17. August 2022

Der unzuverlässige Erzähler beim König in Gelb

Oft findet die Erzählung einer Geschichte aus der Perspektive einer bestimmten Person, dem Erzähler, statt. Entweder wir verfolgen die Handlungen und Gedanken dieses Erzählers als eine unsichtbare dritte Person, oder direkt durch die Augen des Erzählers aus der Ich-Erzähler-Perspektive. Entsprechend ist unser Informationsgehalt beschränkt auf das, was der Erzähler sieht, denkt und weiß.

Der Erzähler kann sich irren oder eine Fehleinschätzung treffen. Nichtsdestotrotz vertrauen wir normalerweise der Erzählung des Erzählers. Wenn er erzählt, wie er morgens aufwacht und den Kühlschrank aufmacht, um sich ein Frühstücksei zu machen, er den Eierkarton öffnet und er dort drei Eier zählt, dann glauben wir ihm das. Wenn er erzählt, dass er den Eierkarton öffnet und er dort stattdessen drei piepsende Küken auffindet, dann glauben wir ihm dies ebenfalls, egal wie merkwürdig das klingt. Eher würden wir die Schuld für das merkwürdige Geschehen beim Buch oder dem Autor suchen – vielleicht handelt es sich um eine phantastische Geschichte oder der Autor hat einen Fehler gemacht? Aber den Erzähler hinterfragen wir normalerweise nicht.

Was ist ein unzuverlässiger Erzähler?

Manchmal ist aber ein Erzähler unzuverlässig, etwa weil er Sinnestäuschungen erliegt oder weil er geistig gestört ist. Ein Beispiel: Ein Erzähler könnte uns davon erzählen, wie die Zombie-Apokalypse ausgebrochen ist, wie er sich gegen die Zombies wehrt, die seine Stadt erobert haben und nach seinem Gehirn trachten. Mit drastischen Maßnahmen entledigt er sich den Zombies. Voller Fassungslosigkeit beschreibt er die kleinen Kinder, die nun ebenfalls untot durch die Straßen laufen. Am Ende wird er von den Zombies umstellt. Er wehrt sich, schafft es einige Zombies ihrem endgültigen Tod zuzuführen, aber es sind einfach zu viele…

Dann wechselt die Erzählperspektive. Wir lesen einen Zeitungsausschnitt über einen geistig verwirrten Mann, der ein Massaker angerichtet hat. Mehrere Menschen, sogar Kinder hat er umgebracht, und mehrere Polizisten schwer verletzt und getötet, bevor er überwältigt werden konnte. Es scheint, als leide er an einem Wahn, der ihn glauben macht, dass er der einzige lebende Mensch auf der Welt sei, und alle anderen Mitmenschen seien Zombies, die ihn jagen würden.

Der unzuverlässige Erzähler gibt nicht das wahre Geschehen wider. Seine Darstellung der Realität ist verzerrt und verfälscht. Der Leser kann sich nicht auf die Wahrhaftigkeit der Erzählung verlassen und sobald er dies realisiert, entweder durch einen Wechsel der Erzählperspektive oder durch andere objektive Hinweise, muss die gesamte Erzählung hinterfragt werden.

Robert W. Chambers: Der König in Gelb

Unzuverlässige Erzähler finden sich in der Kurzgeschichtensammlung Der König in Gelb von Robert W. Chambers wieder. Die Sammlung erschien im Jahr 1895 unter dem englischen Originaltitel The King in Yellow.

Robert W. Chambers: Der König in Gelb, erschienen beim Festa-Verlag.

Die enthaltenen Kurzgeschichten drehen sich mehr oder weniger um ein fiktives, gleichnamiges Theaterstück Der König in Gelb. Dieses besteht aus zwei Akten: Der erste Akt soll langweilig und trivial sein und keinen erkennbaren Handlungsstrang besitzen. Das Lesen oder Schauen des zweiten Aktes hingegen soll zu solch geistigem Wahnsinn führen, dass daraufhin oft der Suizid folge.

In den ersten vier Kurzgeschichten der Sammlung,

  • „Der Wiederhersteller des guten Rufes“,
  • „Die Maske“,
  • „Im Hof des Drachen“, und
  • „Das Gelbe Zeichen“,

taucht das Theaterstück direkt auf und wird von Personen gelesen. Die Wirkung ist meiner Meinung nach insbesondere in der ersten und zugleich längsten Kurzgeschichte, „Der Wiederhersteller des guten Rufes“, besonders eindrucksvoll gezeigt. Die Geschichte findet in einer dystopischen Zukunftsversion von New York in den 1920ern statt, gerade als dort eine Selbstmordkammer feierlich eröffnet wird. Dort können sich Menschen diskret umbringen, wenn sie ihres Lebens überdrüssig geworden sind.

