17. August 2022

Edgar Allan Poe und R’lyeh: Die Stadt im Meer

Dass H. P. Lovecraft gerne die Werke von Edgar Allan Poe gelesen und sich von ihm inspirieren lassen hat, ist bekannt. Ich hatte bisher noch kein Werk von Poe gelesen, bis ich über sein Gedicht „Die Stadt im Meer“ (original: „The City in the Sea“) gestolpert bin. Nicht nur hat mich die düster-phantastische Stimmung dieses Gedichts beeindruckt, aber ich konnte mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Gedicht Lovecraft zu einigen seiner bekanntesten Geschichten inspiriert haben könnte.

Die Stadt im Meer von Edgar Allan Poe

„Die Stadt im Meer“ handelt von einer seltsamen, einsamen Stadt, in der der Tod herrscht und wo alle ihre Bewohner ewig ruhen:

Lo! Death has reared himself a throne
In a strange city lying alone
Far down within the dim West,
Where the good and the bad and the worst and the best
Have gone to their eternal rest.

Siehe da! Der Tod hat sich einen Thron erhoben
In einer seltsamen Stadt allein liegend
Weit unten im trüben Westen,
Wo die Guten und die Schlechten und die Schlimmsten und die Besten
ihre ewige Ruhe gefunden haben.

Die Stadt wird beschrieben als von der Zeit zerfressen und uralt, aber dennoch intakt und mit nichts vergleichbar, was von uns Menschen erbaut wurde:

There shrines and palaces and towers
(Time-eaten towers that tremble not!)
Resemble nothing that is ours.

Dort sind Schreine und Paläste und Türme
(Von der Zeit zerfressene Türme, die nicht zittern!)
Die nichts ähneln, was uns gehört.

Sie ist umringt von einem schaurigen, trüben und bewegungslosen Meer. Kein Lichtstrahl fällt aus dem Himmel auf sie herab. Stattdessen wird sie beleuchtet von dem schaurigen Meereslicht:

No rays from the holy heaven come down
On the long night-time of that town;
But light from out the lurid sea
Streams up the turrets silently

Keine Strahlen vom heiligen Himmel fallen herab
In der langen Nacht dieser Stadt;
Aber das Licht aus dem grässlichen Meer
strömt lautlos die Türme hinauf

Als nächstes gibt das Gedicht dem Leser einen Eindruck von der Stadt. Sie ist übersät von Türmen, Zinnen, Mauern, Kuppeln und Skulpturen diverser Blumenarten. Auf einem besonders hohen Turm schaut der Tod „gigantisch“ herab:

While from a proud tower in the town
Death looks gigantically down.

Derweil von einem stolzen Turm in der Stadt
Schaut der Tod gigantisch nach unten.

Es wird berichtet von klaffenden Tempeln und Gräbern, in denen sich Schätze befinden, etwa Götzen mit Diamant-Augen, und selbst die Toten sind mit Juwelen beschmückt. Doch selbst diese Reichtümer vermögen es nicht, Wind und Wasser zu bewegen, und die Stadt bleibt starr wie Glas:

For no ripples curl, alas!
Along that wilderness of glass

Denn keine Wellen kräuseln sich, ach!
Entlang dieser gläsernen Einöde

Doch dann bewegen sich Luft und Wasser doch und die Stadt scheint im Wasser unterzugehen. Das Meer glüht nun rot und ein unirdisches Stöhen ertönt. Dies ist alles so schrecklich, dass selbst die Hölle im Vergleich dazu harmlos ist:

Hell, rising from a thousand thrones.
Shall do it reverence.

Die Hölle, die sich von tausend Thronen erhebt.
Soll ihr [der Stadt] Ehrfurcht erweisen.

Das gesamte Gedicht findet sich sowohl in englischer Originalsprache als auch in einer deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1891 auf Wikisource. Die Übersetzung, die ich hier angeführt habe, habe ich mithilfe von DeepL selbst generiert, um eine wortwörtlichere Fassung zu haben, da die Übersetzung auf Wikisource eher darauf bedacht ist, dass sich das Gedicht auf Deutsch weiterhin reimt.

Die Stadt im Meer bei H. P. Lovecraft

Beim Lesen von Poes Gedicht „Die Stadt im Meer“ hatte ich direkt drei Geschichten von H. P. Lovecraft vor Augen: „Dagon“, „Der Tempel“ und „Cthulhus Ruf“.

Dagon

„Dagon“ ist eine sehr frühe Kurzgeschichte von Lovecraft und man könnte sie vielleicht als den Grundstein für den späteren Cthulhu-Mythos ansehen. In ihr spielt das gleichnamige monströse Wesen Dagon eine große Rolle.

