17. August 2022

Leslie S. Klinger: H. P. Lovecraft – Das Werk II

Im Jahr 2017 erschien die deutsche Ausgabe von Leslie S. Klingers H. P. Lovecraft – Das Werk beim Fischer Tor-Verlag. In diesem Beitrag habe ich voller Begeisterung über dieses bibliophile und massige Buch berichtet. Es war damals, im Jahr 2018, mein Einstieg in die Welt von H. P. Lovecraft und des Cthulhu-Mythos und ich habe es mittlerweile schon häufig aus meinem Regal hervorgeholt und immer wieder darin gelesen.

H. P. Lovecraft – Das Werk enthielt mit jenen Geschichten, die sich rund um Arkham drehen, die charakteristischsten Erzählungen Lovecrafts. Doch eben nicht alle – vor allem fehlten einige sehr berühmte Kurzgeschichten wie „Die Ratten im Gemäuer“ und „Die Musik des Erich Zanns“ sowie all jene phantastische Erzählungen, die sich in den Traumlanden abspielen.

Letztes Jahr erschien dann im September ein Folgeband: H. P. Lovecraft – Das Werk II, für ebenfalls stolze 78 €. Wie gerechtfertigt ist der Preis aber diesmal?

Leslie S. Klinger: H. P. Lovecraft – Das Werk II. Erschienen bei Fischer Tor.

„Jetzt vollständig“? Nicht ganz.

Das zweite Band behauptet, wie auf dem gelben Sticker zu sehen, Lovecrafts Werk sei damit „jetzt vollständig“. So ganz korrekt ist das allerdings nicht. H. P. Lovecraft – Das Werk II enthält die folgenden 25 Erzählungen:

  • Die Gruft
  • Polaris
  • Juan Romeros Übergang
  • Das Unheil, das über Sarnath kam
  • Der schreckliche, alte Mann
  • Die Katzen von Ulthar
  • Was über den verstorbenen Arthur Jermyn und seine Familie bekannt ist
  • Der Tempel
  • Celephaïs
  • Von drüben
  • Ex Oblivione
  • Iranons Suche
  • Der Außenseiter
  • Die anderen Götter
  • Die Musik des Erich Zann
  • Die lauernde Furcht
  • Die Ratten in den Mauern
  • Unter den Pyramiden
  • Das gemiedene Haus
  • Das Grauen in Red Hook
  • Er
  • Kühle Luft
  • Das seltsame Haus hoch oben im Nebel
  • Pickmans Modell
  • Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath

Damit beinhaltet dieses Band zum allergrößten Teil das frühe Werk Lovecrafts, das einerseits von klassischen Horror-Geschichten (z.B. „Die Gruft“, „Die Ratten in den Mauern“) und andererseits von phantastischen Erzählungen mit Traumcharakter bzw. von Lord Dunsany inspirierte Erzählungen (z.B. „Celephaïs“, „Iranons Suche“) geprägt ist. Vom Cthulhu-Mythos sieht man in diesen frühen Geschichten wenn überhaupt nur Ansätze, nimmt man mal Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath außen vor.

Apropos Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath: Für mich ist diese Geschichte, bei der es sich um einen Kurzroman handelt, das Highlight in dieser Sammlung. Hier etabliert Lovecraft erstmalig die Traumlande, eine Parallelwelt, die durch Träume zugänglich ist, und verschiebt die Schauplätze seiner früheren phantastischen Erzählungen in diese Welt.

Doch was fehlt nun in dieser Sammlung? Einerseits sind es die Kollaborationsarbeiten zwischen Lovecraft und anderen Autoren. Offensichtlich hat man sich dazu entschieden, diese nicht zu Lovecrafts Werk zu zählen – nachvollziehbar, denn nicht immer ist klar, wie viel Anteil Lovecraft tatsächlich an den Geschichten hatte. Während er manche Geschichten quasi als Ghostwriter im Alleingang schrieb, etwa „Yig’s Curse“ mit Zealia Bishop, hat er bei anderen Auftragsarbeiten nur kleinere Überarbeitungen vorgenommen.

