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Das erste Mal Spielleiten: Der Monolith

Ein Pfarrer aus Kamborn ist ratlos: Warum kommt niemand mehr zu seiner Messe? Sind die Kommunisten daran Schuld? Ein Bericht über meine erste Cthulhu-Gruppensession als Spielleitung.

Für meine erste Gruppensession als Spielleitung habe ich mich für das Szenario „Der Monolith“ von Sabrina Hubmann aus dem Abenteuerband Königsgambit in Kamborn von Pegasus Press entschieden. Ich hatte hierzu schon ein Let’s Play gesehen und fand dieses Szenario super interessant, weswegen ich es als mein Erstlings-Abenteuer ausgewählt habe.

Cthulhu: Königsgambit in Kamborn, erschienen bei Pegasus Press (2019).

Das Resultat war ziemlich interessant und das ganze war auch eine sehr wertvolle Erfahrung für mich als einsteigende Spielleiterin. Obwohl ich in der Vergangenheit schon One-2-Ones für meinen Freund geleitet habe (z.B. „The Fathomless Sleep“ im Cthulhu Confidential-System), war die Spielleitung einer Gruppe – in diesem Fall bestehend aus drei Investigatoren – doch etwas völlig Anderes.

Über den Verlauf dieses Szenarios sowie meinen Eindrücken als neue Spielleiterin möchte ich in diesem Beitrag berichten.

Achtung, Spoiler-Gefahr! Ich werde in diesem Beitrag über die Inhalte von „Der Monolith“ aus Königsgambit in Kamborn sprechen. Wer das Abenteuer selbst als Spieler erleben möchte, sollte daher lieber nicht weiterlesen.

Worum geht es in „Der Monolith“?

Das Abenteuer spielt sich in der deutschen Kleinstadt Kamborn ab, welches im Wesentlichen ein deutscher Ableger von H. P. Lovecrafts Arkham ist. Entsprechend tragen sich dort von Natur aus einige Merkwürdigkeiten zu. Wie Arkham darf sich Kamborn auch einer Universität und einer gut ausgestatteten Universitätsbibliothek rühmen.

Kamborn lag in den 1920er Jahren in Westfalen zwischen Paderborn und Detmold in der Nähe von Bielefeld. Allerdings kann sich heutzutage niemand mehr an Kamborn erinnern und an der Stelle, an der es einst lag, befindet sich nun der militärische Truppenübungsplatz Senne.

„Der Monolith“ dreht sich – wie der Name schon vermuten lässt – um einen Monolithen. Dieser befindet sich in einem Moor bei Hubbütteln, dem nördlichen Stadtteil von Kamborn. Dieser Monolith wurde in der Vergangenheit von einem Hexenzirkel erschaffen, der plante, damit einen Durchgang für Cyäegha aus seinem Gefängnis unter dem Dunkelhügel bei Freihausen zu ermöglichen.

→ Mehr über Cyäegha und seinem Gefängnis unter dem Dunkelhügel bei Freihausen könnt ihr in meinem Artikel über die Kurzgeschichte „Und Dunkelheit ist mein Name“ von Eddy C. Bertin erfahren, wo Cyäegha eine zentrale Rolle spielt.

Im Jahr 1920 findet Hubbüttels Dorfvorsteher Johann König den Monolithen im Sumpf und legt ihn frei. Daraufhin schickt ihm der Große Alte Cyäegha Visionen von einer strahlenden Zukunft, wodurch König immer stärker vom Monolithen besessen wird. Auch macht König Bekanntschaft mit dem Hexenmeister des damaligen Hexenzirkels, der sich in ein Kriechendes Wesen verwandelt und seitdem fortgelebt hat. Von diesem erfährt König, dass es für die Erfüllung seiner Wünsche durch Cyäegha nötig ist, dass der Monolith mit menschlicher Lebenskraft gefüttert wird.

Johann König überzeugt nach und nach die Hubbütteler davon, sich den immer wieder stattfindenden Ritualen anzuschließen, was nicht schwer ist, da Cyäegha über den Monolithen allen Bewohnern schöne Visionen einer utopischen Zukunft schickt. So kommt es, dass immer weniger Hubbütteler die Sonntagsmesse besuchen, die von Pfarrer Jakob Lehmann geführt wird. Ratlos wendet sich der Pfarrer an die Investigatoren, die dem rätselhaften Ausbleiben der Hubbütteler nachgehen sollen.

