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Die Einflüsse der dunklen Kammer

Wie Leonard Clines Horror-Roman „Die dunkle Kammer“ H. P. Lovecraft beeindruckte, Clark Ashton Smith inspirierte und August Derleth zum versehentlichen Plagiat führte.

Wenn es um Bücher des Festa-Verlags geht, die nicht mehr nachgedruckt werden, kann man auf Online-Auktionshäusern meistens Angebote zu Mondpreisen finden. Dreistellige Verkaufspreise sind da nicht unüblich! Umso erfreulicher war es für mich, als ich ein älteres Buch des Festa-Verlags zu einem Schnäppchen-Preis von läppischen zwei Euro fand.

Der kleine Preis hatte seinen Grund: Das Buch gehörte früher zum Bestand der Stadtbibliothek Essen und wies Wasserschäden auf. Sein Inhalt war aber lesbar geblieben und so gab es keinen Grund für mich, nicht zuzuschlagen.

Die dunkle Kammer von Leonard Cline ist Band 1 der Reihe „Bizarre Bibliothek“ und erschien im November 2001 beim Festa-Verlag.

Beim Lesen erschien mir die Handlung überraschend vertraut… Eine Fußnote im kommentierten Essay von H. P. Lovecraft Das übernatürliche Grauen in der Literatur erklärte mir auch warum: Aufgrund eines Missverständnisses plagiierte August Derleth in einer seiner Kurzgeschichten unwissentlich Leonard Clines Werk. Aber auch auf Clark Ashton Smith und andere cthuloide Autoren übte es seinen Einfluss aus.

Wer ist Leonard Cline?

Leonard Cline wurde im Jahr 1893 in Michigan (USA) geboren und schrieb neben unheimlichen Geschichten auch journalistische Beiträge. So erhielt er den Pulitzer Preis – die höchste amerikanische Auszeichnung im Journalismus – für eine Artikelserie über den Klu-Klux-Klan.

Während die schriftstellerische Karriere seines Zeitgenossens H. P. Lovecraft bergauf verlief und dieser sich von einem Niemand zu einem gern gelesenen Schriftsteller des kosmischen Grauens entwickelte, verlief Leonard Clines Karriere eher umgekehrt. Ein schwerwiegendes Alkoholproblem brachte sein Privatleben durcheinander. Dies gipfelte schließlich darin, dass er seinen engen Freund Wilfred Irwin während eines ihrer Zechgelagen tödlich anschoss.

Cline leistete in der Klinik noch eine Bluttransfusion, konnte aber das Leben seines Freundes nicht retten. In seinen letzten Lebensmomenten sprach Irwin seinen Freund zwar von aller Schuld frei. Cline wurde trotzdem wegen Totschlags verurteilt. Er erhielt eine einjährige Freiheitsstrafe, konnte aber nach acht Monaten wegen guter Führung bereits das Gefängnis verlassen.

Nicht viel später starb Cline im Januar 1929 an ein Herzversagen, an das sein Alkoholproblem sicherlich zumindest eine Teilschuld trug.

Neben Die dunkle Kammer hat er noch zwei weitere Romane namens God Head (1925) und Listen, Moon! (1926) geschrieben. Außerdem veröffentlichte er unter dem Pseudonym Alan Forsyth einige Kurzgeschichten in diversen Pulp-Magazinen, die jedoch weitaus weniger niveauvoll waren als diejenigen, in denen H. P. Lovecraft publizierte.

Die dunkle Kammer

In Die dunkle Kammer (original: The Dark Chamber), einem Horror-Roman von 1927 von Leonard Cline, geht es um einen Mann namens Richard Pride, der mittels diverser Reize seine Erinnerungen wecken will. Er behauptet, dass alle Erinnerungen irgendwo im Kopf des Menschens schlummern und durch geeignete Reize, etwa Musik, Gegenstände oder Drogen, diese Erinnerungen aufgerufen werden können.

Mehr noch stellt er die Hypothese auf, dass Erinnerungen vererbt werden können. Mit den geeigneten Reizen sei es daher möglich, die Erinnerungen seiner Vorfahren aufzurufen. Dies treibt Richard Pride so weit ins Extreme, dass er den Versuch unternimmt, an die Erinnerungen seiner steinzeitlichen Vorfahren und darüber hinaus zu kommen.

Erzählt wird die Geschichte vom Komponisten Oscar Fitzalan, der von Richard Pride engagiert wird, mittels seiner Klavierkünste hierfür die musikalischen Reize zu schaffen. Oscar lebt für diese Zeit im Schloss „Mordance Hall“ bei Familie Pride, zu denen Richard Prides Frau Miriam und ihre gemeinsame Tochter Janet gehören. Außerdem leben dort auch Richard Prides Hund Tod, der Sekretär Wilfred Hough sowie andere Bedienstete.

