17. August 2022

FHTAGN-Szenario: Der Kopf des Samurai

Die Zeit der streitenden Reiche im feudalen Japan (japanisch: Sengoku Jidai) ist seit meinem ersten Samurai Warriors-Spiel eines meiner Steckenpferde. Der japanische Flickenteppich mit seinen Daimyō, die sich in wechselnden Bündnissen um Territorium stritten, ist historisch höchst interessant und ich liebe einfach die Samurais mit ihrem Ehrenkodex und ihren prächtigen Rüstungen. Und da dachte ich mir: Warum kombiniere ich nicht diese zwei Themen, die mir so sehr am Herzen liegen: Sengoku Jidai und Cthulhu-Mythos?

Genau das war die Grundidee hinter meinem FHTAGN-Szenario „Der Kopf des Samurai“, das ich für den FHTAGN Fragmente-Wettbewerb 2021 der deutschen Lovecraft Gesellschaft (dLG) entwickelt habe.

Akechi Mitsuhide im Spiel Samurai Warriors 5 von KOEI TECMO GAMES CO.

Historischer Kontext

Das Szenario spielt in den Wochen nach dem Vorfall von Honnōji, als Akechi Mitsuhide gegen seinen Herren Oda Nobunaga putscht und dieser dabei umkommt. Daraufhin marschiert General Hashiba Hideyoshi nach Tokyo, um den Verräter Akechi zu bekämpfen und selbst das Erbe von Oda anzutreten. Akechis Armee hat gegen die Überzahl von Hashiba keine Chance.

Akechi selbst flieht und stirbt wenig später. Nach der offiziellen Geschichtsschreibung wurde er Opfer eines Überfalls von Banditen, die es sich in den Wirren des Krieges angewöhnt haben, Samurai zu überfallen, um ihre wertvollen Rüstungen zu Geld zu machen. Die Soldaten von Hashiba finden seinen kopflosen Körper auf einem Weg in der Nähe des Dorfes Ogurusu. Sein Kopf wird in der Nähe gefunden, vergraben am Wegesrand. Hashiba wird ihn später zur Aufschreckung öffentlich aufspießen.

Doch manche Personen, die sich eine optimistischere Wendung der Geschichte wünschen, sehen in dieser Version der Tathergänge einige Unklarheiten oder sogar Widersprüche. Das bekannteste Gerücht ist jenes, nach dem Akechi nicht starb, sondern heimlich als ein Mönch namens Tenkai weiterlebte. So ein Mönch existierte wirklich; er wurde ein Kriegsberater von Tokugawa Ieyasu, der als Herrscher Japans auf Hashiba Hideyoshi folgte und schließlich zum Shogun von Japan werden würde. Ein kriegsberatender Mönch an sich war schon eine seltsame Sache. Darüber hinaus bestand Tokugawa bei ihrem ersten Treffen darauf, sich alleine mit Tenkai zu treffen, was auch als ungewöhnlich angesehen wurde. Daher vermuten einige, dass es sich hierbei möglicherweise um Akechi Mitsuhide gehandelt haben mochte.

Weitere Argumente, die die Fürsprecher dieser Theorie aufbringen, sind, dass es unrealistisch sei, dass Banditen eine Gruppe von erfahrenen Samurai überwältigen könnten, und dass der Ort, an dem die Leichen gefunden wurden, im Territorium eines mit Akechi befreundeten Herrschers gelegen hat. Dieser hätte den Tod von Akechi mühelos vortäuschen können und die Bevölkerung hätte Akechi ebenfalls gerne geholfen, da er im Gegensatz zu seinem Herren Oda sehr beliebt im Volk war.

Akechi Mitsuhide (Bild von Utagawa Yoshiiku, 1867).

Cthuloide Machenschaften im Hintergrund

Diese Unklarheiten der Geschichte sind bei einem cthuloiden Szenario vorteilhaft, denn sie erlauben es, dass es vielleicht sogar ganz anders gelaufen sein könnte. Beim Konzipieren des Szenarios stellte ich mir die Frage: Was könnte mit Akechi passiert sein? Warum wurde er geköpft? Oder wenn er noch lebt, warum sollte eine cthuloide Entität dies vielleicht sogar wollen?

So kam ich auf den Gedanken: Vielleicht ist Akechi zwar geköpft worden, doch womöglich lebt er trotzdem irgendwie weiter. Ich dachte an die Mi-Go und ihre Gehirnzylinder. Langsam entwickelte sich so ein Plot in meinem Kopf: Eine außerirdische Wesenheit, die Menschen versklavt, um sie die Arbeit erledigen zu lassen. Doch warum erledigt er es nicht selbst? Warum ist es effizienter, Menschen als Arbeiter einzusetzen?