Die Spielercharaktere

Drei Spieler spielen in diesem Abenteuer mit, wovon alle sehr unterschiedliche Rollenspiel-Erfahrungen aufweisen können. Einer der Spieler ist erfahrener Rollenspieler und kennt sich bestens mit dem Lovecraft’schen Universum aus. Eine Spielerin hatte zumindest zwei mal bei Cthulhu-Rollenspielrunden mitgespielt. Der andere Spieler besaß weder Vorkenntnisse im Pen & Papers-Rollenspiel noch im Cthulhu-Mythos.

Dr. med. Arnold Brunner

Dr. med. Arnold Brunner ist Armeearzt a. D., der während des Weltkriegs in einem Lazarett tätig war. Mit einer Hand voll anderer Ärzte und Krankenschwestern verteidigte er erfolgreich sein Lazarett gegen die Franzosen und erhielt dafür das Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz erster Klasse.

Viele sehen ihn als einen Kriegshelden an, obgleich Arnold Brunner selbst sich keinesfalls so fühlt. Vom Krieg hat er eine posttraumatische Belastungsstörung davongetragen und er steht dem Alkohol näher, als ihm gut täte. Deswegen hat ihn seine Frau nach Kriegsende verlassen und die zwei gemeinsamen Kindern nach Köln mitgenommen.

Als strammer Monarchist gilt für ihn: „Über Deutschland steht nur Gott.“ Er ist ein gläubiger Christ, der regelmäßig bei Pfarrer Jakob Lehmann seine Beichte ablegt. Demokraten und Kommunisten verachtet er, aber auch auf Paul von Hindenburg ist er nicht gut zu sprechen, da Arnold Brunner ihm die Schuld an sein Kriegstrauma gibt.

Nun leitet Arnold Brunner eine gewöhnliche Arztpraxis in Kamborn, während er in seiner Freizeit in seiner Burschenschaft aktiv ist, mit seinem ehemaligen Kriegsgefährten Werner Schmid Karten spielt oder auf Ella Meisner aufpasst, der Tochter eines gefallenen Armee-Hufschmieds. Diesem hat Arnold Brunner am Sterbebett versprochen, auf Ella ein wachsames Auge zu werfen.

Werner Schmid

Werner Schmid ist gelernter Bäcker und wurde für den Weltkrieg als Feldbäcker eingezogen. Dabei kam er mit seiner mobilen Feldbäckerei einmal zu nah an die gegnerische Front und musste infolgedessen im Lazarett bei Dr. med. Arnold Brunner behandelt werden.

Er entwickelte eine Opiumsucht und schloss mit Arnold Brunner ein Geschäft: Werner würde seine Brotration etwas großzügiger auslegen, wenn Arnold ihm im Gegenzug mit Opium versorgen würde. Aus einer anfänglichen Zweckbeziehung entwickelte sich eine Freundschaft, die auch nach Kriegsende bestehen blieb.

Nach dem Krieg kehrte Werner Schmid nach Kamborn zurück, um zusammen mit seiner Frau Gertrud Schmid die Bäckerei weiter zu führen. Er ist ein streng gläubiger Mann, der an den Wert der Arbeit glaubt und keine Messe verpasst. Auf Anfrage backt er für Pfarrer Jakob Lehmann gerne Torten.

Ella Meisner

Ella Meisner ist die Tochter eines Hufschmieds und hat daher schon früh Kontakt zu Pferden gehabt. Obwohl sie nur fünfzehn Jahre alt ist, hat sie sich im Trainieren von Pferden einen guten Ruf erworben, sodass auch besser gestellte Menschen ihre Dienste aufsuchen.

Ihre Mutter starb an der spanischen Grippe. Als ihr Vater und dessen Freund Werner Schmid für den Krieg eingezogen wurden, kam Ella bei Gertrud Schmid unter und unterstützte sie im Bäckereibetrieb.

Nachdem im Krieg auch noch ihr Vater starb und sie zur Vollwaise wurde, hat sie ihre Zuversicht in Gott verloren. Sie lebt weiterhin bei den Schmids und hilft in der Bäckerei oder im Haushalt aus. Wenn sie nicht ihr Pferd Pauline in den Wald ausreitet, flirtet sie gerne mit jungen Kamborner Männern, was Dr. med. Arnold Brunner nicht gerne sieht, vor allem wenn es sich um Demokraten oder Kommunisten handelt.

Verlauf des Szenarios

Der ratlose Pfarrer

Es war ein Sonntagvormittag im August 1921. Eine Hitzewelle suchte Kamborn seit einiger Zeit heim und der heutige Tag versprach, wieder ein heißer zu werden. Da die Messe nur jeden zweiten Sonntag stattfand, weil sich Pfarrer Lehmann um zwei Ortsteile von Kamborn kümmern musste und diese abwechselnd besuchte, konnten Arnold Brunner, Werner Schmid und Ella Meisner sich an diesem Sonntagvormittag um andere Dinge kümmern.

