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Die umstrittene Romanze von Dunwich

Zum Auftakt der neuen, limitierten Bibliothek des Schreckens hat der Festa-Verlag eine Lovecraft-Pastiche von Edward Lee herausgebracht. Dies sorgte gleichermaßen für Begeisterung und Entrüstung.

Cthuloide Werke von H. P. Lovecraft, seinen Zeitgenossen Clark Ashton Smith und Robert E. Howard sowie anderer Autoren des Genres wie etwa Ramsey Campbell und Thomas Ligotti haben bisher in der Bibliothek des Schreckens ein Zuhause gefunden, einer Reihe beim Festa-Verlag, die sich ganz dem Cthulhu-Mythos gewidmet hat.

Die Reihe wurde schließlich 2017 eingestellt, weil sie sich nicht mehr als rentabel erwies. Drei Jahre später wurde die Reihe in diesem Sommer wiederbelebt unter dem Namen Bibliothek des Schreckens – Limited. Um das Geschäft wieder rentabel zu gestalten, werden nun die dort erscheinenden Büchern auf 999 Exemplaren limitiert und im Direktverkauf ohne ISBN-Nummer verlegt.

Die Romanze von Dunwich von Edward Lee, diesen Sommer erschienen beim Festa-Verlag.

Den Auftakt der wieder auferstandenen Reihe bildet Die Romanze von Dunwich von Edward Lee. Dies sorgte für eine Polarisierung innerhalb der Fangemeinde von Lovecraft und des Festa-Verlags. Die Reaktionen reichten von Entrüstung bis hin zu Begeisterung. Die 999 Exemplare von Die Romanze von Dunwich waren schon ein paar Wochen vor dem geplanten Veröffentlichungsdatum ausverkauft.

Ich habe Die Romanze von Dunwich gelesen, was zugleich mein erster Kontakt mit den Werken von Edward Lee und dem Genre des Extreme Horrors darstellte. In diesem Beitrag berichte ich von meinen Erfahrungen mit diesem umstrittenen Werk.

Hintergrund: „Wenn Lesen zur Mutprobe wird“

So lautet der Slogan des Festa-Verlags. Denn seit der Gründung des Verlags im April 2001 und der Auflage von lovecraftschen Werken, hat sich der Verlag mittlerweile auch auf nicht so subtilen Horror spezialisiert, wie man in der Verlagsgeschichte nachlesen kann.

In seiner härtesten Ausprägung nennt sich dieses Genre Extreme Horror. Während bei Lovecraft und Co. das subtile Grauen vorherrschend ist und niemals exakte Beschreibungen des Horrors gegeben werden, nimmt der Extreme Horror kein Blatt vor den Mund. Das gilt sowohl thematisch als auch für die Beschreibung der gesamten Handlung.

Edward Lee ist ein Autor im Bereich des Extreme Horrors und zugleich innerhalb des Festa-Verlags scheinbar sehr beliebt. Ein Bestseller beim Festa-Verlag ist z.B. Edward Lees Das Schwein, in dem es um einen Filmstudenten geht, der einen Porno mit zwei drogenabhängigen Prostituierten drehen soll, die für den nächsten Schuss alles tun würden…

Zugleich ist Edward Lee auch Fan von Lovecrafts Werken. Die Romanze von Dunwich ist nicht seine erste Hommage an den Meister des kosmischen Grauens und es finden sich wohl öfters Anspielungen auf cthuloide Elemente in seinen Werken. In den Rezensionen im Festa-Verlag habe ich beobachtet, dass dies nicht nur bei Lovecraft-Fans für Empörung sorgt (Zitat eines Rezensenten: „Lovecraft würde in seinem Grab rotieren!“). Manchmal bewerten auch Liebhaber des Extreme Horrors diese übernatürliche Komponente in Lees Werken nicht positiv, da sie sich anscheinend lieber realitätsnahe Darstellungen wünschen.

In Anbetracht dieses Hintergrunds ist Die Romanze von Dunwich natürlich ein perfekter Auftakt zur neuen Bibliothek des Schreckens, denn sie vereint die Wurzeln des Verlags (H. P. Lovecraft und kosmisches Grauen) mit dessen neuer Identität (Edward Lee und Extreme Horror).

