Blog-Sothoth

Klarkash-Tons Geschichten aus Hyperborea und anderen Welten

Die Namen Hyperborea und Tsathoggua werden öfters in Rollenspiel-Büchern oder in Lovecrafts Geschichten erwähnt. Worum geht es dabei? Ich habe Clark Ashton Smiths Die Stadt der Singenden Flamme gelesen, um mehr herauszufinden.

Als meine Faszination für den Cthulhu-Mythos begann, dachte ich irrtümlicherweise, dass der gesamte Mythos einzig und allein von H. P. Lovecraft ausgegangen sei. Da ich ursprünglich durch das Cthulhu-Rollenspiel zu Lovecraft kam, erwartete ich nun in seinen Werken Begegnungen mit den vielen Göttern, Monstren, Folianten und Orte, die in den Rollenspielbüchern erwähnt werden.

Einen guten Teil seiner Geschichten las ich in Leslie S. Klingers herausgegebenen Werk, das sich auf Lovecrafts Arkham-Zyklus fokussiert. Mythos-hungrig verschlang ich Lovecrafts Geschichten, doch ließ mich die Lektüre immer noch hungrig zurück, wenn nicht sogar hungriger als zuvor.

Woher kommt Hyperborea?

Eines der Themen, die ich vermisst habe, war beispielsweise Hyperborea. In Rollenspiel-Quellenbüchern wird Hyperborea häufig erwähnt im Kontext von magischen Artefakten oder auch im Zusammenhang mit dem Buch von Eibon. Auch in anderen Spielen kann man Spuren von Hyperborea finden. So besitzt z.B. im Arkham Horror-Kartenspiel die Investigatorin Agnes Baker ein Erbstück aus Hyperborea.

Ich fand heraus: Hyperborea ist keine Schöpfung von Lovecraft. Er hat zwar den Cthulhu-Mythos ins Leben gerufen. Aber Lovecraft liebte es, okkulte Figuren anderer Autoren in seine Geschichten aufzunehmen und ermutigte andere Autoren unheimlich-phantastischer Geschichten dazu, umgekehrt sich auch von seinen Figuren und Göttern zu bedienen.

So regte Lovecraft auch den Autor August Derleth dazu an, sich vom Cthulhu-Mythos zu bedienen. Als der Herausgeber von Weird Tales, Farnsworth Wright, deswegen eine Geschichte von Derleth ablehnte, war Lovecraft darüber empört. Er schrieb in einem Brief vom 3. August 1931 an August Derleth:

Was für böotische Dummheiten und Nebensächlichkeiten! Und wie vollkommen unsinnig, Ihre Verwendung von Cthulhu & Yog-Sothoth so zu kritisieren – als ob Sie sich damit „widerrechtlich“ meinen Sachen aneignen! Hades! Je mehr diese synthetischen Dämonen von verschiedenen Autoren ausgearbeitet werden, desto besseres Hintergrundmaterial geben sie ab. Ich will, dass andere meine Azathoths & Nyarlathotheps benutzen & werde mich meinerseits Klarkash-Tons Tstogghua, Ihres Mönchs Clithanus & Howards Bran bedienen.

David E. Schultz und S. T. Joshi: Essential Solitude: The Letters of H. P. Lovecraft and August Derleth. New York, NY, USA: Hippocampus Press, 2013, S. 353.

Der im Zitat genannte Klarkash-Ton ist eben jener Schöpfer von Hyperborea und trug vieles zum Mythos bei, allen voran den hyperboreischen Krötengott Tsathoggua, den hyperboreischen Zauberer Eibon und dessen famoses Buch.

Klarkash-Ton und E’ch-Pi-El

Klarkash-Ton war Lovecrafts scherzhafter Spitzname für den Dichter, Bildhauer und Autor Clark Ashton Smith und stellt eine lautmalerische Version dessen Vornamens dar (Clark Ashton → Klarkash-Ton). Im Gegenzug unterzeichnete Lovecraft seine Briefe an Smith ebenfalls lautmalerisch mit E’ch-Pi-El.

Clark Ashton Smith, 1912 (Quelle: California Faces: Selections from The Bancroft Library Portrait Collection, Online Archive of California)

Ihre Briefkorrespondenz begann mit einem Fan-Brief seitens Lovecraft, der Smiths Gedichte und Kunstwerke bewunderte. Bald danach wurde Smith fest etabliert im „Lovecraft-Zirkel“, zu dem z.B. auch August Derleth gehörte. Inspiriert von Lovecrafts unheimlich-phantastischer Schriftstellerei begann auch Smith mit dem Schreiben von Geschichten solcher Art.