Arnold Brunner brach zu seiner Burschenschaft auf, um sich ein frühes Bier zu gönnen. Er war überrascht, als er auf dem Weg Pfarrer Lehmann radelnd antraf, der doch zu dieser Zeit eine Messe halten sollte. Der Pfarrer schien zerstreut und bat um ein Gespräch mit Arnold Brunner, und beide Herren setzten sich in eine nahe gelegene Kneipe.

Pfarrer Lehmann erzählte ihm nach kurzem Zögern, dass er ratlos sei. In Hubbütteln, von wo er gerade hergekommen sei, wäre niemand zur Messe erschienen. Schon länger hatte er beobachtet, wie immer weniger Hubbütteler seine Predigt besuchten und er fragte sich, ob er etwas falsch gemacht hatte. Auch gestand er Arnold seine Befürchtung, dass sich Hubbütteln zu einer kommunistischen Keimzelle verwandelt haben könnte, da die Kommunisten bekanntlich die Kirche hassten.

Da wurde Arnold Brunner hellhörig. Die Aussicht darauf, ein paar Kommunisten zu verprügeln, schien ihm sehr verlockend und er versprach dem Pfarrer, sich die Lage in Hubbütteln genauer anzusehen. Dankbar verabschiedete sich Pfarrer Lehmann und gab ihm noch den Tipp, im Gasthaus „Moorhexe“ vorbeizuschauen, an dem sich zu jeder Tageszeit einige Hubbütteler finden ließen. Dann radelte er nach Hause.

Auf nach Hubbütteln

Arnold ging wieder nach Hause, packte seinen Arzneikoffer sowie seine Waffen und seinen Kavalleriesäbel ein, und fuhr mit seinem Auto zur Bäckerei Schmid. Werner bereitete gerade die Sonntagsbrötchen vor, während Ella draußen die Straße fegte und die Ankunft des Arztes als erstes bemerkte. Sie grüßte ihn freundlich und sie unterhielten sich, wobei Arnold auch von Pfarrer Lehmanns Sorge erzählte und dass er mit Werner die potentiellen Kommunisten aus Hubbütteln verjagen wolle.

Als Ella anmerkte, dass Kommunisten gar nicht so böse seien und sie öfters mit solchen oder Arbeitern in der Stadt plauderte, platzte Arnold der Kragen. Werner wurde aufmerksam auf den Lärm vor seiner Bäckerei und ging nach draußen, um nach dem Rechten zu sehen. Arnold unterrichtete ihn von seinem Auftrag und Werner schloss sich ihm an. Auch Ella wollte mitkommen und da Arnold ihre rebellische Art durchaus kannte, fing er gar nicht erst an, sie davon abbringen zu wollen.

Mit ein paar Sandwiches Proviant fuhren sie los gen Hubbüttel, das trotz der Zugehörigkeit zu Kamborn doch ein Stückchen entfernt lag und von Wald und Feldern abgetrennt war. Die drei wussten nicht wirklich viel über Hubbütteln, abgesehen davon, dass dieser Stadtteil weit im Norden lag.

Es schien, als ob sie eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen würden. Hubbütteln schien sich noch in einem mittelalterlichen Zustand zu befinden. Die asphaltierte Straße endete jäh und wandelte sich in eine Schotterpiste um. Denn die Hubbütteler fuhren keine Autos, sondern waren mit Pferd und Karren unterwegs. Von Elektrizität fehlte jede Spur. Ihre Ankunft mit dem brummenden Vehikel wurde von spielenden Kindern am Straßenrand misstrauisch beäugt.

Die Moorhexe

Am Kreisverkehr sahen sie ein Schild, das zum Gasthaus „Moorhexe“ wies. Dort angekommen fanden sie bereits ein anderes Auto parkend vor, welches ein Kamborner Kennzeichen besaß, aber sonst nicht weiter auffällig wirkte. Als die drei das Gasthaus betraten, schlug ihnen ein Geruch von Rauch und Fett entgegen. Eine Gruppe von bäuerlich aussehenden Männern und der Wirt schauten kurz auf, beachteten aber die Neuankömmlinge nicht weiter. An der Theke saß ein etwas besser gekleideter Herr, der versunken in sein Bierglas blickte.