Horror & Spannung vs. Kitsch & Rassismus

Die dunkle Kammer war zwar einigermaßen spannend und interessant. Getrübt wurde für mich das Werk jedoch durch ein paar sehr kitschige Szenen und einige rassistische Einspielungen.

Rassismus gehörte leider zum Zeitpunkt, in dem das Buch verfasst worden ist, zum Zeitgeist. Auch bei H. P. Lovecraft können sich rassistische Einstellungen in seinen literarischen Werken wiederfinden. Obwohl das also erwartbar ist, war es doch immer wieder nervend, den häufig auftretenden rassistischen Gedanken des Protagonisten zu folgen.

Besonders nervig empfand ich eine seitenlange Diskussion über Jazz-Musik, in der der Protagonist die Auffassung vertrat, dass Jazz verachtenswert und nichtswürdig sei. Dass sich das ebenfalls gegen Schwarze richtete, zweifle ich kaum an. Darüber hinaus mag ich persönlich Jazz-Musik, weswegen der Protagonist an dieser Stelle eine Menge Sympathiepunkte bei mir verlor.

Allerdings stellt sich mir die Frage, ob Leonard Cline selbst die Auffassungen teilte, die sein Protagonist Oscar Fitzalan präsentierte. Dessen Gegenspieler Del Prado steht nämlich letzten Endes in der Diskussion um Jazz-Musik am Ende besser da als Fitzalan, welcher sich eher zum Idioten gemacht hat. Dies könnte allerdings auch nur mein persönlicher Eindruck gewesen sein.

Als anstrengend empfand ich auch die romantisch-kitschigen Nebenhandlungen, in denen Oscar Fitzalan sich Hals über Kopf zuerst in Janet, dann in Miriam verliebt. Diese Szenen hätte man von mir aus auch streichen können.

Ich bin hin- und hergerissen. Die Geschichte rund um Richard Pride und die „Erb-Erinnerung“ war spannend, mysteriös und unkonventionell. Jedoch störten mich persönlich die Nebenhandlungen rund um das Innen- und Liebesleben des Protagonisten und dessen rassistische und musikalische Einstellung. Wer davon absehen kann, findet aber wohl in Leonard Clines Werk einen tollen Roman mit sich schleichend aufbauendem Horror. Mir bescherte Die dunkle Kammer jedenfalls ein gemischtes Lesevergnügen.

H. P. Lovecraft über Die dunkle Kammer

Auch H. P. Lovecraft hat Die dunkle Kammer gelesen und schreibt darüber in seinem Essay Das übernatürliche Grauen in der Literatur:

Von enorm hohem künstlerischem Rang ist der Roman The Dark Chamber (1927) des verstorbenen Leonard Cline. Es ist die Geschichte eines Mannes, der – mit dem typischen Ehrgeiz der byronesken Helden-Schurken der Schauerliteratur – der Natur trotzen und jeden Moment seines vergangenen Lebens durch eine abnorme Stimulation seines Gedächtnisses wiedererlangen will. Zu diesem Zweck nutzt er endlose Notizen, Aufzeichnungen, Erinnerungsstücke und Bilder – und letztlich Gerüche, Musik und exotische Drogen. […] Die Atmosphäre dieses Romans hat eine bösartige Kraft, wobei dem düsteren Heim und Haushalt der Hauptfigur viel Aufmerksamkeit gewidmet ist.

H. P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur, herausgegeben von S. T. Joshi. Golkonda Verlag, Berlin, Deutschland: 2014. S. 119ff.

Leonard Clines Roman hat also bei ihm mehr Eindruck hinterlassen können als bei mir. Laut diesem Beitrag auf der Weird Tales Magazine-Webseite soll Lovecraft sogar Die dunkle Kammer u.a. an seine Freunde und Schreibkollegen Donald Wandrei, Clark Ashton Smith und Frank Belknap Long empfohlen haben. Diese hätten demnach das Motiv der „Erb-Erinnerung“ ihrerseits in ihren eigenen Werken verarbeitet.

Einfluss auf Clark Ashton Smith: Ubbo-Sathla

Diesbezüglich fällt mir die Kurzgeschichte „Ubbo-Sathla“ von Clark Ashton Smith ein. Diese ist auf Deutsch im ersten Band seiner gesammelten Erzählungen Die Stadt der Singenden Flamme zu finden, das beim Festa-Verlag erschienen ist.