Insgesamt veröffentlichte Clark Ashton Smith eine Vielzahl von Kurzgeschichten, die mehrheitlich eher dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind, aber auch Horror- und Science-Fiction-Elemente aufweisen. Es sind so viele Geschichten von Smith vorhanden, dass der Festa-Verlag in seiner Reihe Bibliothek des Schreckens sechs Bänder mit seinen gesammelten Erzählungen veröffentlicht hat. Diese enthalten wohlgemerkt nur seine Kurzgeschichten – nicht die vielen Gedichte, die er zusätzlich veröffentlicht hat.

Laut Stephen Jones (The Lost Worlds by Klarkash-Ton, 2002) bewegen sich 26 Geschichten von Smith innerhalb des Cthulhu-Mythos, wobei seine Hyperborea-Geschichten dem Mythos am nächsten stünden.

Die Stadt der Singenden Flamme

Um in den Genuss von Clark Ashton Smiths Hyperborea-Geschichten zu kommen, habe ich das erste Band der gesammelten Erzählungen beim Festa-Verlag gelesen: Die Stadt der Singenden Flamme.

Band 1 der gesammelten Erzählungen von Clark Ashton Smith beim Festa-Verlag

Dieses Band besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil enthält unzusammenhängende Kurzgeschichten, während der zweite Teil aus den Hyperborea-Geschichten besteht. Außerdem finden sich darin noch drei sehr interessante Vorworte: Ein Vorwort von Stephen Jones umreißt Clark Ashton Smiths Leben und Karriere im Allgemeinen. Will Murray konzentriert sich in seinem Vorwort auf den Hyperborea-Teil.

Dann gibt es noch ein kurzes Vorwort von Clark Ashton Smith persönlich mit dem Titel Über Fantasy. Hierin plädiert er für das Fantastische und Unmögliche als Gegenstand literarischer Werken. Den Kritikern von fantastischer Literatur empfiehlt er:

Wer auch nicht den geringsten Anflug von Fantasie oder bildlicher Sprache ertragen kann, sollte sich beim Lesen auf die Ergebnisse der Volkszählung beschränken. Falls er sich überhaupt irgendwo auf sicherem Boden befindet, dann dort.

Clark Ashton Smith: Die Stadt der Singenden Flamme, Bibliothek des Schreckens, erste Auflage. Festa-Verlag, Leipzig, Deutschland: 2011, Seite 46.

Insgesamt hatte ich viel Vergnügen bei der Lektüre dieses Buchs, wenngleich sowohl sein Schreibstil als auch seine Auffassung vom Cthulhu-Mythos sich sehr von H. P. Lovecrafts unterscheiden.

Ein bildgewaltiger Schreibstil

Beim Lesen fällt auf, dass Clark Ashton Smith ursprünglich ein Dichter war. Die Sprache ist bildgewaltig. Sofort entstehen vor dem geistigen Auge fantasievolle Landschaften und detaillierte Bilder. Leicht schafft es Smith, mit wenigen aber ausdrucksvollen Wörtern die passende Atmosphäre herbei zu beschwören.

Zugleich sind seine Texte keine leichte Kost. Beim Lesen braucht man Ruhe und Konzentration, um die kunstvollen Sätze verfolgen und verstehen zu können. Läuft nebenbei der Fernseher, wird das Lesen eher schwierig, selbst wenn man normalerweise gut darin ist, Umgebungsgeräusche beim Lesen auszublenden.

Eine Geschichte von Clark Ashton Smith ist wie eine Tasse hoch qualitativer First Flush Darjeeling-Tee: blumig, zart und zum Genießen, aber keinesfalls zum achtlosen Herunterschlingen.

In der Leseprobe, die der Festa-Verlag zum ersten Band Die Stadt der Singenden Flamme anbietet, erhält man einen guten Eindruck von Smiths Schreibstil. Es handelt sich um die ersten Seiten der gleichnamigen Geschichte Die Stadt der Singenden Flamme, in der der Protagonist zufällig in eine Paralleldimension stolpert und dort wundersame Beobachtungen macht.

Bizarre Gruselgeschichten

Die Kurzgeschichten im ersten Teil haben alle eine mehr oder weniger starke Horror-Komponente. Das Grauen steht aber meistens nicht im Vordergrund, sondern stellt eher ein Würzmittel dar.