Wenig später bediente der Wirt die drei und servierte ihnen Bier und Schnaps. Dass Arnold auch für die fünfzehnjährige Ella Alkohol bestellte, verwirrte den Wirt einen Augenblick lang, doch dann zuckte er nur mit den Schultern und reichte auch ihr die alkoholischen Getränke. Viel konnten sie aus dem Wirt nicht herausbekommen und nach kurzer Zeit verließ Ella die Moorhexe wieder, um mit den Kindern zu reden, die sie zuvor draußen gesehen hatten.

Die Kinder spielten Fangen, jedoch auf eine merkwürdig energielose Art, wodurch sie wie Greise wirkten. Sie reagierten sehr misstrauisch auf die Fragen von Ella und zogen sich irgendwann wortlos zurück. Währenddessen stellte sich der gut gekleidete Herr an der Theke als der Besitzer des Autos und als den Arzt Dr. Frederik Bäcker aus Kamborn heraus, der Arnold sofort als den Kriegshelden identifizierte, der im Krieg ein Lazarett vor den Franzosen beschützt hatte.

Dr. Bäcker erzählte Arnold, dass er gerade mit einer Schrotflinte von einem Hubbütteler namens Herr Richter verjagt worden war. Seine Frau hatte Dr. Bäcker eine Nachricht zukommen lassen, dass ihre Tochter Sarah sehr krank sei und Hilfe benötige, doch dass der Arzt nur kommen solle, wenn ihr Mann nicht da sei. Als Dr. Bäcker dann vorhin Frau Richter besuchte, fand er Sarah in einem miserablen Zustand vor. Doch Herr Richter kam früh nach Hause und zwang den Arzt mit Waffengewalt, das Haus ohne Sarah zu verlassen.

Dr. Bäcker erklärte Arnold, dass jede Minute zähle, denn das Kind sei sterbenskrank. Doch solange Herr Richter sich weigere, das Kind in ärztliche Obhut zu geben, seien ihm die Hände gebunden. Ob der berühmte Dr. Arnold Brunner ihm helfen könne? Arnold willigte ein, und nachdem weder er noch Werner weitere Informationen aus dem Wirt der Moorhexe entlocken konnten und Ella erfolglos zurückgekehrt war, machten sie sich zusammen mit Dr. Bäcker auf den Weg zum Haus der Familie Richter.

Auf Rettungsmission

Während Ella sich um das Haus der Familie Richter schlich, folgte Dr. Bäcker den beiden Männern in sicherer Entfernung, als sie an der Tür des Hauses klopften. Herr Richter öffnete die Tür einen Spalt breit und musterte Werner und Arnold misstrauisch. Als Arnold erklärte, sie seien wegen dem kranken Kind gekommen, erwiderte Herr Richter barsch, dass das Kind nur eine Sommergrippe habe und es nicht ihre Angelegenheit sei.

Währenddessen war Ella wie ein Schatten um das Haus geschlichen und sah nun durch ein Fenster auf der Rückseite in ein Kinderschlafzimmer hinein. Dort saß eine Frau mit zusammengeschlagenen Händen vor ihrem Gesicht vor einem Bett, auf dem ein kleines Kind lag. Ella klopfte leise gegen die Scheibe, um die Aufmerksamkeit der Frau zu erhalten, während ihr Mann an der Haustür abgelenkt war.

Die Frau zuckte erschrocken zusammen und nach einem wachsamen Blick zu ihrem Mann hin ging sie leise ans Fenster, um Ella zu fragen, was sie wolle. Ella versuchte sie dazu zu überreden, ihr Sarah zu überreichen, um sie in ein Krankenhaus zu bringen, oder zusammen mit Sarah und ihnen zu vor ihrem Mann zu flüchten. Doch Frau Richter schüttelte nur traurig den Kopf und erwiderte, das sei nicht möglich. Ihr Mann brächte sie um, sollte sie das versuchen.

Währenddessen eskalierte die Situation an der Haustür. Herr Richter hatte Arnold zu Boden geworfen und bedrohte nun ihn und Werner, dessen großer Körperbau ihn nicht einzuschüchtern vermochte, mit einer Schrotflinte. Arnold appellierte an Herrn Richter als verantwortlicher Vater für sein Kind und als guter Deutscher, doch dieser blieb völlig unbeeindruckt.

Jedoch erklang auf einmal ein Glockenläuten, dass Herrn Richter innehalten ließ. Wie gelähmt stand er da und reagierte auch gar nicht, als Arnold die Gelegenheit nutzte, um ihn zu entwaffnen. Wortlos und wie in Trance ging er aus dem Haus, gefolgt von seiner Frau, die sich in einem gleichen Zustand befand. Arnold, Werner, Ella und Dr. Bäcker waren völlig perplex, doch dies war ihre Chance. Dr. Bäcker lief ins Haus, holte Sarah und fuhr mit ihr in seinem Auto nach Kamborn.

