17. August 2022

Die Gruft: Nicht untot, aber unlebendig

Friedhöfe, Gräber, Familiengrüfte, Mausoleen, Särge erinnern den Menschen an seine Vergänglichkeit und den unausweichlichen Tod. In Horror-Geschichten verwandelt sich ein ruhiger Friedhof gelegentlich zum Schauplatz unheimlicher Geschehnisse oder er wird zu einem Ort der Begegnung mit untoten Wesen und Ghulen.

Insbesondere die Vorstellung darüber, lebendig begraben zu werden, ist grausig. Niemand würde sich das wünschen. Wer kommt da schon auf die Idee, in einem leeren Sarg in einer Gruft zu schlafen, dessen Bewohner alle schon längst tot sind? Höchstens ein stereotyper und ohnehin untoter Vampir, oder vielleicht ein passioniertes Mitglied der Gothic-Kultur. In H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Gruft“ (original: „The Tomb“) ist es Jervas Dudley.

Jervas‘ Obsession mit einer Gruft: Die Kurzfassung

Als Sohn einer reichten Familie wächst Jervas Dudley mit seinen Eltern und der Dienerschaft in seinem Familiensitz auf, das umgeben von Wäldern und Feldern nahe eines Dorfes gelegen ist. Seine Kindheit und Jugend verbringt er einsam damit, die alten Bücher in der hauseigenen Bibliothek zu studieren und die Umgebung zu erkunden.

Bei einem seiner Spaziergänge findet Jervas – versteckt an einem bewaldeten Hang unterhalb der Ruinen eines niedergebrannten Herrenhauses – eine alte Gruft. Die Eingangstür ist einen Spalt offen und mit einem Vorhängeschloss versperrt. Jervas verspürt den intensiven Drang, in die Gruft zu gelangen, kommt allerdings am Schloss nicht vorbei.

Wie er herausfindet, handelt es sich bei der Gruft um diejenige der Familie Hyde, der einst auch das Herrenhaus am Hang gehörte, das nun niedergebrannt da liegt. Die Dörfler munkeln diesbezüglich von „Gottes Strafe“, die die Hydes ereilt habe. Der letzte Nachfahre starb vor langer Zeit, doch findet Jervas heraus, dass er mütterlicherseits eine schwache Verwandtschaft zu den Hydes aufweist.

Erst Jahre später findet Jervas in einer alten Truhe auf dem Dachboden seines Familiensitzes den Schlüssel, der das Vorhängeschloss aufschließen kann. In der Gruft befällt ihn ein vertrautes Gefühl. Er findet einen leeren Sarg, in den er sich hinlegt und schläft. Fortan übernachtet er häufiger auf diese Weise in der Gruft.

Mit der Zeit wandelt sich sein Charakter. Jervas, der nie zuvor verreist ist, gibt sich als weltoffener Mann und seine Redeweise wird altertümlich. Er überrascht andere mit seinem Wissen um uralte Geschehnisse, die sich vor Jahrhunderten zugetragen haben sollen.

Die besorgten Eltern lassen ihn beobachten und so wird er eines Tages bei der Gruft erwischt. Allerdings erzählt der Beobachter seinen Eltern, dass Jervas vor der Gruft übernachtet habe, nicht darin, wie Jervas es eigentlich tut. So glaubt Jervas, eine übernatürliche Macht schütze ihn und er gewinnt an Selbstvertrauen, sodass er sich nicht mehr davor scheut, seine Gänge in die Gruft großartig zu verbergen.

Eines Tages betritt er die Ruinen des Hyde-Herrenhauses und erhält dort eine Vision, in der er die letzte Nacht vor der Zerstörung des Herrenhauses als dessen Herr Jervas Hyde erlebt. Dieser gibt dort eine blasphemische Feier, bis das Haus vom Blitzschlag getroffen wird und in Flammen aufgeht. Der letzte Gedanke von Jervas Hyde ist es, dass sein Körper zu Asche verfallen und verstreut werden könnte, sodass er nicht mehr in sein Sarg in der Familiengruft beerdigt werden könnte.