Wenn man die Kollaborationsarbeiten weglässt, fehlen immer noch einige Erzählungen von H. P. Lovecraft, die dieser ganz allein verfasst hat. Zugegeben: Diese fehlenden Erzählungen sind größtenteils nicht so gut wie diejenigen, die man in Leslie S. Klingers Ausgaben findet: „The Beast in the Cave“ und „The Alchemist“, die zwei frühesten Erzählungen Lovecrafts, sind nicht wirklich ausgefeilt; „The Moon-Bog“ ist eine schwächere Version von „Die Ratten in den Mauern“, usw.

Aber was ich sehr bedauerlich finde, ist das Fehlen der wunderbaren Erzählung „The White Ship“. Dabei reiht sie sich doch wunderbar in die anderen phantastischen Erzählungen ein, die im zweiten Band enthalten sind. Falls sie aus Qualitätsgründen ausgelassen worden ist, kann ich das wirklich nicht nachvollziehen. Ich glaube eher, dass sie irgendwie vergessen wurde. Es ist jedenfalls sehr schade, dass diese Geschichte über die träumerische Schiffreise eines Leuchtturmwärters nicht in der Sammlung enthalten ist.

An Platzmangel kann es jedenfalls nicht gelegen haben…

Ein vergleichsweise dünner Nachfolgeband

Denn wenn man das erste Band bereits hat, fällt beim zweiten Band optisch sofort auf: Es ist viel dünner als sein Vorgänger.

Die beiden Werke im Buchrückenvergleich.

Das Werk II ist wesentlich dünner als Das Werk. Ja, es ist sogar fast halb so dick! Während das erste Band über 900 Seiten aufweist, besitzt das zweite Band gerade mal etwa 500 Seiten. Das ist natürlich immer noch eine beachtliche Anzahl an Seiten, aber der erste Eindruck ist natürlich zunächst enttäuschend. Mein erster Gedanke war ehrlicherweise: Dafür zahle ich 78 Euro…?

Dabei wäre es einfach gewesen, mehr Inhalte zu finden, denn wie gesagt: Auch ohne Kollaborationsarbeiten hätte es noch mehr Erzählungen von H. P. Lovecraft gegeben, die man in das zweite Band hätte packen können, vor allem wenn man anschließend den Anspruch erheben möchte, „vollständig“ zu sein.

Übrigens: Es liegt nicht an meinen Fähigkeiten, Rechtecke in Bildbearbeitungsprogrammen zu zeichnen: Der Untertitel „Das Werk II“ auf dem Buchrücken ist tatsächlich nicht ganz mittig aufgedruckt worden…

„Die definitive Neuübersetzung“

Was den Anspruch angeht, „die definitive Neuübersetzung“ zu sein, so würde ich dies wohl eher unterschreiben, wenngleich ich auch hier ein paar Makel sehe. Wie auch zuvor im ersten Band sind einige Maßangaben nicht in metrische Einheiten übertragen worden, was zumindest mein Vorstellungsvermögen beim Lesen behindert, weil ich mit den imperialistischen Angaben überhaupt nichts anfangen kann. Dies scheint aber, soweit ich gesehen habe, nur die Texte eines bestimmten der zwei Übersetzer zu betreffen, die an den Übersetzungen gearbeitet haben. So habe ich doch tatsächlich auch eine Angabe in Metern erhascht.

Gut, das sind aber Details. Wie sieht es mit der Nähe zum englischen Originaltext aus? Man müsste meinen, dass der Anspruch einer „definitiven Neuübersetzung“ eher in diese Richtung zu verstehen sei.

Im Zuge meiner Arbeiten für das CthulhuWiki habe ich öfters einige Textstellen aus H. P. Lovecraft – Das Werk und H. P. Lovecraft – Das Werk II mit solchen aus den Festa-Übersetzungen sowie mit dem englischen Originaltext verglichen. Hierzu kann ich sagen, dass die Neuübersetzung tatsächlich etwas besser klingt als die älteren Übersetzungen von Festa, wobei das eine Geschmackssache ist.