Einige dieser Geschichten und meine Eindrücke dazu:

Die Stadt der Singenden Flamme sowie dessen Folgegeschichte Jenseits der Singenden Flamme würde ich eher als bizarr denn unheimlich bezeichnen, wobei die Handlung durchgehend von einer ungewissen Bedrohung überschattet wird, die beim Lesen unruhig macht.

Die Abscheulichkeiten von Yondo soll Smiths erster Versuch einer Horror-Geschichte gewesen sein. Sie ist in jedem Fall unheimlich und erschafft eine bedrohliche und aussichtslose Atmosphäre.

Die Auferweckung der Klapperschlange erinnerte mich sehr an typische unmythische Gruselgeschichten von Lovecraft. Ich konnte nicht umhin, mir beim Lesen dieser Kurzgeschichte Lovecraft, Smith und vielleicht Derleth als die Protagonisten vorzustellen, die eine Art Pyjama-Party veranstalten.

Die Schrecken der Venus ist eine bizarre Science-Fiction-Horrorgeschichte, in der Menschen auf der Venus landen, um sie zu erforschen und zu kolonialisieren. Doch sie haben nicht mit den tödlichen Lebensformen auf der Venus gerechnet.

Der Hyperborea-Zyklus

Clark Ashton Smiths Hyperborea (aus dem Griechischen: „Jenseits des Nordwindes“) war ein voreiszeitlicher Kontinent auf unserem Planeten. Der obere Teil von Hyperborea trug den Namen Mhu Thulan und entspricht dem heutigen Grönland. Seine Hauptstadt war zuerst Commoriom, doch aus bestimmten Gründen – denen eine ganze Kurzgeschichte gewidmet ist – wurde die Stadt eines Tages verlassen und eine neue Hauptstadt namens Uzuldarum gegründet.

Von den elf Hyperborea-Kurzgeschichten nimmt man mit, dass dieser Kontinent ursprünglich von einer lebhaften Flora und Fauna mit Regenwäldern und Dschungeln besiedelt war. Dann kam die Eiszeit und nach und nach wurde Hyperborea vom Norden her mit Eis und Gletschern überzogen. Um dem frostigen Tod zu entkommen, flohen immer mehr Hyperboreer gen Süden.

Die Kultur und der technologische Fortschritt in Hyperborea sind am ehesten mit denen typischer Fantasy-Welten zu vergleichen, in denen man Schwerter schwingt und Magie nicht ungewöhnlich ist. Letzteres ist manchmal irritierend, wenn man bedenkt, dass Hyperborea in unserer Welt angesiedelt sein sollte. Besonders wenn dann Smith von „Elfenhaar“ oder Ähnlichem schreibt, muss ich immer wieder stutzen. Meint er das dann wortwörtlich in dem Sinne, dass Elfen die Erde bevölkerten und es sich um eines ihrer Haare handelt? Oder ist es metaphorisch gemeint im Sinne eines sehr zierlichen Fadens, wenn er etwas Elfenhaar nennt? Das ist nicht immer klar ersichtlich.

Vom bestehenden Cthulhu-Mythos entleiht sich Smith altbekannte Götter und verpasst ihnen alternative Schreibweisen wie etwa Kthulhut und Yok-Zothoth, was ich ziemlich authentisch finde: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich über die Zeit hinweg und je nach Kultur Namen ändern. Von seiner Seite aus führt er eine unglaubliche Vielzahl übernatürlicher Wesenheiten ein:

  • Tsathoggua, der Krötengott, wohl als Hauptbeitrag zum Cthulhu-Mythos und Smiths Lieblingsgottheit anzusehen.
  • Hziulquoigmnzhah, ein Verwandter von Tsathoggua.
  • Atlach-Nacha, die Spinnengottheit.
  • Ubbo-Sathla, der zur Urzeit in der Ursuppe das erste Leben generierte.
  • Abhoth, der immerwährend unsinnig geformte Wesen ausstößt.
  • Rlim Shaikorth, der weiße Wurm, vor dessen Ankunft das Buch des Eibon warnt.
  • Yhoundeh, die Elchgöttin.
  • Das kopflose Volk der Bhlemphroim.
  • Das Volk der wilden, animalischen Voormis, die in den Bergen hausen.

…und viele mehr.