Die Geschichte ist etwas konfus, aber im Laufe der Handlung gibt es ziemlich eindeutige Hinweise, dass die Schilderungen des Erzählers unzuverlässig sind und nicht der Realität entsprechen. Wie dies offenbar wird, finde ich einfach nur genial.

In den anderen drei Kurzgeschichten, in denen Personen Der König in Gelb lesen, lässt sich meiner Meinung nach nicht richtig feststellen, ob die nach der Lektüre erlebten Geschehnisse der Realität entsprechen oder nicht. Zum Teil driften sie ins Phantastische, sodass man sich durchaus fragen könnte, ob die Erlebnisse wirklich real sind, oder sie nur Phantastereien darstellen, die dem Wahnsinn aus Der König in Gelb entsprungen sind.

Insgesamt ist Der König in Gelb eine absolut lesenswerte Sammlung, die eine einzigartige Lese-Erfahrung und viel Raum zu Interpretationen bietet. Eine deutsche und qualitativ hochwertige Ausgabe erhält man für läppische 12,80€ (4,99€ für das eBook) beim Festa-Verlag.

Hintergrund zu Robert W. Chambers

Robert W. Chambers war zu seiner Zeit ein Trendautor, der die Schriftstellerei eher als Handwerk verstand und das produzierte, was gerade angesagt war. So wurden viele seiner Werke zwar Bestseller, sind jedoch heute weitestgehend in die Vergessenheit geraten. Die Ausnahme ist Der König in Gelb, das durch H. P. Lovecraft bis heute bekannt geblieben ist.

Dadurch, dass er sich an den Mainstream anpasste, schrieb er zu einem großen Teil historische und Liebesromane über die New Yorker Oberschicht. Aber auch an anderen Genres versuchte er sich, etwa an Science Fiction, Kinderbücher und Detektivromanen. Außerdem schrieb er noch eine Buchserie über die amerikanische Kolonialzeit, Romane über den französisch-preußischen Krieg, ein Theaterstück, ein Gedichtband, eine Sozialsatire… Insgesamt 89 Bücher.

Ich finde es interessant, wie von diesen 89 Büchern nur eins so richtig bis heute beliebt geblieben ist, nämlich Der König in Gelb, der weniger an den Mainstream gerichtet war. Auch heutzutage gibt es diese Bestseller-Autoren, deren Namen man kennt und die in regelmäßigen Abständen neue Bestseller produzieren. Wie viele ihrer Werke, wie viele dieser Autoren werden in hundert Jahren noch bekannt geblieben sein?

Der König in Gelb im Cthulhu-Mythos

H. P. Lovecraft war so begeistert von Der König in Gelb, sodass er viele Elemente aus Chambers‘ Kurzgeschichten in seinen eigenen Werken erwähnte und integrierte: Hastur, Carcosa, die Hyaden, der See von Hali und das Gelbe Zeichen sind allesamt aus Der König in Gelb entnommen, wobei Chambers selbst sich auch von früheren Werken bedient hat. So entstammte Hastur ursprünglich einer Kurzgeschichte von Ambrose Bierce namens „Haita the Shepard“, in der Hastur einen gütigen Hirtengott darstellt.

Heutzutage haben Hastur und der König in Gelb als sein Avatar einen festen Platz im Cthulhu-Mythos, siehe CthulhuWiki. Dies könnte möglicherweise August Derleth zu verschulden sein. Erst in seinen Werken wird Hastur zu einem Großer Alten des Cthulhu-Mythos. Zuvor war Hastur lediglich ein Name, der in Chambers‘ Kurzgeschichten mal für ein Wesen, mal für einen Ort, mal für eine Person genutzt wurde. Lovecraft selbst gibt in seinen Kurzgeschichten, in dem er den Namen ebenfalls erwähnt, keinen Hinweis darauf, was sich dahinter verbergen mag. Somit wurde Hastur wohl erst durch Derleth zu der Mythos-Entität, wie sie heute verstanden wird.

Der König in Gelb vs. Necronomicon

Einige meinen, dass Lovecrafts Necronomicon von Der König in Gelb inspiriert sein könnte, dessen Lektüre ebenfalls zum Wahnsinn führen kann. Lovecraft erwähnt das Necronomicon erstmals in seiner Kurzgeschichte „Der Hund“, die er 1922 verfasst hat. Chambers‘ Werke entdeckt und liest er das erste Mal im Zuge seiner Arbeiten an seinem Essay Das Übernatürliche Grauen in der Literatur, worüber er seinem Freund Clark Ashton Smith in einem Brief am 12. Mai 1927 berichtet:

I made some eleventh-hour inserts in the proofs which you won’t find in the carbon – mainly regarding the forgotten early work of Robert W. Chambers (can you believe it?) who turned out some powerful bizarre stuff between 1895 & 1904.

