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Das Providence von Alan Moore und Jacen Burrows

Was, wenn H. P. Lovecrafts Geschichten rund um den Cthulhu-Mythos nicht reine Fiktion waren, sondern er inspiriert wurde von tatsächlichen Ereignissen? Tiefe Wesen gibt es wirklich — zumindest im fantastischen Comic von Alan Moore & Jacen Burrows.

Alan Moore scheint eine Berühmtheit in der Comic-Szene zu sein. Zumindest bezeichnet ihn der Klappentext der Providence-Deluxe-Ausgabe als „der wichtigste Comic-Autor der Moderne“ und „Autorengott“. Da ich erst seit einigen Monaten angefangen habe, Comics zu konsumieren — der Late Nerd Show von Orkenspalter TV sei Dank –, konnte ich zunächst überhaupt nichts mit seinem Namen anfangen.

Überhaupt bin ich sehr wählerisch, was Comics angeht. Neben der Story ist mir die grafische Umsetzung sehr wichtig. Dabei liebe ich es, wenn die Zeichnungen detailverliebt und weniger abstrakt sind und man im Hintergrund etliche interessante Dinge entdecken kann wie z.B. bei Die 5 Reiche vom Splitter-Verlag oder beim One Piece-Manga. Ich will mit meinen Augen auf einem Panel lange verweilen können.

Man nehme nun detailverliebte Zeichnungen und eine Story, die auf den Cthulhu-Mythos von H. P. Lovecraft basiert und ihn neu interpretiert. Das Resultat ist Providence von Alan Moore mit Zeichnungen von Jacen Burrows.

Alan Moore & Jacen Burrows: Providence, Deluxe-Ausgabe 1. Erschienen bei Panini Comics, Stuttgart, Deutschland, 2021.

Was ist drin?

Die Providence-Deluxe-Ausgabe 1 enthält die Comics

  • The Courtyard 1-2,
  • Neonomicon 1-4, und
  • Providence 1-4.

Ohne viel zu spoilern:

The Courtyard handelt vom rassistischen FBI-Agenten Aldo Sax, der undercover in Red Hook in Providence ermittelt, nachdem eine Serie von brutalen Morden stattfand. Die Morde wurden von drei unterschiedlichen Tätern ausgeführt, die sich nicht kennen und scheinbar keine Gemeinsamkeit haben, abgesehen davon, dass sie eines Tages zu morden und Kauderwelsch zu sprechen anfingen. Während seiner Ermittlungen hört Aldo Sax von „Aklo“, das er für eine Droge hält. Ein Typ namens Johnny Carcosa soll Aklo verteilen und so spricht Aldo Sax ihn darauf an.

Neonomicon schließt einige Zeit nach The Courtyard an. Die FBI-Agenten Gordon Lamper und Merril Brears sind hinter Johnny Carcosa her. Die Agentin Merril stellt bei ihren Ermittlungen fest, dass in der ganzen Sache bemerkenswert viele Referenzen zu H. P. Lovecraft existieren. Schließlich führt sie die Spur zu einem Dagon-Kult in Salem.

Während The Courtyard und Neonomicon eher in der Neuzeit spielen — ich würde mal schätzen in den 1980ern oder 1990ern — macht Providence einen Zeitsprung in die Vergangenheit. Hier begleiten wir den Journalisten Robert Black auf einer Tour quer durch Providence, um Inspirationen für sein Buch zu finden.

Robert Blacks Geschichte ist in den Bändern 1-4 in dieser Ausgabe nicht auserzählt. Die Bänder 5-12 sind in der Providence-Deluxe-Ausgabe 2 enthalten, die im Juli veröffentlicht wird.

Viel Nacktheit, Gewalt…

Das Lesen von Alan Moores & Jacen Burrows Werk ist ab 18 Jahren empfohlen und das zurecht. Blut, jede Menge Penisse und Dildos, Vaginas, Sex zwischen Menschen, Sex zwischen Menschen und Tiefen Wesen, Inzest, Vergewaltigungen, Selbstmorde, Rassismus, Hakenkreuze und Swastikas, Verstümmelungen, heraus hängende Gedärme… Alles wird unverblümt angesprochen und gezeigt.