Clark Ashton Smiths Gottheiten verhalten sich grundlegend anders als Lovecrafts. So ist es in Smiths Geschichten nicht ungewöhnlich, dass die Götter mit den Menschen reden, was meistens in einer telepathischen Art geschieht. Dabei zeigen sie oft einen grotesken Humor. Dieser „un-lovecraftianische sardonische Humor“, wie Will Murray es in seinem Vorwort bezeichnet, zieht sich generell den ganzen Hyperborea-Zyklus hindurch und ließ mich beim Lesen schmunzeln.

Die Geschichten des Hyperborea-Zyklus‘ haben mir sehr gut gefallen. Obwohl sie alle mit Hyperborea zu tun haben, unterscheiden sie sich doch sehr, da sie sich zu verschiedenen Zeitpunkten der hyperboreischen Ära und an verschiedenen Orten abspielen.

Einige hyperboreische Geschichten und meine Eindrücke dazu:

Die Geschichte von Satampra Zeiros sowie Der Raub der Neununddreißig Keuschheitsgürtel handeln vom Meisterdieb Satampra Zeiros und sind eher abenteuerlich gehalten, wobei die erste Geschichte zum Ende hin durchaus unheimlich wird.

Das Tor zum Saturn handelt vom Zauberer Eibon. Auf der Flucht vor der Inquisition, die ihn wegen seiner Anbetung zu Tsathoggua verfolgt, kommt er durch ein Dimensionstor nach Saturn. Die Geschichte ist spannend und besitzt einige interessante und humoristische Plot-Twists.

Der Eisdämon ist meine Lieblingsgeschichte des Zyklus, weil sie so schön schaurig ist. Beim Lesen bekam ich an mehreren Stellen eine Gänsehaut. Übrigens: Das Titelbild, das ich für diesen Blog-Beitrag erstellt habe, zeigt eine Szene aus dieser Geschichte.

Die sieben Banngelübde ist eine ironische Geschichte, die am laufenden Band Götter und übernatürliche Wesen einführt.

Die Ankunft des Weißen Wurms stellt ein Kapitel aus dem Buch des Eibon dar. Als solches ist es sprachlich interessant geschrieben und liest sich an manchen Stellen fast schon wie ein Bibeleintrag.

Hintergrundwissen im Anhang

Zu fast jeder Geschichte in dem Band finden sich im Anhang Anmerkungen, in denen Hintergrundwissen vermittelt wird. Besonders schön finde ich dabei, dass zu den Zitaten und Aussagen Quellen angegeben werden. Insbesondere die Anmerkungen zu den hyperboreischen Geschichten sind aber eher traurig, da Clark Ashton Smith wenig Erfolg hatte, diese Geschichten an Weird Tales oder anderen Pulp-Magazinen zu verkaufen und oft wenig Geld dafür bekam. Umso tröstender ist es, die Briefzitate von Lovecraft dazu zu lesen, der Smith ermutigt oder sich über die Herausgeber der Magazine empört.

Die Ablehnung von Smiths Geschichten führte auch zu komischen Situationen. Da Lovecraft Smiths Erzählungen vor ihrer Einreichung schon von Smith zugeschickt bekam und überzeugt war, dass sie angenommen und gedruckt würden, arbeitete er Smiths Schöpfungen in aktuelle Werke ein. So kam es, dass die Leser Tsathoggua nicht erstmals in einer Erzählung von Smith begegneten, sondern in Zealia Bishops Der Hügel, die Lovecraft als Ghostwriter verfasst hatte.

Zugleich wird in den Anmerkungen öfters darauf hingewiesen, dass andere Geschichten-Zyklen von Clark Ashton Smith, etwa der Zothique-Zyklus, beliebter waren. Das macht mich natürlich, die gerade erst in Smiths Geschichten eingestiegen ist, sehr neugierig auf seine anderen Werke.

Schlusswort

Das erste Band der gesammelten Erzählungen von Clark Ashton Smith konnte mich überzeugen. Die Geschichten sind mit einem Wort bizarr. Der Anspruch der Geschichten ist zwar hoch und somit sind sie keine leichte Kost. Doch die bizarre Natur der Geschichten und Smiths grostesker Humor sind absolut unterhaltsam.

Wer allerdings bildreichen und kunstvollen Beschreibungen nichts abgewinnen kann, ist vielleicht mit Smiths Werken eher schlecht beraten. Am besten einfach mal die Leseproben beim Festa-Verlag lesen und sich selbst ein Bild machen!

Für mich wird Die Stadt der Singenden Flamme jedenfalls nicht das einzige gelesene Band von Clark Ashton Smith bleiben. Wahrscheinlich schaue ich mir als nächstes die Zothique-Geschichten näher an.

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