Darin erwirbt Paul Tregardis bei einem Kuriositätenhändler einen mysteriösen, milchigen Kristall. Mit dem Buch des Eibon findet er heraus, dass es sich um ein Artefakt des Magiers Zon Mezzamalech handelt:

Dieser Magier, der unter den Zauberern der mächtigste war, hatte einen milchigen Stein gefunden, kugelgleich und an zwei Seiten flach, in welchem er Gesichte der irdischen Vergangenheit schauen konnte, selbst bis zum Anfang der Welt, als Ubbo-Sathla, der ungezeugte Ursprung, gewaltig und geschwollen und gärend inmitten des dampfenden Schleims lag…

Clark Ashton Smith: „Ubbo-Sathla“ aus Die Stadt der Singenden Flamme, Bibliothek des Schreckens, erste Auflage. Festa-Verlag, Leipzig, Deutschland: 2011. Seite 255.

Paul Tregardis probiert die Fähigkeiten dieses Kristalls aus und blickt damit wiederholt in die Vergangenheit. Doch am Ende der Geschichte übertreibt er es und er reist Äonen zurück zum Urbeginn der Erde. Er wird zu einem Molch der Urzeit, unfähig sich an sein eigentliches Ich zu erinnern, und verbleibt in dieser fernen Vergangenheit an der Seite von Ubbo-Sathla.

Dieses Ende erinnert so stark an das Ende von Richard Pride in Die dunkle Kammer, dass diese Kurzgeschichte mit Sicherheit von Leonard Cline inspiriert sein muss.

August Derleths versehentliches Plagiat

Liest man die Kurzgeschichte „Der Vorfahr“ von August Derleth, so scheint es nicht nur, als sei er ebenfalls von Leonard Cline inspiriert worden. Die Handlung weist sogar eine Vielzahl von Parallelen mit Die dunkle Kammer auf.

Eine Fußnote von S. T. Joshi in Das übernatürliche Grauen in der Literatur von H. P. Lovecraft klärt auf:

Als August Derleth eine Handlungsskizze dieses Romans in Lovecrafts Notizen fand, hielt er die Idee für Lovecrafts eigene und produzierte mit seinem „postumen Gemeinschaftswerk“ „The Ancestor“ unwissentlich ein Plagiat […].

H. P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur, herausgegeben von S. T. Joshi. Golkonda Verlag, Berlin, Deutschland: 2014. S. 119.

Der Hintergrund dazu ist, dass H. P. Lovecraft ein schwarzes Notizbuch führte, in dem er sich Ideen zu Geschichten notierte. Er machte sich darin aber auch Notizen für sein Essay Das übernatürliche Grauen in der Literatur und fasste dort z.B. die Inhalte von gelesenen Büchern zusammen, um sie später wiederzugeben.

August Derleth nutzte einige dieser Ideen-Bruchstücke, um nach Lovecrafts Tod daraus „gemeinschaftliche“ Kurzgeschichten zu verfassen, die man in deutscher Sprache beispielsweise in der Sammlung Die dunkle Brüderschaft vom Suhrkamp-Verlag nachlesen kann.

Anscheinend hielt er die Notizen zu Leonard Clines Die dunkle Kammer für eine Idee von Lovecraft selbst. Daraus resultierte dann „Der Vorfahr“.

Ich muss gestehen, dass ich „Der Vorfahr“ als eine der schwächsten Kurzgeschichten von August Derleth empfand. Im Vergleich zum Original verschont August Derleth mich zwar mit dem Kitsch. Der Schreibstil und der schleichende Horror von Leonard Cline sind aber meiner Meinung nach stärker als in der Kopie. Insbesondere die Rolle des Hundes war in Die dunkle Kammer herausragender.

Fazit

Ich finde es erstaunlich, wie sehr Leonard Clines Die dunkle Kammer die Mythos-Autoren und somit den Cthulhu-Mythos selbst beeinflusst hat. Ohne diesen Roman und die Empfehlung von H. P. Lovecraft hätte es z.B. Ubbo-Sathla von Clark Ashton Smith womöglich so nie gegeben.

Obwohl ich die Handlung per se und den schleichenden Aufbau des Horrors in Die dunkle Kammer sehr gut finde, stehe ich letzten Endes dem Roman eher mit gemischten Gefühlen gegenüber. Für die 2€, die ich gezahlt habe, war er es aber auf jeden Fall wert, gelesen zu werden. Wer ein ähnliches Schnäppchen machen kann, dem empfehle ich, zuzugreifen.

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