Der Ruf der Glocke

Aus ganz Hubbütteln strömten Menschen herbei, die wie Frau und Herr Richter in Trance waren und Richtung Kapelle zogen. Sie ignorierten Arnold, Werner und Ella völlig und ließen sich von ihnen nicht beirren. Ella hielt Ausschau nach Tieren und sah, dass eine Katze dem Menschenzug folgte, wobei sie immer wieder stehen blieb und sich in den Schwanz biss. Obwohl Ella viel Erfahrung mit Tieren hatte, war es ihr schleierhaft, was mit dem verstörten Wesen los war.

Arnold drückte Werner die Schrotflinte in die Hand und schlug vor, den Menschen zu folgen. Als sie an der Kapelle ankamen, gingen diese jedoch nicht hinein, sondern an ihr vorbei. In diesem Moment fiel den drei Kambornern auf, dass das Glockenläuten auch nicht, wie zu erwarten wäre, aus der Kapelle drang. Eigentlich kam es aus keiner definierbaren Richtung, sondern schien irgendwie ihrem Kopf zu entspringen.

Die Hubbütteler folgten dem Weg in den bewaldeten Moor hinein. Trotz der Hitzewelle herrschte hier eine feuchte Modrigkeit. Über den hier und da auftretenden Tümpeln schwirrten Schwärme von Mücken. Zwischen dichten Nadelbäumen folgten die Dorfbewohner zielsicher ausgetretene Pfade. Schließlich strömten sie auf eine kreisförmige Lichtung, in deren Mittelpunkt ein schwarzer Stein inmitten eines Sumpfes ragte. Knietief im Sumpf stand ein Mann, der die Hubbütteler bereits erwartete.

Arnold und Werner blieben am Rande der Lichtung in Deckung, während Ella den Dorfbewohnern weiter folgte und sich hinter einem groß gewachsenen Hubbütteler verbarg. Nachdem sich alle Hubbütteler um den Stein versammelt hatten, fing der dort stehende Mann an, eine Ansprache zu halten. Er sprach über das Schlechte, das sich zum Guten wandeln, von der Asche, aus der das Leben entstehen und von dem Leid, das bessere Zeiten hervorbringen würde.

Obwohl Arnold, Werner und Ella nicht verstanden, worüber der Mann sprach, empfanden sie seine Rede irgendwie als schön und wohltuend. Zugleich fühlten sie sich seltsam, als ob ihnen ein Stück Lebensenergie entzogen würde. Gleichzeitig fing der Stein im Sumpf an, blau zu schimmern. Werner und Ella machte dies nicht viel aus, im Gegenteil: Wie schön doch der Stein aussah! Nur Arnold beunruhigte dieses anormale Ereignis ein wenig.

Der Monolith

Als der Mann am Stein seine Rede beendete, gewannen die Hubbütteler nach und nach wieder ihre Fassung wieder und sie wendeten sich langsam ab, um wieder ins Dorf zurückzukehren. Ella fiel sogleich als Fremde auf und wurde zum Stein gebracht, an dem sich der Redner mit Herrn Richter unterhielt. Arnold wies Werner an, sich mit der Schrotflinte versteckt zu halten, und hastete Ella zur Hilfe.

Der Redner stellte sich als Dorfvorsteher Johann König heraus. Er war verwundert über die Anwesenheit von Ella und musste Herrn Richter zügeln, als dieser Arnold wieder erkannte und gegen ihn wetterte. Arnold erklärte, sie wären hier zum Spazierengehen gekommen und stellte Fragen zum Stein – bei näherer Betrachtung ein schwarzer Monolith, der mit einigen Runen versehen war – und zu der vorherigen Versammlung.

Herr König erklärte, sie würden einer Naturreligion folgen, dessen Wesen er Arnold gerne bei einem Kaffee bei sich zu Hause erklären wolle. Arnold nahm die Einladung an und Herr König und Herr Richter kehrten nach Hubbütteln zurück.

Als die Luft rein war, kam Werner aus seinem Versteck zu den beiden am Stein hin. Arnold beschloss, zu seinem Auto zurückzukehren, um seinen Arztkoffer mit seinem Papier und Schreibmaterial zu holen, um die Runen vom Monolithen abzupausen. Während Ella ihn dabei begleitete, schaute sich Werner im Umkreis des Monolithen um und entdeckte an den Bäumen eingeritzte Symbole: ein Punkt mitten in einem Kreis, von dem aus acht Wellenlinien radial ausstrahlten.