Jervas Dudley wird in diesem Moment von seinem Vater und einigen Dörflern in den Ruinen aufgefunden. Panisch schreit er darum, in seinen Sarg gelegt zu werden, und er wird nur mit Mühe von Dorfbewohnern festgehalten. In einer Truhe in den Ruinen finden sich einige Besitztümer der Hydes, u.a. eine Porzellanfigur, die anscheinend Jervas Hyde darstellt und verblüffende Ähnlichkeit zu Jervas Dudley aufweist.

Sein Vater liefert Jervas in ein Sanatorium ein. Jervas erfährt, dass das Vorhängeschloss an der Gruft intakt ist und er immer wieder vor der Gruft beobachtet wurde. Seine altertümliche Redeweise und Kenntnisse werden damit erklärt, dass er dies von den alten Büchern der Familienbibliothek aufgeschnappt haben könnte.

Schließlich öffnet man dann doch die Gruft und man entdeckt dort tatsächlich ein leeres Grab. Dieses trägt den Namen „Jervas“. Man entscheidet, Jervas Dudley nach seinem Tod dort zu bestatten.

Doppelte Identität: Jervas Dudley vs. Jervas Hyde

Im Laufe der Geschichte scheint Jervas Hyde, der beim Brand des Herrenhauses ums Leben gekommen zu sein scheint, immer mehr und mehr Besitz von Jervas Dudley zu nehmen. Von Anfang an empfindet dieser eine Verbindung zur Familiengruft der Hydes und insbesondere zum leeren Sarg.

Lovecraft hat dabei mehrere „Hinweise“ auf diese doppelte Identität in sein Werk eingestreut.

So erwähnt er Plutarchs Parallelbiographien. Von diesem Werk wird Jervas inspiriert, mit der verschlossenen Gruft Geduld zu haben, bis die Zeit reif ist und er es eines Tages schafft, am Vorhängeschloss vorbeizukommen. Der Titel des Werks passt aber zum Thema der Geschichte, der Inhalt sogar noch mehr. Denn in Parallelbiographien vergleicht Plutarch jeweils eine griechische mit einer römischen Persönlichkeit und bildet so aus ihnen Biographienpaare (mehr Details auf Wikipedia).

Das passt sehr gut zur Handlung, denn Jervas Dudley und Jervas Hyde entwickeln sich in einem gewissen Maße auch zum Biographienpaar.

Ein weiterer Hinweis, obgleich subtiler, könnte auch im Familiennamen von Jervas Hyde liegen. Ich persönlich musste dabei direkt an Robert Louis Stevensons Werk Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde denken, das ebenfalls ein Doppelgängermotiv aufweist. Da Stevensons Geschichte aus dem Jahr 1886 stammt, könnte es durchaus sein, dass Lovecraft sich hieraus einen Namen ausgeliehen haben könnte.

Doch alles nur Einbildung?

Ein raffinierter Aspekt an dieser Kurzgeschichte ist, dass Lovecraft es letztendlich offen lässt, ob die Erlebnisse von Jervas Dudley so stattgefunden haben, wie er sie schildert, oder ob er sich alles nur eingebildet hat.

Von seinem Vater und Beobachtern wird bei seiner Einlieferung ins Sanatorium erzählt, dass die Gruft immer noch durch das Vorhängeschloss verschlossen sei und Jervas immer nur vor der Gruft gesichtet wurde, wie er intensiv auf den offenen Spalt der Eingangstür gestarrt habe.

Seine Kenntnisse aus der Vergangenheit und seine altertümliche Redeweise werden dadurch erklärt, dass Jervas sehr viel Zeit mit den alten Büchern in der Familienbibliothek verbracht hat. Dort könnte er beides gelernt haben und später unbewusst aus seinem Gedächtnis wieder hervorgeholt haben, ohne mehr zu wissen, woher dieses Wissen stammte.

Die optische Ähnlichkeit mit der Porzellanfigur von Jervas Hyde könnte entweder Zufall oder ebenfalls Einbildung sein. Denn dass die Figur wie Jervas Dudley aussähe, ist dessen eigene Meinung. Die Meinung von Außenstehenden über die Figur bleibt unerwähnt.