Handlung

Der Ich-Erzähler erleidet Schiffbruch und strandet auf einer unbekannten Insel, wo er einen riesigen Monolithen mit seltsamen Gravuren findet. Dort ist ein merkwürdiges Wesen abgebildet, das im Vergleich zu den Menschen, die es anbieten, überproportional groß dargestellt ist. Der Schiffbrüchige denkt erst, die übergroßen Proportionen seien metaphorisch gemeint.

Schließlich erblickt er jedoch das abgebildete Wesen, als es in der Nacht an den Monolithen empor klettert und einen höllischen Schrei ausstößt, der mit nichts Natürlichem auf der Erde zu vergleichen ist. Der Ich-Erzähler flieht Hals über Kopf. Als er später wieder auf amerikanischem Festland ist und dort seine Erlebnisse schildert, kann man am genannten Ort keine Insel (mehr) finden.

Das Höllenwesen aus dem Meer

In „Dagon“ ist scheinbar eine komplette Insel mit mindestens einem Monolithen und einem monströsen Wesen (Dagon) ins Meer versunken. Von einer Stadt ist zwar keine Rede. Aber viele Impressionen aus Poes „Die Stadt im Meer“ finden sich in „Dagon“ wieder: Der uralte und intakte sowie unnatürliche Monolith erinnert mich an:

(Time-eaten towers that tremble not!)
Resemble nothing that is ours.

(Von der Zeit zerfressene Türme, die nicht zittern!)

Und der ungeheure Dagon, der auf seine Spitze klettert, lässt mich denken an den Tod auf seinem stolzen Turm:

While from a proud tower in the town
Death looks gigantically down.

Derweil von einem stolzen Turm in der Stadt
Schaut der Tod gigantisch nach unten.

Dazu kommt die Einöde der Insel, durch die sich der Schiffbrüchige auf dem Weg zum Monolithen bewegt, und zu Poes Beschreibungen einer windstillen und starren Umgebung passt. Folglich könnte es gut sein, dass sich Lovecraft beim Schreiben von „Dagon“ von Poes „Die Stadt im Meer“ inspirieren ließ – von einer echten Stadt ist allerdings noch nicht explizit die Rede. Die Abbildungen auf dem Monolithen lassen aber eine (ins Meer?) untergegangene Zivilisation erahnen.

Der Tempel

„Der Tempel“ ist eine frühe Kurzgeschichte von Lovecraft, die sich in einem deutschen U-Boot während des ersten Weltkriegs abspielt. Sie ist eine meiner liebsten Geschichten von Lovecraft – sollte man unbedingt mal selbst gelesen haben! Nicht nur, weil die Geschichte schaurig und spannend ist, sondern auch weil der Protagonist ein Deutscher ist und als solcher ziemlich amüsant seitens Lovecraft dargestellt wird, wie ich finde.

Handlung

Nach dem Versenken eines britischen Schiffes kommt die deutsche Besatzung in den Besitz einer Büste aus Elfenbein. Mit der Zeit verfällt die Besatzung immer mehr dem Wahnsinn und der Ich-Erzähler, der U-Boot-Kommandant, sieht sich gezwungen, nach und nach die Mitglieder seiner Besatzung zu erschießen, bis nur noch er und sein Leutnant übrig bleiben.

Schließlich gibt es Explosionen im Maschinenraum, die das U-Boot völlig manövrierunfähig machen, sodass es von einer Strömung immer weiter gen Süden getrieben wird. Nach einer Weile verfällt auch der Leutnant dem Wahnsinn und meint eine Stimme zu hören, die nach ihm ruft. Er verlässt das U-Boot ohne Druckanzug und stirbt an dem hohen Druck der Tiefsee.

Nach dem Suizid des Leutnants bleibt der Kommandant der letzte Überlebende im U-Boot. Dieses erreicht schließlich eine versunkene Stadt, in der der Kommandant einen Tempel entdeckt, aus dem Licht scheint und an dem er Götzen sieht, die genauso aussehen wie die zuvor ergatterte Elfenbeinskulptur. Der Kommandant wird vom Tempel angezogen und schließlich kann er dem Ruf nicht mehr widerstehen. Er schreibt einen letzten Bericht in einer Flaschenpost und macht sich auf zum Tempel.

Von Dagon zum Tempel hin zu R’lyeh?

Woran könnte Lovecraft beim Verfassen dieser Geschichte gedacht haben? „Der Tempel“ wurde im Jahr 1920 verfasst, also sechs Jahre vor „Cthulhus Ruf“ (1926), aber drei Jahre nach „Dagon“ (1917).