Arnold und Ella nahmen derweil einen kleinen Umweg, um nicht an dem Haus der Familie Richter vorbeilaufen zu müssen. Dabei fiel Ella ein verlassenes Haus auf, bei dem die Blumen schon lange verwelkt waren und einige Blumentöpfe umgeworfen und zerbrochen am Boden lagen. Während Arnold den Weg zu seinem Auto fortsetzte, untersuchte Ella das verlassene Haus, fand jedoch nichts Bemerkenswertes daran. Als Arnold wieder mit seinem Arztkoffer zurückkehrte, schloss sich Ella ihm wieder auf den Rückweg in das Moor an.

Wieder am Monolithen angekommen pauste Arnold sowohl die Runen auf dem Stein ab als auch das Symbol, das Werner gefunden hatte.

Eingeladen bei Johann König

Anschließend kehrten sie nach Hubbütteln zurück, um die Einladung von Johann König wahrzunehmen, wobei sie wieder darauf bedacht waren, einen Umweg um Herrn Richters Haus zu laufen. Das Haus von Herrn König war größer und moderner als die restlichen. Er grüßte sie freundlich und geleitete sie in das Dienstzimmer, wo sich die drei Gäste auf den Sofas gemütlich machen konnten. Ihnen wurde Tee und Bier serviert, wobei Arnold nur so tat, als ob er davon trinken würde.

Die Unterhaltung mit Herrn König war verwirrend und brachte kaum neue Erkenntnisse. Er sprach davon, wie aus dem Schlechten das Gute wachsen würde und dass man das Leid in Kauf nehmen müsste, um über sich selbst herauszuwachsen und ein besseres Leben zu erhalten. Angesprochen auf den Gesundheitszustand von Sarah Richter äußerte Herr König zwar sein Bedauern, meinte jedoch, dass ihre Krankheit eine Prüfung ihres Glaubens sei. Ella fragte ihn, ob sie seiner Bewegung beitreten könnte, doch Herr König meinte, dass sie noch nicht bereit dazu sei.

Vom Nebenzimmer waren nach einer Weile Rascheln und Bewegungen zu hören. „Ach, sagen Sie uns doch, dass sie schon Gäste haben!“, rief Arnold daraufhin, doch Herr König erklärte, dass es lediglich Ratten seien, die sein vorheriges Hausmädchen nicht zu vertreiben vermocht hatte. Er lief an die Wand zum Nebenzimmer, aus dem die Geräusche stammten, und klopfte ein paar mal kräftig dagegen, woraufhin das Rascheln verstummte. „Problem zeitweilig gelöst!“, verkündete er höflich lächelnd. Bei näherer Betrachtung fiel jedoch dem Trio auf, dass es am Bücherregal an der Wand Schleifspuren gab, als ob es kürzlich dorthin bewegt worden wäre.

Wenig später klopfte jemand stark an der Tür und als Herr König ging, um nachzusehen, hörten Arnold, Werner und Ella die vertraute und erzürnte Stimme von Herrn Richter, der sich bei Herr König über die Entführung seiner Tochter aufregte. Diese Ablenkung nutzten die Gäste aus: Während Arnold sich an die Türschwelle des Zimmers postierte, ging Werner an das Regal, um es von der Wand weg zu schieben. Allerdings war das Regal sehr schwer und bewegte sich kein Stück.

Die beiden Hubbütteler kamen nun hinzu und Herr König hatte größere Mühe, Herrn Richter zu beruhigen. Der Dorfvorsteher sprach eindringlich auf seine Gäste ein, sich nicht länger in die Angelegenheiten seines Dorfes einzumischen und nach Kamborn zurückzukehren und dort zu bleiben. So verließen Arnold, Werner und Ella das Haus von Herrn König und fuhren mit dem Auto zurück in die Stadt.

Nachforschungen in Kamborn

Arnold, Werner und Ella verabredeten sich noch für denselben Abend mit Pfarrer Lehmann in einem Restaurant und berichteten ihm von ihren Erkenntnissen. Dem Kommunismus würden die Hubbütteler nicht angehören, aber einer verrückten Hippie-Bewegung. Diese Erkenntnis erleichterte den Pfarrer nur mäßig. Als Arnold ihm das Symbol zeigte, das Werner auf den Bäumen rings um den Monolithen gefunden hatte, erkannte der Pfarrer es wieder: Er habe es bereits in den Kirchenbänken in der Kapelle von Hubbütteln gesehen, sich jedoch nichts dabei gedacht und es als Kinderstreich abgetan.