Was die Nähe zum Originaltext angeht, so versucht die Neuübersetzung so nah daran zu sein, wie es Lesefreundlichkeit und Leseverständnis erlauben. Das bedeutet, dass sie an einigen Stellen immer noch relativ frei ist, d.h. hier darf man keine 1:1 Übersetzung erwarten. Aber viele Eigenarten von Lovecrafts Texten wurden übernommen und das finde ich gut gelungen. Wenn ich also die Wahl habe, eine Erzählung in der Neuübersetzung oder in der älteren Festa-Übersetzung zu lesen, so wähle ich die Neuübersetzung – zumindest solange ich dort nicht allzu sehr mit imperialistischen Maßeinheiten zugeworfen werde. In dem Fall kam es schon vor, dass ich das Lesen abgebrochen habe und stattdessen zur Festa-Ausgabe gegriffen habe.

Übrigens: Diejenige Übersetzung, die am nächsten zum Originaltext von Lovecraft ist, erhält man mit DeepL. Mittlerweile bin ich bei übersetzten Zitaten aus Lovecrafts Geschichten in den CthulhuWiki-Artikeln dazu übergegangen, die Originalstellen von DeepL übersetzen zu lassen. Gelegentlich muss ich das eine oder andere Wort oder eine Formulierung verbessern, aber ansonsten klappt das sehr gut!

„Kommentierte Ausgabe“

Wie auch schon der Vorgängerband enthält H. P. Lovecraft – Das Werk II viele Kommentare und Fußnoten zu den Erzählungen. Damals, als ich Das Werk I las, hatte ich noch gar kein Vorwissen zu Lovecraft und dem Cthulhu-Mythos, und so fand ich die Kommentare sehr bereichernd. Mittlerweile kenne ich mich besser aus und so bin ich mir nicht sicher, ob es an meiner höheren Erfahrung liegt, dass ich die Kommentare in Das Werk II nicht immer hilfreich fand.

Einige Kommentare haben mich sogar regelrecht genervt, nämlich diejenigen, die sich an psychologischen Interpretationen von Lovecrafts Erzählungen gemacht haben. Mag sein, dass das manche interessant finden mögen, aber mich hat das gar nicht interessiert.

An manchen Stellen, wo ich mir einen erläuternden Kommentar gewünscht hätte, fehlte dieser wiederum. Manchmal gab es seitenlang gar keinen einzigen Kommentar, obwohl man gewiss welche hätte machen können. Besonders aufgefallen ist mir das bei der längsten Erzählungen Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath.

Ansonsten gab es aber natürlich auch Kommentare, die ich interessant und wissenswert fand. Insgesamt würde ich aber sagen, dass es diesmal – im Gegensatz zum Vorgänger – der Erwerb dieses Bandes allein der Kommentare willen nicht gerechtfertigt wäre.

Fazit

Ich bin froh, dass ich durch einen Büchergutschein, den ich zum Geburtstag bekam, etwa nur die Hälfte des vollen Preises in Höhe von 78 Euro für H. P. Lovecraft – Das Werk II zahlen musste. Hätte ich nämlich den vollen Preis bezahlt, hätte ich mich wahrscheinlich geärgert.

Ja, das Buch ist schön und einigermaßen bibliophil – zumindest wenn man ein Exemplar erhielte, auf dem der Buchrücken schön mittig aufgedruckt ist. Aber es ist nicht vollständig, die Übersetzung ist nur ein wenig besser als beispielsweise diejenige des tatsächlich vollständigen Lovecraft-Schubers von Festa, und für die Kommentare allein lohnt sich die Anschaffung auch nicht. Wenn man an interessanten Hintergrundinformationen interessiert ist, könnte man auch die Biographie von S. T. Joshi lesen, die lauter interessante Fakten zu Lovecrafts Erzählungen bereithält.

Insgesamt finde ich H. P. Lovecraft – Das Werk II eher enttäuschend. Vor allem, wenn man die ganzen Erzählungen Lovecrafts schon anderweitig im Bücherregal stehen hat, bringt das Band nicht so viel Mehrwert.

Wer weniger anspruchsvoll ist als ich, die Geschichten, die das Band beinhaltet, noch nicht kennt, und für den 78 Euro keine große Investition darstellt, der kann gewiss glücklich mit dem Band werden. Demjenigen empfehle ich aber auf jeden Fall, die Kollaborationsarbeiten von H. P. Lovecraft nachzuholen, die einige ikonische Schöpfungen wie etwa den Schlangenvater Yig, die unterirdische Welt K’n-yan oder den fürchterliche Ghatanothoa enthalten.

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