Eine Impression aus Neonomicon… Tiefe Wesen gibt es auch noch in der Neuzeit. (C) Panini Comics.

Aber bitte nicht falsch verstehen: Die Story ist dadurch keinesfalls dumpf oder getrübt. Es ist keine Gewalt und Erotik um der Gewalt und Erotik Willen, sondern im Einklang mit der Story und dem kosmischen Grauen, der zu all dem Wahnsinn führt.

Der Gehalt an Nacktheit und Gewalt ist in The Courtyard und Neonomicon sehr groß. In Providence wiederum dominiert der subtile Horror.

…und eine MENGE Lovecraft-Referenzen

Die FBI-Agenten bemerken ja selbst, dass sich eine Menge Lovecraft-Referenzen in den Kreisen befinden, in denen sie ermitteln. Und so ist es wirklich. Ob es jetzt der „Club Zothique“ ist, in dem die „Ulthar Cats“ auftreten, oder der New-Age-Rollenspielladen namens „The Whisper in Darkness“, in deren Porno-Abteilung sich auf den DVD-Hüllen im Hintergrund diverse andere Titel von Lovecrafts Kurzgeschichten lesen lassen… In so gut wie jedem Panel gibt es für den Lovecraft-Fan etwas, worüber sich schmunzeln lässt.

In Providence sind die Referenzen noch stärker ausgeprägt, da der Journalist Robert Black — der selbst eine Referenz an Robert Blake aus Lovecrafts „The Haunter of the Dark“ ist — auf seiner Tour durch Providence anscheinend Schauplätze und Charaktere aus Lovecrafts Geschichten besucht. Oder besser gesagt: Schauplätze und Charaktere, die Lovecraft zu seinen Geschichten inspiriert haben. Denn wer Wilbur Whateley und Obed Marsh sucht, findet stattdessen Willard Wheatley und Tobit Boggs.

Eine Impression aus Providence… Tobit Boggs (Obed Marsh), der Schreckliche Alte Mann mit seinen sprechenden Flaschen und der Herr aus „Das Bild im Haus“ mit seinem Afrika-Buch in einem Raum. (C) Panini Comics.

Man darf nicht vergessen, dass wir uns nicht in H. P. Lovecrafts Universum befinden, sondern in einem, in dem H. P. Lovecraft als Autor von Horror-Geschichten bekannt ist. In der Welt von Alan Moore sind aber Realität und Fiktion stark miteinander verwoben. Die unaussprechlichen Dinge, über die Lovecraft geschrieben hat, scheint es wirklich zu geben.

Doch wie kam Lovecraft in Kontakt mit diesen Dingen? Bisher ist er selbst nicht in Erscheinung getreten. Ich bin gespannt, ob der Folgeband, die Providence-Deluxe-Ausgabe 2, diese Frage klären kann.

Fazit: Lese-Empfehlung

Der Comic von Alan Moore & Jacen Burrows ist absolut empfehlenswert. Die Story ist spannend und voller Twists und Referenzen, die Zeichnungen sind detailverliebt und ästhetisch.

Aber Achtung: Wer Gewalt und Erotik nicht vertragen kann oder will, der sollte es sich wohl lieber nochmal überlegen. Mehr Impressionen zum Comic finden sich beispielsweise in der Late Nerd Show vom 3. Mai 2021 bei Orkenspalter TV, wobei dort auch die eher harmloseren Seiten des Comics gezeigt werden.

Ich für meinen Teil habe diese erste Deluxe-Ausgabe von Providence sehr genossen und werde mir im Juli auf jeden Fall die zweite Ausgabe bestellen. 🙂

Update 23.09.21: Hier geht’s zu meinem Bericht über die zweite Providence-Deluxe-Ausgabe.

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