Am nächsten Tag besuchte Arnold die Universitätsbibliothek von Kamborn und suchte in der Okkultismus-Abteilung nach jenem Symbol. In einem Buch über Kulte im Mittelalter fand er es wieder mit der Bildbeschreibung „Jünger des Augenmeisters“, während im Text selbst nichts weiter dazu stand.

In der Hoffnung, dass es am Fachbereich Geschichte einen Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte gab, begab er sich dorthin. Doch solch einen Lehrstuhl gab es nicht und der Dekan Prof. Baumgarten schien sich zwar daran zu erinnern, das Symbol in einem Buch in Oxford gesehen zu haben, konnte jedoch ansonsten nichts dazu sagen.

Arnold beauftragte seine Burschenschaft mit der Recherche des Symbols und der „Jünger des Augenmeisters“. Danach traf er sich mit Ella und Werner am Krankenhaus, um Sarah Richter einen Besuch abzustatten. Dort kannte man Dr. Arnold Brunner bereits und man wusste von der Rettungsaktion rund um das Mädchen, sodass die drei keine Probleme hatten, zu ihm zu kommen.

Das Mädchen befand sich zwar in einem komatösen Zustand, doch der behandelnde Arzt meinte, sie sei gerade noch rechtzeitig eingeliefert worden und dass es ihr bald wieder gut gehe. Arnold und Werner gaben ihm ihre Telefonnummern für den Fall, dass sich etwas Neues ergeben möge. Um das Mädchen vor einem möglichen Versuch Herrn Richters zu beschützen, sie aus dem Krankenhaus wieder mitnehmen zu wollen, nutzte Arnold seine militärischen Kontakte und brachte einen Militärbeamten dazu, ein wachsames Auge auf das Mädchen und ihre Besucher zu werfen.

Zuletzt rief Arnold bei den älteren Herren der Burschenschaft an, um sie darum zu bitten, ebenfalls Nachforschungen bezüglich den „Jüngern des Augenmeisters“ zu stellen. Nicht viel später meldeten sich die Burschenschafter, die Arnold morgens beauftragt hatte, mit wertvollen Erkenntnissen zurück: Sie hätten tatsächlich ein Dokument über die „Jünger des Augenmeisters“ gefunden. Dabei handelte es sich um einen Hexenzirkel, der im Mittelalter existiert haben soll, jedoch von Hexenjägern ausgerottet wurde. Nur ihr Anführer, der Hexenmeister, entging dem Tod und verschwand spurlos.

Pfarrer Lehmann in Gefahr

Am Abend traf sich Arnold mit Werner und Ella in ihrem Haus. Er erzählte den beiden von den bisherigen Ergebnissen seiner Recherchen und den jüngsten Informationen, die seine Burschenschaftler ihm beschafft hatten.

Die drei spekulierten darüber, was dies bedeuten könnte. Arnold äußerte die Vermutung, dass Herr König womöglich vom Hexenmeister abstammen könnte und nun den Hexenzirkel wiederbelebt haben mochte. Werner war indes fasziniert von der Vorstellung, dass der Hexenmeister womöglich mithilfe von Magie bis heute überlebt haben könnte und Besitz von Herrn König ergriffen habe. Arnold glaubte nicht an Magie und tat diese Möglichkeit als völlig unrealistisch ab.

In der Zwischenzeit klingelte das Telefon in der Bäckerei, in der Werners Frau Gertrud gerade am Saubermachen war. Sie rief nach ihrem Mann und als Werner an den Hörer ging, war auf der anderen Seite Dr. Bäcker zu hören, der seine Nummer vom Krankenhausarzt erhalten hatte und Dr. Brunner nicht in seiner Praxis erreichen konnte. Ob er mit Dr. Brunner so schnell wie möglich in Dr. Bäckers Praxis kommen möge? Frau Richter sei da und habe davon gesprochen, dass Pfarrer Lehmann in Gefahr sei.

Sofort brachen die drei mit Arnolds Wagen auf. In der Praxis von Dr. Bäcker fanden sie Frau Richter in einem miserablen Zustand vor. Was einst ihre Schuhe gewesen sein mögen, waren nur noch zerfledderte Fetzen. Ihre Füße waren angeschwollen und blutig gelaufen. Geistesabwesend und völlig erschöpft saß sie auf einem Stuhl.