H. P. Lovecraft: Selected Letters II. Sauk City, WI, USA: Arkham House, 1968. S. 127.

Das heißt, erst fünf Jahre nach seiner ersten Erwähnung des Necronomicon in seinen Kurzgeschichten liest er Robert W. Chambers‘ Der König in Gelb. Folglich kann das Necronomicon literarisch nicht von Chambers beeinflusst worden sein.

Der König in Gelb im Arkham Horror-Kartenspiel

Im Arkham Horror-Kartenspiel beschäftigt sich die komplette Kampagne Der Pfad nach Carcosa mit Der König in Gelb. Das Theaterstück soll bald in der Stadt aufgeführt werden, doch nachdem in den Städten, wo es zuvor aufgeführt wurde, Wahnsinn und Verrücktheit um sich greifen, Menschen verschwinden und Selbstmorde sich häufen, sind die Ermittler (die Spieler) davon überzeugt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Ermittler wollen sich also das Theaterstück selbst anschauen. Ob das eine gute Idee ist?

Arkham Horror – Das Kartenspiel, zweite große Erweiterung: Der Pfad nach Carcosa. Veröffentlicht bei Asmodee.

Danach geschehen merkwürdige Dinge, die nicht sein dürften. Die Ermittler müssen sich entscheiden, ob sie den Geschehnissen Glauben schenken oder anzweifeln wollen. Je nachdem, wofür sie sich entscheiden, können sich der Spielverlauf und die Erzählung stark ändern.

Die Kampagne lehnt sich dabei eng an die unzuverlässige Erzählweise in Robert W. Chambers‘ Der König in Gelb an. Immer wieder tauchen während der Handlung des Spiels Hinweise darauf auf, dass das, was die Spieler erfahren oder sehen, nicht immer mit der Realität übereinstimmt. Das geht so weit, dass die Spieler – je nachdem, ob sie von der Wahrhaftigkeit der Erlebnisse überzeugt sind oder sie bezweifeln – entweder zu Jägern oder zu Gejagten der Trugbilder werden.

Ich selbst habe in dieser Kampagne meinen ersten Kontakt zum König in Gelb gehabt. Erst danach habe ich aus Neugier die Kurzgeschichtensammlung von Robert W. Chambers gekauft und gelesen. Bei der Lektüre war ich positiv überrascht, wie viele Elemente aus den einzelnen Kurzgeschichten in der Kampagne eingebaut wurden. Nicht nur der unzuverlässige Erzähler sowie die grundlegende bizarre Stimmung finden sich wieder. Kleinste Details, sei es auch nur eine Spange, die in einer Kurzgeschichte eine besondere Bedeutung zufiel, kommen auch bei Arkham Horror vor.

Der Pfad nach Carcosa ist eine klasse Kampagne, die mich einerseits damit verblüfft hat, wie sehr sie sich doch von der Vorgänger-Kampagne Das Vermächtnis von Dunwich unterscheidet, welche eine mehr abenteuerliche Grundstimmung besitzt (ganz so wie die Vorbild-Kurzgeschichte „Das Grauen von Dunwich“). Andererseits begeisterte Der Pfad nach Carcosa mich damit, wie gut sie die bizarre Stimmung sowie den Wahnsinn in Chambers‘ Der König in Gelb einfängt und selbst den unzuverlässigen Erzähler in die Erzählung sowie die Spielweise integriert hat.

Schlussgedanken

Ich liebe Robert W. Chambers‘ Der König in Gelb. Den Wahnsinn und die resultierenden Halluzinationen durch einen unzuverlässigen Erzähler auszudrücken, finde ich ein geniales schriftstellerisches Mittel. Die Arkham Horror-Kartenspiel-Kampagne Der Pfad nach Carcosa greift dies meiner Meinung nach sehr kreativ und unterhaltsam auf.

Ich kann die Lektüre von Der König in Gelb auf jeden Fall empfehlen. 🙂 Und wer darüber nachdenkt, sich das Kartenspiel Arkham Horror anzuschaffen, und der dieses Konzept des unzuverlässigen Erzählers spannend findet: Greift ruhig zur Carcosa-Kampagne. Damit macht ihr nichts falsch.

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