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John Hornor Jacobs: Southern Gods

In den hinterwäldlerischen Ecken von Arkansas liest und schaut man Theaterstücke wie Der König in Gelb eher nicht, aber man hört Blues-Musik. Vorhang auf für Ramblin‘ John Hastur!

Überpünktlich lieferte mir Ende Mai der Postbote das dritte Band der neuen Bibliothek des Schreckens — Limited-Reihe des Festa-Verlages: Southern Gods von John Hornor Jacobs. Nun, eine Woche später, sind zwei Dinge passiert: Ich habe es durchgelesen, und beim Festa-Verlag sind alle 999 Exemplare schon vergriffen.

Southern Gods von John Hornor Jacobs, erschienen im Mai 2021 beim Festa-Verlag.

Southern Gods ist eine Fusion aus Südstaaten-Gotik, also einem Typ Schauerroman, der sich in den hinterwäldlerischen Gegenden der US-amerikanischen Südstaaten abspielt, und kosmischem Grauen. Im Mittelpunkt steht der Große Alte Hastur.

Hastur spielt Blues

Die Handlung spielt sich im US-amerikanischen Südstaat Arkansas ab. Der Kriegsveteran Lewis Ingram, von allen wegen seiner massigen Statur schlicht Bull genannt, verdient sich sein Geld mit seinen Fäusten. Eines Tages erhält er den Auftrag, einen vermissten Mitarbeiter eines Blues-Plattenstudios zu finden sowie einen Piraten-Sender ausfindig zu machen, der auf wechselnden Frequenzen seltsame Blues-Musik von Ramblin‘ John Hastur abspielt.

Ramblin‘ John Hasturs Musik geht unter die Haut und weckt Gefühle von Wut, Hass und Trauer. Und sie weckt auch Tote wieder zum Leben. Bull macht sich auf dem Weg in spärlich besiedelte Gegenden von Arkansas, um seine beiden Aufträge zu erfüllen. Schon bald wird er mit dem Grauen konfrontiert, der dort in den dunklen Wäldern und in den Tanz-Bars der Schwarzen lauert.

Zur gleichen Zeit erlebt der Leser, wie Sarah zusammen mit ihrer kleinen Tochter Franny ihren gewalttätigen Gatten Jim verlässt und zurück in das Elternhaus zieht. Um sich von ihrem Kummer abzulenken, stöbert sie in den Büchern der alten Familienbibliothek und beginnt, mit ihren Latein-Kenntnissen aus dem College ein dünnes Büchlein namens Opusculus Noctis zu übersetzen. Es ist nur eines von vielen okkulten und verbotenen Büchern, die ihr Vater, Großvater und Onkel zu Lebzeiten aus aller Welt angesammelt haben.

Bulls Suche nach Hastur und Sarahs Nachforschungen haben mehr gemein, als die beiden ahnen können. Im Laufe des Romans kreuzen sich ihre Wege und zusammen mit Priester Andrez, der ihnen das wahre Wesen über die katholische Kirche und die Götter unseres Universums enthüllt, müssen sie einen bösartigen Plan durchkreuzen. Denn Hastur verlangt danach, die Pforte in unsere Welt zu betreten.

Meine Eindrücke

Southern Gods hinterließ bei mir gemischte Gefühle, aber größtenteils positive.

Mittelmäßiger Schreibstil

Eine große Schwäche ist meiner Meinung nach der Schreibstil des Autors, der sich insbesondere in der ersten Hälfte des Buches im mittelmäßigen, wenn nicht sogar unterdurchschnittlichen Bereich befindet. Es liest sich zunächst ein wenig wie etwas, das ich als Jugendliche schreiben würde.

In der zweiten Hälfte gewinnt aber nicht nur der Plot an Fahrt, sondern auch der Schreibstil wird sichtlich besser und angenehmer zu lesen. Aber auch dort gab es manchmal sehr… fragwürdige Formulierungen. Mein Highlight, das ich teils großartig, teils verstörend finde, ist das folgende:

Das frisch gebratene Hühnchen ruhte inzwischen in einem Korb auf dem Beifahrersitz, eingehüllt in Stofftücher wie ein duftender, frittierter Säugling.

John Hornor Jacobs: Southern Gods, Bibliothek des Schreckens — Limited, einmalige Vorzugsausgabe. Festa-Verlag, Leipzig, Deutschland: Mai 2021. Seite 207.

Vergleiche solcher Art, wenn auch nicht so verstörende wie dieses, tauchen immer wieder auf und rufen meist auch die richtigen Assoziationen hervor. Was Jacobs jedoch mit diesem Hühnchen-Säugling-Vergleich bezwecken wollte, bleibt für mich rätselhaft. Der Rezipient des gebratenen Hühnchens hat sich jedenfalls sehr darüber gefreut.

Eine Neu-Interpretation des kosmischen Grauens

Während es bei Robert W. Chambers das Theaterstück Der König in Gelb ist, dessen Lektüre die Menschen in den Wahnsinn treibt, ist es bei John Hornor Jacobs die Blues-Musik von Ramblin‘ John Hastur. Das ist eine schöne Idee und diese Wirkung wird in Southern Gods auch eindrucksvoll beschrieben. Diese Musik spielt die zentrale Rolle in der ersten Hälfte der Handlung.

