Blog-Sothoth

Ein bibliophiler Einstieg in Lovecrafts Werke

Leslie S. Klingers „H. P. Lovecraft – Das Werk“ ist ein imposantes Buch. Ist es sein Geld wert und eignet es sich zum Einsteigen in Lovecrafts Werke?

Als ich das erste Mal in einem Buchhandel an diesem imposanten Buch vorbeiging, erregte es sofort meine Aufmerksamkeit und ich blieb wie gebannt stehen, um es zu begutachten, ganz so, als hätte ich das leibhaftige Necronomicon vor mir liegen gehabt. Es ist ein großes und schweres gebundenes Buch mit einem Schutzumschlag, auf dem sich etliche Tentakel um den Titel „H. P. Lovecraft – Das Werk“ räkeln, und wenn man mit den Fingern darüber fährt, kann man die Saugnäpfe sogar ertasten.

Es handelt sich hierbei um das bei Fischer Tor im Jahr 2017 erschienene und von Leslie Klinger herausgegebene Buch H. P. Lovecraft – Das Werk. Auf über 900 Seiten sind hier zwar nicht alle Geschichten von H. P. Lovecraft versammelt, auch wenn der Titel dies fälschlicherweise andeuten mag, aber 22 seiner charakteristischsten Werke. Ein Grund, wieso ich dieses Buch nicht sofort mit nach Hause genommen habe, waren seine Kosten von stolzen 78 Euro. Klar ist das Buch auf den ersten Blick sehr schön, aber lohnt sich der Preis? Es gibt immerhin signifikant billigere Alternativen auf dem Markt, um an die Geschichten von Lovecraft heranzukommen, sogar mit wirklich allen Geschichten und nicht nur einer Teilmenge von 22.

Ich ging ohne das Buch nach Hause, doch dachte ich noch oft daran und zu einer späteren Zeit beschloss ich, mein Geld doch darin zu investieren. Es war damit mein allererstes Buch überhaupt mit Geschichten von Lovecraft. Hier wurde ich an Cthulhu, Yog-Sothoth und all die grauenhaften Götter und unheimlichen Wesen und dem kosmischen Grauen im Allgemeinen herangeführt.

Was enthält „Das Werk“?

Die Einführung in das lovecraftsche Universum geht tief, denn „Das Werk“ ist nicht nur eine bloße Geschichtensammlung: Zu jeder Geschichte existieren zahlreiche Fußnoten mit spannenden und interessanten Hintergrundinformationen, Referenzen und Querverweisen in ansprechender roter Schriftfarbe. Sowohl Skizzen und handschriftliche Aufzeichnungen von Lovecraft, als auch Fotos von Landschaften, Gebäuden, Filmplakaten und vielem mehr finden sich an vielen Stellen, sodass man sich einiges dadurch besser vorstellen kann, wie z.B. den architektonischen Stil der Häuser, die Lovecraft beschreibt. Insgesamt sind über 300 farbige Abbildungen im Buch verstreut. Es gibt ein ausführliches Vorwort zu den Vorgängern Lovecrafts, ihm selbst und seinem Leben, wobei dabei auch nicht seine rassistische Schattenseite verschwiegen wird, die sich auch gelegentlich in seinen Geschichten widerspiegelt. Ebenso wird die Popkultur beleuchtet, die Lovecrafts Geschichten ins Rollen brachte, auch im besonderen Hinblick auf Deutschland.

Aber welche 22 Geschichten sind denn nun in diesem Buch zusammengetragen worden? Leslie S. Klinger schreibt dazu:

Ich erhebe nicht den Anspruch, dass es sich hierbei um die „besten“ oder „wichtigsten“ Erzählungen Lovecrafts handelt. Vielmehr habe ich Geschichten ausgewählt, die meiner Auffassung nach den besten Eindruck von Lovecrafts „Arkham-Zyklus“ vermitteln.

Leslie S. Klinger, „H. P. Lovecraft – Das Werk“. Fischer Tor, 2. Auflage, Frankfurt am Main, Deutschland, April 2018, Seite 67.

Unter den 22 Geschichten finden sich somit beispielsweise Cthulhus Ruf, Der Fall Charles Dexter Ward, Die Farbe aus dem All, Das Grauen von Dunwich, An den Bergen des Wahnsinns und Der Schatten über Innsmouth. Insgesamt finde ich die Auswahl sehr gelungen und bezüglich des Arkham-Zyklus scheint alles abgedeckt. Einige andere, ebenfalls sehr ikonische und lesenswerte Geschichten fehlen jedoch, wie z.B. Die Ratten im Gemäuer, Die Musik des Erich Zann und sämtliche Fantasy-Geschichten, die sich um die Traumlande drehen wie etwa Die Traumfahrt zum unbekannten Kadath. Diese muss man sich bei Interesse gesondert besorgen, beispielsweise durch das Doppelpack Die lauernde Furcht und Der silberne Schlüssel beim Festa-Verlag. Ersteres deckt Lovecrafts Horrorgeschichten außerhalb von Arkham ab, zweiteres seine Fantasygeschichten.

Die Sache mit den Maßsystemen

Das Buch ist letztendlich fast perfekt. Einen klitzekleinen Makel gibt es in der Übersetzung von Größen- und Gewichtsangaben: Hier wurde leider das angloamerikanische Maßsystem nicht ins metrische System übersetzt. Das erschwert teilweise das Verstehen und Vorstellen von Beschreibungen mit solchen Angaben. Meistens ist das nicht weiter schlimm, oft kann man sich etwas vorstellen oder man schlägt kurz das metrische Äquivalent nach. Tauchen in einer Geschichte übermäßig oft Größen- und Gewichtsangaben auf, weil zum Beispiel ein Wissenschaftler ein mysteriöses Wesen vermisst und die gesamte Untersuchung wiedergegeben wird, so können die angloamerikanischen Maßeinheiten den Lesefluss ziemlich stören. Glücklicherweise war nur eine einzige Geschichte in einem solchen Ausmaß davon betroffen, aber ich finde es jedenfalls etwas ärgerlich, weil die Übersetzung in metrische Einheiten keine große Arbeit gewesen wäre.

Fazit

Letztendlich kann ich sagen: Das Buch ist nicht geeignet für jemanden, der für möglichst wenig Geld eine möglichst vollständige Sammlung von Lovecrafts Geschichten sucht. Es ist auch nichts für jemanden, der gerne nebenbei, mobil beim Reisen oder Pendeln, eine leichtgewichtige Einführung in das lovecraftsche Universum sucht, außer man ist gewillt, einen über zwei Kilogramm schweren Block umher zu schleppen.

Aber für einen Bibliophilen, der ästhetische Bücher schätzt, einen umfassenden Einstieg in die Werke von Lovecraft wünscht und ein tieferes Verständnis gewinnen will anhand von Informationen, Hintergründe, Querverweise, etc., dem kann ich Leslie S. Klingers Ausgabe wärmstens empfehlen und für den lohnt sich absolut jeder investierte Cent.

H. P. Lovecraft – Das Werk beim Fischer Tor-Verlag: https://www.tor-online.de/leslie-s-klinger-hp-lovecraft-das-werk/

ISBN: 978-3-596-03708-7

Bildquelle: https://www.tor-online.de/leslie-s-klinger-hp-lovecraft-das-werk/

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