Einzig dass sich letzten Endes in der Gruft tatsächlich ein leerer Sarg befindet und dieser mit dem Namen „Jervas“ beschriftet ist, ist doch ein gewaltiger Zufall. Vor allem ist Jervas kein Allerweltsname. Googelt man danach, so findet man nur wenige Personen, die diesen Namen trugen. Zudem wird er immer nur als Familienname gehandhabt.

Dieser kombinierte Fund aus leerem Sarg und identischem Namen kann also kein Zufall sein… oder? Zu bedenken ist, dass Jervas‘ treuer Diener Hiram in die Gruft eingedrungen und diese Entdeckungen gemacht hat. Hat seine Loyalität möglicherweise dazu geführt, dass er den Sarg und den Namen auf der Namensplatte gefälscht hat, um seinen Meister nicht als völligen Irren da stehen zu lassen?

Diese Ungewissheit macht für mich „Die Gruft“ von H. P. Lovecraft zu einer sehr schönen Horror-Kurzgeschichte, über die ich nach dem Lesen noch viel nachgedacht habe, wie man sieht. Es handelt sich hierbei auch um ein Stilmittel, das Lovecraft gerne nutzt, um den Horror zu steigern. So schreibt er 1923 in einen Brief an Frank Belknap Long:

Ein Beinhaus oder ein Dämonenkonklave, das ich sehen kann, jagt mir nicht so viel Angst ein wie der Verdacht, dass unter einem uralten Schloss ein Beinhaus existieren könnte oder dass ein ganz bestimmter, steinalter Mann vor 50 Jahren an einem dämonischen Konklave teilnahm. Ich liebe das Ätherische, Ferne, Schattenhafte, von dem man nicht weiß, ob es überhaupt existiert.

Aus: „Lovecraft: An Introduction“, herausgegeben von John B. Cooke, erschienen in The H. P. Lovecraft Centennial Guidebook, Montilla Publications, 1990.

Das Horror-Motiv des toten Lebendigen

Insbesondere in den heutigen Fantasy-Welten sind Untote nicht ungewöhnlich. Man denke beispielsweise an World of Warcraft, wo man einen untoten Charakter spielen kann. Zombies, wandelnde Skelette und Mumien, Geister und Vampire sind etablierte Gestalten des Horror-Genres. Sie alle haben gemein, dass sie eigentlich tot sind und doch lebhaft umherlaufen – daher der Begriff „untot“.

In Lovecrafts „Die Gruft“ scheint dieses Motiv umgedreht worden zu sein. Jervas Dudley ist durch und durch lebendig, fühlt und benimmt sich jedoch als Toter. Als „Unlebendiger“ sieht er die Gruft der Hydes als sein Zuhause an und schläft im dortigen leeren Sarg.

Diese anormalen Verhaltensweisen haben bei mir als Leserin persönlich für Grauen und Abscheu hervorgerufen, denn mir würde es niemals in den Sinn kommen, mich in einen Sarg zu legen, geschweige denn darin zu schlafen. Nicht nur ist der Sarg das Symbol des Todes, sondern auch eng und das genaue Gegenteil einer gemütlichen Schlafstätte. Es ruft in mir Gedanken an Klaustrophobie auf, selbst wenn ich sonst nicht an eine solche leide.

Lovecraft hat es also raffiniert geschafft, die Ängste des Menschen vor Tod und Enge in ein Motiv für seine Horror-Geschichte „Die Gruft“ zu transformieren. Eventuell kommt auch die Angst vor einer psychischen Störung hinzu, wenn man das Ende der Geschichte so interpretiert, dass Jervas lediglich seiner Einbildung zum Opfer gefallen ist.

Fazit: „Die Gruft“ von H. P. Lovecraft ist eine absolut empfehlenswerte Kurzgeschichte seiner frühen Jahre. Der darin enthaltene Horror ist zwar übernatürlich und im Gegensatz zu vielen seiner anderen (und bekannteren) Werke nicht kosmisch, was der eine oder andere cthuloide Kultist vielleicht uninteressant finden könnte. Diesen empfehle ich trotzdem, „Die Gruft“ zu lesen. Es lohnt sich.

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