Die Leseprobe: Abstoßend und faszinierend

Ich selbst hatte zuvor noch keine Erfahrung mit Extreme Horror-Werken. Mein erster Gedanke, als ich Die Romanze von Dunwich als Auftakt der neuen Reihe sah, war also eher von Skepsis geprägt. Die Handlung – eine Liebesgeschichte zwischen Wilbur Whateley und einer Prostituierten – erschien mir wie eine billige Fanfiction. Ich lehnte es zunächst prinzipiell ab, die Leseprobe überhaupt eines Blickes zu würdigen.

Schließlich – ob aus Neugier oder Langeweile weiß ich nicht mehr – schaute ich mir die Leseprobe doch an. Es ging schon auf den ersten Seiten direkt zur Sache: Die Prostituierte Sary wird von einem Dunwich-Hinterwäldler namens Rufus geschlagen, der kein Geld für Sex mit ihr ausgeben will. Er will sie vergewaltigen und sie verhöhnt ihn, woraufhin er keinen Spaß mehr versteht und seinen Hund herbeiruft. Mit der Hilfe dieses Tieres will Rufus Sary zur Strafe erniedrigen und verletzen.

Beim Lesen verspürte ich innerliche Schmerzen, konnte aber auch nicht einfach aufhören. Im Verlauf der Handlung kommt Wilbur Whateley hinzu, dessen Darstellung auf mich irgendwie befremdlich und grotesk wirkte. Nachher klickte ich die Leseprobe weg und mein Entschluss schien gefestigt, kein Geld für dieses Buch auszugeben.

Eine Stunde später musste ich immer noch über das Gelesene nachdenken. Zwei Stunden später auch. Drei Stunden später öffnete ich die Leseprobe erneut und las sie nochmal durch. Irgendwie hatte sich mein anfängliches Entsetzen zu einer makaberen und unerklärlichen Faszination entwickelt. Ich wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Ein paar Tage später schloss ich das Abonnement für die neue Bibliothek des Schreckens-Reihe ab, denn das zweite Band von Donald Wandrei interessierte mich sowieso und ich war zuversichtlich, dass die noch unbekannten Folgebänder auch interessant für mich sein würden.

Die Handlung

Die Romanze von Dunwich handelt über die Liebesbeziehung zwischen Wilbur Whateley und der obdachlosen Prostituierten Sary. Wilbur sollte den meisten Lovecraft-Lesern aus Das Grauen von Dunwich bekannt sein. Dort versucht er, seinen Vater Yog-Sothoth auf die Erde zu holen. Dafür fehlt ihm noch eine bestimmte Passage aus der Necronomicon-Ausgabe des Olaus Wormius, die er aus der Orne-Bibliothek in Arkham stehlen will. Die Romanze spielt sich kurz vor Wilburs Einbruch ab.

Wilbur, der mehr menschliche als übernatürliche Gene von seinen Eltern geerbt hat, empfindet entsprechend die natürlichen menschlichen Bedürfnisse nach Liebe und sexueller Befriedigung. Er verliebt sich in Sary, die im Wesentlichen ihr ganzes Leben lang von diversen Männern inklusive ihrem Vater körperlich und seelisch missbraucht worden ist. Echte Liebe hat sie von Männern noch nie erfahren.

Die Romanze von Dunwich erzählt von der grotesken Liebesbeziehung zwischen Wilbur und Sary sowie von Wilburs Problemen, das Tor für Yog-Sothoth zu öffnen und von den Schwierigkeiten, die Sary immer wieder mit den Dunwich-Hinterwäldlern hat.

Meine Eindrücke

Das Buch besitzt nur wenig Anspruch, aber das hatte ich auch so erwartet. In erster Linie will Edward Lee seine Leserschaft unterhalten. Dies tut er durch den Einsatz von Obszönitäten, Sex, Brutalität und Gewalt. Nicht umsonst erhält Die Romanze von Dunwich auf der Verlagsseite vier von fünf Totenköpfe für das Bewertungskriterium „Brutalität/Gewalt“ und sogar fünf von fünf Totenköpfen für „Sex/Obszönität“. Hingegen wird es nur mit zwei von fünf Totenköpfen hinsichtlich „Anspruch“ bewertet.

Die brutalen und obszönen Szenen sind zwar an sich ekelhaft, den „Extreme Horror“ habe ich aber beim Lesen nicht verspürt. Zumeist konnte ich diese Szenen nicht richtig ernst nehmen und ich empfand sie eher als kurios und unterhaltsam.

