden und anderen Minderheiten angetan wurden. Im Gegensatz dazu habe es Zeitgenossen Lovecrafts gegeben, die trotz des Wissens um den Holocaust eine Bewunderung für Hitler ausgedrückt hätten.

Joshi führt weiter aus, dass der Wandel zum Sozialismus Lovecraft anti-rechtsextrem und anti-nazistisch gemacht habe. In dieser Zeit habe Lovecraft keinen weißen Nationalismus unterstützt. Um diese Aussage zu belegen, zitiert Joshi einen Brief von Lovecraft an C. L. Moore vom 7. Februar 1939, in dem er schreibt:

Granting the scant possibility of a Franco-like revolt of the Hoovers and Mellons and polite bankers, and conceding that – despite Coughlinism, the Black Legion, the Silver Shirts, and the K.K.K. – the soil of America is hardly very fertile for any variant of Nazism, it seems likely that the day of free and easy plutocracy in the United States is over.

David E. Schultz und S. T. Joshi (Herausgeber): Letters to C. L. Moore and Others. New York, NY, USA: Hippocampus Press, 2015, Seite 213.

Joshi räumt ein, dass es eine Übertreibung wäre zu behaupten, dass Lovecraft gegen Ende seines Lebens seinen rassistischen Ansichten abgeschworen hätte. Er habe jedoch seine Überzeugungen so weit geändert, wie es nötig sei, um in einer Wellenlänge mit seinen Überlegungen zu sozialistischen Reformen zu kommen.

Der Rassismus der Zeitgenossen

Joshi findet es merkwürdig, dass man heutzutage Lovecraft für seine rassistischen Ansichten verurteile, während man vielen anderen Autoren und Persönlichkeiten in dieser Hinsicht einen Freipass gäbe.

Um diese Behauptung zu belegen, führt er eine ganze Liste von Namen an. So habe beispielsweise Edgar Allan Poe die Sklaverei unterstützt, H. G. Wells habe abschätzig über „primitive“ Kulturen gesprochen, Robert E. Howard habe weitaus rassistischere Geschichten als Lovecraft geschrieben, T. S. Eliot sei ein Antisemit gewesen und George Orwell ein Homophob.

Joshi mutmaßt, dass derzeitig der Fokus nur so stark auf Lovecraft läge, weil einerseits seine Werke von einer anziehenden Ausdruckskraft seien und man daher seine rassistischen Entgleisungen persönlich nehme; andererseits stehe Lovecraft einfach im Vordergrund, da seine Werke die heutige Popkultur stark beeinflussen. Dies sei bei den zuvor genannten Autoren weniger oder gar nicht der Fall.

Joshi fände es zudem merkwürdig, dass die Diskussion um Lovecrafts Rassismus hauptsächlich vom angelsächsischen Kulturraum ausgehe. Joshi sei global weit vernetzt und berichtet, dass gerade diejenigen Menschen diese Rassismus-Diskussion gar nicht tangiert, die sich am meisten beleidigt davon fühlen sollten.

Die Kritiker in der Kritik

Am Ende des Artikels plädiert Joshi dafür, nicht alles schwarz-weiß zu sehen und Lovecraft nicht in einen Topf zu werfen mit Konföderierten-Generälen und anderen Rassisten, die aktiv farbige Menschen geschadet haben und schaden.

Man sei zu engstirnig, wenn man Lovecraft einzig und allein auf einen Rassisten reduziere, da Lovecrafts Gedanken diesbezüglich und zu einer Vielzahl anderer Themen zu komplex seien, um sie in eine ganz bestimmte Schublade zu stecken.

Außerdem warnt Joshi davor, heutige moralische Standards auf Persönlichkeiten der Vergangenheit anzuwenden. Im Gegenzug könnten nämlich auch wir in 50 bis 100 Jahren nicht gut aussehen aufgrund von unbewussten Ansichten und Handlungsweisen unsererseits, die nach zukünftigen moralischen Standards zu verurteilen seien.

Dieses Kritisieren dieses einen Aspektes von Lovecraft sei, so Joshi in seinem Schlusssatz, letzten Endes auch eine Art Vorurteil unsererseits, das als veraltet angesehen und abgelehnt werden müsse.

Eigene Gedanken zum Artikel

Für mich liest sich der Artikel von S. T. Joshi eher wie eine Verteidigungsrede, wie sie etwa im antiken Rom von Cicero gehalten worden mag.

Viele der Argumente, mit denen Joshi versucht, Lovecrafts Rassismus zu entkräftigen, empfinde ich nicht wirklich als Argumente. Dazu gehören seine Versuche zu zeigen, dass es „viel schlimmere“ Zeitgenossen gegeben habe. Das entschuldigt nichts, denn auf die gleiche Weise könnte man Hitlers Untaten relativieren, wenn man ihn mit Mao Zedong vergleicht.

Natürlich ist aber Lovecraft nicht gleich Hitler. Lovecraft hat seine rassistischen Ansichten „nur“ in seinen Werken und Briefen ausgedrückt, und keinen Menschen geschadet oder ermordet. Joshi versucht, dieses Vehalten mit Lovecrafts Lebenssituation und der allgemeinen Situation in den USA zu erklären. Auch geht Joshi auf den wissenschaftlichen Stand dieser Zeit ein und dem damals noch vorherrschenden Paradigma, dass es überlegene Menschenrassen gäbe.

Ich denke, dieser Zeitkontext ist der tatsächliche Knackpunkt: Rassistische Ansichten entsprachen leider dem damaligen Zeitgeist. Lovecrafts Einstellung war zum Teil ein Produkt dieses Zeitgeistes. In diesem Sinne erinnert mich dieses Argument an die Diskussionen, die wir früher im Deutsch-Unterricht über Bertolt Brechts Woyzeck geführt haben: Ist die Gesellschaft Schuld daran, dass Woyzeck zum Mörder wurde? Analog: Ist der Zeitgeist Schuld daran, dass Lovecraft zum Rassisten wurde?

Dieser Vergleich mag vielleicht etwas überzogen sein. Es stellt sich jedenfalls die Frage: Wenn Lovecraft zu unserer Zeit gelebt hätte, wäre er ebenfalls rassistisch eingestellt? Das kann niemand mit Gewissheit beantworten.

Der letzte Teil von Joshis Argumentation ist für mich in dieser Hinsicht am interessantesten: Können wir uns wirklich anmaßen, Persönlichkeiten aus der Vergangenheit auf Basis unserer modernen moralischen Standards zu verurteilen? Sollten wir nicht die damaligen Umstände und den damaligen Zeitgeist berücksichtigen?

Ich denke: Ja, wir dürfen durchaus mit unseren Maßstäben messen, aber wir sollten nicht urteilen, wenn wir nicht zur gleichen Zeit gelebt haben, um zu wissen, wie Situation und Zeitgeist gewesen sind.

Gemessen an die moralischen Werte unserer Zeit können wir auf jeden Fall sagen: Ja, Lovecraft war ein Rassist. Wenn er in der heutigen Zeit leben würde und so eingestellt wäre, sollten wir ihn dafür verurteilen. Jedoch lebte er in einer Zeit, in der solche Ansichten leider Normalität waren. Und er starb wahrscheinlich ohne die Chance, diese Ansichten so zu überdenken und reflektieren zu können, wie die Menschen in späteren Zeiten in der Lage waren und heute sind.

Anmerkung: Das Porträt von Lovecraft, das im Beitragsbild genutzt wurde, stammte von der H. P. Lovecraft Photo Gallery.

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