17. August 2022

Der Stammbaum von Robert Olmstead

Letztens habe ich wieder „Der Schatten über Innsmouth“ von H. P. Lovecraft gelesen, eins seiner ikonischsten Werke, und ich habe es sehr genossen. Die Handlung ist grob gesagt: Der Erzähler gerät in eine verfallene Küstenstadt namens Innsmouth mit abweisenden Bewohnern, die zum größten Teil ein abscheuliches, fischkrötenartiges Aussehen miteinander teilen. Es stellt sich heraus, dass sie Hybridwesen sind – Kinder von Menschen und Tiefen Wesen, monströsen Fischkrötenkreaturen aus dem Meer. Der Erzähler entkommt zwar aus Innsmouth, muss jedoch später feststellen, dass er mehr mit der Stadt gemein hat, als er dachte, und dass sich das Blut Tiefer Wesen auch in seinen Stammbaum hineingemischt hat.

Es hatte einen Grund, wieso ich mich wieder mit dieser Kurzgeschichte beschäftigt habe: Im Moment bin ich dabei, alle Kurzgeschichten von H. P. Lovecraft (nochmals) zu lesen, zusammenzufassen und im CthulhuWiki der deutschen Lovecraft Gesellschaft (dLG) einzupflegen. Zusätzlich verfasse ich Einträge über Charaktere, Orte, Wesen, etc., die beim Lesen dieser Erzählungen anfallen. In der Weihnachtswoche habe ich mich also der längeren Erzählung „Der Schatten über Innsmouth“ angenommen.

Dafür habe ich die Übersetzung mitsamt Fußnoten aus Leslie S. Klingers kommentierter Ausgabe von Lovecrafts Arkham-Geschichten benutzt. Die Fußnoten zu „Der Schatten über Innsmouth“ haben sich hier als sehr bereichernd erwiesen. Anscheinend ist der Arkham House-Verlag an Notizen und frühen Entwürfen gelangt, die Lovecraft zu dieser Erzählung niedergeschrieben hatte. Diese wurden in einer Textsammlung namens Something About Cats and Other Pieces im Jahr 1949 veröffentlicht. Leslie S. Klinger scheint dieses Werk durchgesehen zu haben, denn viele Fußnoten in dieser Geschichte beziehen sich auf diese frühen Notizen und Entwürfe von Lovecraft.

Arkham House, 1949.

Darunter befinden sich nicht nur der Name des sonst namenlosen Erzählers, Robert Olmstead, sondern auch die Namen und überhaupt ein ganzer Stammbaum inklusive Geburts- und Todesjahre, der von Obed Marsh zu Robert Olmstead reicht, wobei es da mehrere verschiedene Versionen zu geben scheint, die sich in Details unterscheiden:

  • Das Tiefe Wesen, das Obed Marsh zur Frau nimmt, heißt in der veröffentlichten Fassung Pt’thya-l’yi, in einer von Lovecrafts Stammbaum-Versionen findet man hingegen den Namen Ft’thya-ly.
  • Die Tochter von Obed Marsh und Pt’thya-l’yi, die in Europa erzogen und mit einem Mann von Arkham verheiratet wurde, kann im Stammbaum eindeutig als Alice Marsh identifiziert werden. In einer Version des Stammbaums scheint auch tatsächlich Obed Marsh als Vater eingeplant worden zu sein, in einer anderen ist Alices Vater hingegen Onesiphorus Marsh, der erstgeborene Sohn von Obed Marsh.
  • Benjamin Orne, der Ehemann von Alice Marsh, hieß in einer früheren Version John Orne.
  • Lovecraft hat in einer Stammbaum-Version zu Mary Williamson, der Mutter des Erzählers, „seltsame Krankheit“ vermerkt. Ich vermute, dass damit die Symptome der Transformation zu einem Tiefe-Wesen-Hybriden damit gemeint sind. Ihr Todesjahr ist mit 1922 angegeben. Dennoch bleibt unklar, was Lovecraft ursprünglich mit dem Vermerk „seltsame Krankheit“ angedacht hatte – sollte Mary ebenfalls Selbstmord begangen haben wie ihr Bruder Douglas oder ist sie auch verschwunden wie ihre Mutter Eliza? In der veröffentlichten Fassung taucht sie jedenfalls nicht mehr auf.
  • Douglas Williamson begeht der veröffentlichten Fassung nach Selbstmord, als er realisiert, was für ein Blut in ihm fließt. Nach einer alternativen Version von Lovecraft ist es aber anscheinend nicht Douglas, bei dem sich die Gene der Tiefen Wesen zeigen und er begeht auch keinen Selbstmord. Stattdessen zeugt er ein „seltsames Kind“, wie Lovecraft in seinen Notizen angibt.
  • An Walter Williamson, dem anderen Onkel des Erzählers, scheinen die Gene der Tiefen Wesen in der veröffentlichten Fassung nicht zu zeigen, jedoch bei seinem Sohn Lawrence, der in einer Anstalt eingesperrt wird. In Lovecrafts früheren Notizen sollte Walter diese Gunst nicht erhalten: „1900 in Anstalt in Canton versteckt“, steht da.

Mithilfe dieser Notizen, die sich in Form von Fußnoten am Seitenrand von Leslie S. Klingers kommentierter Ausgabe befanden, und der veröffentlichten Fassung von „Der Schatten über Innsmouth“, wie wir sie heute kennen, habe ich mich hingesetzt und den Stammbaum von Robert Olmstead rekonstruiert. Dabei habe ich mich ein wenig wie Robert Olmstead selbst gefühlt, der ja auch im Verlauf der Kurzgeschichte seine Abstammung erforscht.

Das Ergebnis ist diese Grafik:

Die blauen Kästchen repräsentieren Tiefe Wesen, die roten Kästchen Menschen bzw. Nachkommen, bei denen sich die Transformation zum Hybridwesen nicht vollzogen hat, und die lila Kästchen zeigen an, dass es sich bei den Personen um Tiefe-Wesen-Mensch-Hybride handelt.

Einige kleine Fehler könnten noch vorhanden sein. Manchmal musste ich mich zwischen den verschiedenen und teilweise widersprüchlichen Versionen, die Lovecraft in seinen Notizen anbot, für eine entscheiden, wobei ich immer diejenige gewählt habe, die mit der veröffentlichten Fassung am besten übereinstimmt. Aber im Großen und Ganzen bin ich mir nach mehrmaligem Lesen aller Notizen und relevanten Textpassagen sicher, dass die Struktur so zumindest stimmt.

Der Stammbaum ist so nun auch im CthulhuWiki der dLG in allen relevanten Artikeln abgebildet – also sämtlichen Personen des Stammbaums, die einen eigenen Wiki-Artikel von mir erhalten haben: Pth’thya-l’yi, Obed Marsh, Alice Marsh, Onesiphorus Marsh, Barnabas Marsh, Eliza Orne und Robert Olmstead.

Titelbild von Paul Brennan auf Pixabay (adaptiert).

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