Diese Fragestellung führte mich zu der Idee, dass das Wesen eine Art Handicap auf der Erde hatte, so ähnlich wie die Mi-Go unfähig sind, in der irdischen Atmosphäre ihre Flügel einzusetzen. Und weil ich mich nunmal beruflich mit supraleitenden Magneten beschäftige, dauerte es nicht lange, bis ich darauf kam, dass das Wesen wohl ein supraleitendes Nervensystem besitzt und es somit bei Wärme zu langsam und träge wird, um effizient arbeiten zu können.

So wurde der G’sch-Krrh-Ch geboren: Ein großteils metallischer Organismus mit supraleitendem Nervensystem, das auf fremden Planeten landet, um wertvolles Erz abzubauen oder – im Fall unseres Planeten – abbauen zu lassen. Doch auch die Mi-Go interessieren sich für dieses Erz und so muss es schnell sein. Es kann nicht ewig an einer Stelle verbleiben. Das Erz, das er auf der Erde gefunden hat, befindet sich ausgerechnet in einer unterirdischen Grotte in einer Thermalquelle. Bei den hohen Temperaturen käme er beim Schürfen nur im Schneckentempo voran. Daher muss er auf menschliche Arbeiter zurückgreifen, die dieses Problem nicht haben.

Doch weil auch menschliche Arbeiter an sich nicht effizient genug sind – die Temperaturen in der Thermalquelle sind wirklich hoch und darüber hinaus können Menschen unter Wasser nicht atmen und noch schwieriger können sie dort wohl mit ihren nackten Händen schürfen – modifiziert der G’sch-Krrh-Ch sie. Er macht aus ihnen Cyborgs, die unter den Arbeitsbedingungen der Thermalquelle sehr gut arbeiten können und dem Wesen das begehrte Erz so schnell wie möglich beschaffen.

Auf diese Weise prallen nicht nur Mythos und Samurai aufeinander, sondern auch Mittelalter und Hochtechnologie. All die elektronischen Geräte, Lampen und Computersysteme im Versteck des G’sch-Krrh-Ch sind dem Japaner des 16. Jahrhunderts vollkommen unbekannt und unbegreiflich. Auf Metaebene wird es Spieler sicherlich überraschen, mit solcher Hochtechnologie konfrontiert zu werden, die sich ja auf ein mittelalterliches Rollenspielerlebnis eingestellt haben.

Der G’sch-Krrh-Ch?

Schlussgedanken und Link zum Szenario

Alles in allem bin ich recht stolz darauf, was ich da aus meinem Wunsch entwickeln konnte, Cthulhu-Mythos und feudales Japan miteinander zu verbinden. Dass ich den dritten Platz im Wettbewerb belegt habe, zeigt mir, dass es nicht völliger Quatsch war, was ich da entworfen habe. Bei insgesamt nur sieben Einreichungen muss man darauf achten, diese Platzierung nicht überzubewerten, aber auch im dLG-Forum selbst und intern bekam ich außerordentlich gutes Feedback. Es kann also nicht allzu schlecht sein. 😉

Intern entstand nun auch ein Gedankenaustausch mit einem anderen dLG-Mitglied, das feudale Japan-Setting weiter auszubauen und zu entwickeln. Vielleicht kann man also zu diesem Thema noch mehr Inhalte erwarten bei FHTAGN erweitern, zumindest in Form von Fragmenten.

Das Szenario findet sich hier auf der FHTAGN-Webseite der dLG. Aufgrund der Wortbegrenzung in den Wettbewerbsregeln ist es relativ kompakt gehalten und ich hätte gerne mehr dazu geschrieben. Doch die wichtigsten Informationen sind enthalten.

Irgendwann, und sei es auch wegen Corona in einer fernen Zukunft, werde ich es einmal selbst leiten und sehen, wie sich das Szenario in der Praxis schlagen wird. Wenn mir jemand anderes zuvorkommt, würde ich mich über einen Spielbericht oder Feedback auf jeden Fall freuen.

Titelbild von David Mark auf Pixabay.

Ein Gedanke zu “FHTAGN-Szenario: Der Kopf des Samurai

  1. Sehr sehr geile Idee, die du da hattest. Mir gefällt der Gedanke mit dem Supraleiter Wesen. Es macht auch einfach so Sinn diesem Wesen diese Schwäche zu geben.

    Bin gestern in der Nachtschicht auf deinen Blog gestoßen und habe ihn mir direkt einmal abspeichern müssen.

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