Es ist unwahrscheinlich, dass Lovecraft bei der versunkenen Stadt in „Der Tempel“ an R’lyeh gedacht hat, der Heimstätte von Cthulhu, denn dieser kam erst später in seinen Geschichten vor. Sicher hätte er dann auch der Elfenbeinskulptur die Form von Cthulhu gegeben, so wie er in „Cthulhus Ruf“ die Statuetten von Cthulhu eingeführt hatte. Die Idee einer versunkenen Zivilisation ist andererseits nicht neu bei Lovecraft, wie man schon in der zuvor besprochenen Kurzgeschichte „Dagon“ beobachten kann.

Möglicherweise hat sich Lovecraft auch hier von Poes „Die Stadt im Meer“ inspirieren lassen: eine versunkene Stadt im Meer, antik und doch scheinbar von der Zeit unberührt. Viel mehr Schnittstellen, mal vielleicht abgesehen von einem Tempel mit Götzen, der auch in Poes Gedicht erwähnt wird, finden sich hier zwar nicht. Aber es scheint, als könnte „Der Tempel“ eine Zwischenstufe sein: von Dagons aufgestiegenem Monolithen zu R’lyeh, der Stadt des großen Cthulhu und seinen Dienern.

Cthulhus Ruf

In der populären Kurzgeschichte „Cthulhus Ruf“ taucht erstmals Cthulhu aus – sowohl chronologisch in Lovecrafts Geschichten als auch wortwörtlich aus dem Meer mitsamt der Stadt R’lyeh, in der er schläft. Man könnte diese Geschichte als eine Fusion von den früheren Werken „Dagon“ und „Der Tempel“ ansehen: Hier kommen nun sowohl das Monster als auch die Stadt explizit vor.

In R’lyeh schläft der tote Cthulhu und sein Gefolge solange, bis die Sterne richtig stehen – man vergleiche hierzu die Gedichtstelle:

Where the good and the bad and the worst and the best
Have gone to their eternal rest.

Wo die Guten und die Schlechten und die Schlimmsten und die Besten
ihre ewige Ruhe gefunden haben.

mit dem berühmten Spruch, der erstmals in „Die Namenlose Stadt“ von Lovecraft auftaucht:

That is not dead which can eternal lie
And with strange æons even death may die

Es ist nicht tot, was ewig liegt
Bis dass die Zeit den Tod besiegt

Wenn jene Zeit gekommen ist, in der das versunkene R’lyeh wieder komplett aus dem Meer aufsteigt, und Cthulhu und sein Gefolge befreit werden, dann bedeutet das höchstwahrscheinlich das Ende alles Lebens auf der Erde. Cthulhu ist im Sinne des Gedichts der Tod, der von seinem stolzen Turm in R’lyeh gigantisch herabschaut:

While from a proud tower in the town
Death looks gigantically down.

Derweil von einem stolzen Turm in der Stadt
Schaut der Tod gigantisch nach unten.

Sein Erwachen wäre schlimmer als die Hölle auf Erden – man vergleiche dies auch mit dem Ende von „Die Stadt im Meer“:

Hell, rising from a thousand thrones.
Shall do it reverence.

Die Hölle, die sich von tausend Thronen erhebt.
Soll ihr [der Stadt] Ehrfurcht erweisen.

Was ist mit der Lokalisation von R’lyeh? Poe spricht von einer Stadt „tief unten im trüben Westen“:

Lo! Death has reared himself a throne
In a strange city lying alone
Far down within the dim West

Siehe da! Der Tod hat sich einen Thron erhoben
In einer seltsamen Stadt allein liegend
Weit unten im trüben Westen

Lovecraft lokalisiert R’lyeh im Süden des pazifischen Ozeans, westlich von Südamerika, bei den Koordinaten 47°9′S 126°43′W. Eine Himmelsrichtung ist, insbesondere bei Ost und West, eine sehr relative Ortsangabe. Poe und Lovecraft sind beide amerikanische Schriftsteller gewesen. Man könnte also ihr Verständnis von Westen so interpretieren, dass sie den Pazifik meinen, und mit „far down“/“weit unten“ eine südliche Angabe gemeint ist, was mit den Koordinaten passen würde. Andererseits ist das wohl etwas zu weit ausgeholt: Wahrscheinlich liegt Poes Stadt irgendwo westlich, weil „West“ sich einfach gut mit „rest“ reimt.

Fazit

Könnte R’lyeh also von „Die Stadt im Meer“ inspiriert sein? Vielleicht. Auf jeden Fall könnte man meinen – wenn das Gedicht denn nach 1926 geschrieben worden wäre – dass Poe beim Schreiben von „Die Stadt an Meer“ an R’lyeh gedacht haben könnte. Vielleicht hat Poe gar auch den Ruf Cthulhus gehört und Traumbilder von R’lyeh erblickt, die ihn zu seinem Gedicht „Die Stadt im Meer“ verleitet haben? Wer weiß!

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