Kontrastreicher Schreibstil

Der Schreibstil von Edward Lee ist einzigartig, da er ständig zwischen dem Hinterwäldler-Dialekt in Dialogen und niveauvoller Sprache in der Erzählung hin und her wechselt. Dadurch wirken die Dialoge sehr authentisch, während der Kontrast zwischen ihnen und den Beschreibungen des ironischen Erzählers die Handlung noch amüsanter macht.

Ein wunderbares Beispiel hierfür ist beispielsweise folgende Textpassage, nachdem Sary sexuell erregt aus einem perversen Traum erwacht:

Die logischen Fragen, die solch eine missliche Lage nach sich ziehen mochten, blieben aus; Fragen zu ihrer plötzlichen, unstillbaren und ganz und gar untypischen Lust oder – in ihrem ureigenen Hinterwäldler-Dialekt: Wie kann’s sein, dass ich so übel geil werd, wenn ich von Männern träum, die Scheiße essen und Pisse und Spucke trinken?

Es war eine stichhaltige Frage und wäre Sary beispielsweise Psychiaterin freudianischer Ausprägung gewesen, hätte sie schließen können, dass eine solche Erregung das Resultat multipler retrograder Begleitzustände von antierotischen Rachegedanken sein konnte.

Aber, wer hätte das gedacht, Sary war keine ausgebildete Psychiaterin.

Edward Lee: Die Romanze von Dunwich, Bibliothek des Schreckens – Limited, einmalige Vorzugsausgabe. Festa-Verlag, Leipzig, Deutschland: August 2020. Seite 208.

Erheiternd sind auch die hier und da verstreuten Easter Eggs, die andere Werke von H. P. Lovecraft und insbesondere von August Derleth referenzieren. So wird beispielsweise der Briefverkehr zwischen Wilbur Whateley und dem Hexenmeister Septimus Bishop erwähnt, der in Derleths Kurzgeschichte Das Grauen vom mittleren Brückenbogen vorkommt.

Ungewohnte Perspektive

Im Laufe der Handlung sympathisiert man als Leser immer mehr mit Wilbur Whateley sowie seiner Mission, Yog-Sothoth auf die Erde zu holen. Letztendlich fiebert man mit Wilbur mit, obwohl man a) bereits aus Das Grauen von Dunwich weiß, wie es mit ihm und seinem Bruder enden wird, und b) er eigentlich den Bösewicht darstellt.

Denn mit dem Einlass von Yog-Sothoth auf die Erde will Wilbur ja nichts anderes als die Menschheit und das Leben, so wie wir es kennen, zu vernichten! Umso mehr hat es mich verblüfft, als ich mitten beim Lesen realisierte, dass ich voll auf seiner Seite stand, wo ich doch sonst klar pro Dr. Henry Armitage war. So, wie Edward Lee aber die Gedanken und Motivation von Wilbur Whateley und seinem Zwilling beschreibt, würde man nur zu gern in einen Kult von Yog-Sothoth eintreten.

Vielleicht liegt hierin aber auch ein Kritikpunkt: Ich denke nicht, dass Lees Vorstellungen der Brut von Yog-Sothoth „realistisch“ sind im Sinne von Lovecraft. Insbesondere Wilbur wird in der Geschichte als der Gute porträtiert, während die Menschheit als verdorben und bösartig dargestellt wird. Zugegeben, auf die Bewohner von Dunwich bezogen ist letztere Aussage eher geschenkt. Trotzdem hätte ich eine boshaftere Darstellung von Wilbur und vor allem von seinem Bruder, der mehr von Yog-Sothoth geerbt hat, glaubwürdiger gefunden.

Fazit

Die Romanze von Dunwich kann eine Abwechslung darstellen zwischen der einen oder anderen guten Lektüre von Lovecraft und Co. Die Handlung ist absurd und amüsant – zumindest für diejenigen Leser, die nicht allzu zart besaitet oder prüde sind. Mehr als obszöne Unterhaltung kann Edward Lee in diesem Werk zwar nicht bieten, dafür ist er hierin aber großartig.

Auf den zweiten Band der Reihe Tote Titanen, erwacht! von Donald Wandrei freue ich mich schon sehr. Obwohl Die Romanze von Dunwich mich unterhalten hat, würde ich mir aber für die Zukunft doch lieber mehr „anspruchsvollere“ cthuloide Lektüren und Nachdrucke von vergriffenen Werken wünschen.

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