Danach nimmt das kosmische Grauen ganz neue Dimensionen an, ja, es wird vom Autor teils ganz neu interpretiert. Ein breiter Pantheon von diversen Göttern wird offenbart, die gegeneinander eine Schlacht auf dem Rücken der Menschheit führen. Während die meisten, wie Hastur, dem Menschen feindselig gegenüber stehen, gibt es auch Gottheiten, die die Menschen beschützen, wenngleich ihre Motivationen dahinter unergründlich bleiben.

Obwohl das gegen die Vorstellung des kosmischen Grauens von H. P. Lovecraft verstößt, finde ich die Darstellung, wie sie in Southern Gods gegeben wird, zum größten Teil plausibel. In diesem Sinne ist das Ende des Buches ebenfalls folgerichtig:

Magie als Selbstverneinung

Besonders gut empfand ich, wie der Autor die Magie in Southern Gods darstellt. Um seine Ziele erreichen zu können, muss derjenige, der die Zaubersprüche und Rituale aus dem Necronomicon oder anderen bösartigen Büchern wirken will, etwas von sich aus opfern, etwa sein Blut oder gar sein ganzes Leben.

Diesen Umgang mit Magie pflegen auch die cthuloiden Rollenspielsysteme wie Pegasus‘ Cthulhu oder FHTAGN von der deutschen Lovecraft-Gesellschaft. Auch dort ist immer ein Opfer vonnöten, um eine magische Wirkung zu erzielen.

Ich freue mich daher über diese Darstellung der Magie in Southern Gods, denn sie passt im lovecraftschen Kosmos des Grauens. Auch hier führt der Autor konsequent die Folgen dieser Magie am Ende des Buches aus.

Faust-Action a lá Bud Spencer

Ich kam nicht umhin bei den Kampfszenen zwischen Bull und seinen Widersachern an die alten Klassiker mit Bud Spencer zu denken. Bull wird als ein riesiger und massiger Kriegsveteran beschrieben. Jeder, der ihm begegnet, ist erstaunt über Bulls Größe und muss seinen Kopf in den Nacken legen, wenn er ihm direkt gegenüber steht.

Entsprechend ist Bull im Kampf sehr brachial. Er schleudert Personen umher, kracht deren Köpfe gegen Wände oder Tische, bis sie zerknacken. Die Gewaltdarstellungen sind teilweise brutal, aber teilweise schienen sie mir auch übertrieben. Wie gesagt stellte ich mir dann Action a lá Bud Spencer vor, der auch mühelos mehrere Männer vermöbelte.

Spannende, teils vorhersehbare Handlung

Die zwei Handlungsstränge um Bull und Sarah sind sehr gut miteinander verwoben. Anfangs läuft der Plot noch etwas zäh und langsam, und es wird noch nicht ganz ersichtlich, wohin es läuft. Manches wird jedoch für den Leser auch vorhersehbar gemacht.

So oft, wie ihre Mutter Sarah Liebesbekundungen gegenüber Franny macht und sie als „anbetungswürdiges Objekt“ bezeichnet, wird schnell klar, dass das kleine unschuldige Mädchen bis zum Ende des Buches wahrscheinlich nicht mehr sorgenlos und unbeschadet bleiben wird.

Verzicht auf Rassismus

Die Geschichte spielt im Jahr 1951 in den Südstaaten ab. Der amerikanische Bürgerkrieg ist knapp hundert Jahre lang her. Natürlich existierten aber auch noch in den 1950ern diskriminierende und rassistische Einstellungen gegenüber der schwarzen Bevölkerung — leider existieren diese ja auch heute noch.

An diese Diskriminierung wird in manchen Nebensätzen auch erinnert, etwa wenn Sarah ihre beste Freundin Alice, eine schwarze Frau, fragt, wieso sie nicht im städtischen Schwimmbad baden gehe, und Alice sie daran erinnert, dass dort nur Weiße baden dürften. Oder wenn Rabbit, der angeheuerte schwarze Fahrer von Bull, diesem das Kompliment macht, für einen Weißen ganz in Ordnung zu sein.

Ansonsten wird aber dieser Rassismus in der Geschichte nicht praktiziert. Niemals fällt das N-Wort und niemals hegen Bull oder Sarah oder irgendeine andere Person irgendwelche boshaften, rassistischen Gedanken gegenüber ihren schwarzen Mitmenschen.

Mir ist egal, ob das realistisch ist oder nicht: Ich empfand diesen Verzicht auf Rassismus als erfrischend und entspannend. Auf diese Weise konnte ich mich völlig auf den eigentlichen Grauen der Geschichte konzentrieren, anstatt mich mit dem „menschlichen Grauen“ auseinander setzen zu müssen.

Fazit

Die vorherigen zwei Bänder der Reihe, Die Romanze von Dunwich von Edward Lee und Tote Titanen, erwacht! von Donald Wandrei, konnten mich vollends begeistern. Müsste ich Schulnoten vergeben, wären beide Bänder bei mir im Einser-Bereich verortet.

Southern Gods von John Hornor Jacobs ist meiner Meinung nach etwas schwächer ausgefallen, insbesondere bezüglich des Schreibstils. Andererseits konnte die Handlung in der zweiten Hälfte an Fahrt gewinnen und ein teilweise überraschendes Ende liefern. Alles in allem würde ich dem dritten Band der limitierten Bibliothek des Schreckens-Reihe somit ein solides „Gut“ bescheinigen.

Titelbild adaptiert von Bruce Emmerling auf Pixabay.

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