Dr. Bäcker berichtete, wie sie vor kurzem völlig aufgelöst an seiner Praxis geklopft habe. Sie hatte beobachtet, wie Pfarrer Lehmann Herrn König besuchen wollte und dabei von ihrem Mann einen Schlag auf den Kopf erhalten hatte. Der sofort bewusstlos gewordene Lehmann war dann von Herrn König und Herrn Richter in Königs Haus geschleppt worden. Diese Beobachtung war zu viel für sie gewesen und so war sie so schnell wie möglich nach Kamborn gerannt, um Hilfe bei Dr. Bäcker zu holen.

Arnold schimpfte darüber, dass Pfarrer Lehmann mit seinem Besuch bei Herrn König nicht auf ihn, Werner und Ella gewartet hatte. Mit einem Zwischenstopp bei sich zu Hause, um einige Waffen zu holen, brachen er, Werner und Ella sofort nach Hubbütteln auf.

Einbruch bei Herrn König

Das Trio fuhr direkt zu Herrn Königs Haus. Werner ging zur Haustür, klopfte kräftig daran und forderte laut Einlass. Doch nichts regte sich. Ella schlich um das Haus herum und interessierte sich insbesondere für den Raum, aus dem am Vortag die Geräusche zu vernehmen waren, doch befand sich kein Fenster dazu. Auf der Rückseite des Hauses entdeckte sie eine angebundene Scheune, die verschlossen war. Sie kehrte um, um den Männern davon zu berichten.

Man entschied sich, die Haustür einzutreten, was Werner problemlos gelang. Mit Taschenlampen und Petroleumlampen aus dem Haus schauten sie sich um und riefen immer wieder nach Pfarrer Lehmann, doch niemand antwortete ihnen. Im Dienstzimmer untersuchten sie das Bücherregal, bei dem sie Schleifspuren entdeckt hatten. Ella nahm eine Bibel daraus heraus und fand mehrere Passagen darin schwarz durchgestrichen vor, ohne einen Sinn darin zu entdecken.

Auf der Suche nach einem versteckten Öffnungsmechanismus nahmen sie etliche Bücher heraus, doch erwies sich das Regal als völlig normales Möbelstück. Werner packte nochmal an und nun, da das Regal halb entleert war, fiel es ihm viel leichter, es beiseite zu schieben. Dahinter fanden sie eine verschlossene Tür vor. Ella nahm eine Haarnadel und es bedurfte nur einiger Geschicklichkeit, um das unkomplizierte Schloss zu knacken.

Eine Menschengestalt aus Würmern

Ella öffnete die Tür. Ein feuchter und modriger Geruch drang ihnen entgegen. Sie leuchtete mit der Taschenlampe durch den Raum. Der Lichtschein glitt über undefinierbare Fleischklumpen und schimmeligen Kartoffelsäcken, die wild verstreut auf dem Boden lagen, zu einer menschlichen Gestalt in der anderen Ecke des Raumes. Doch die Gestalt war kein Mensch: Sie bestand aus unzähligen schwarzen Würmern, die sich wanden und kollektiv die Form und Bewegungen dieser Parodie eines Menschens bewirkten.

Ella stieß einen unkontrollierten Schrei aus. Werner kam das Essen hoch, doch konnte er sich gerade noch so fassen. Arnold hingegen eskalierte völlig und empfand den Drang, dieses anormale Wesen zu zerstören.

Das Wurmwesen hielt eine Hand hoch, mit der anderen klopfte es rhythmisch gegen die Wand. Werner und Ella verstanden jedoch nicht, was es klopfte. Arnold ging mit seinem Kavalleriesäbel auf das Wesen zu, doch Werner packte seinen Freund und schaffte es, ihn festzuhalten, während Arnold wild brüllte und versuchte, sich zu befreien.

Das Wurmwesen gab die Klopferei auf, bückte sich und fing an, im Staub und Dreck des Bodens an etwas zu zeichnen. Zunächst sah es aus, als würde es einfach nur das bekannte Symbol mit dem Punkt im Kreis und den davon ausgehenden Strahlen zeichnen. Dann jedoch erweiterte er das Bild. Er malte fünf kleine Rechtecke um das Symbol und verband sie mit Kreisbögen. Den Kreisbogen unter dem Symbol ließ er offen und zeichnete ein großes Rechteck, das in den Kreis hinein ragte. Darunter zeichnete er eine Form mit drei Zacken.

Ella und Werner rätselten über das Bild und fragten sich, ob die dreizackige Form eine Krone darstellen und Herrn König repräsentieren sollte.

Das Tagebuch

Weil Arnolds Wutanfall nicht nachließ, zerrte Werner seinen Freund hinaus in die Diele und gab ihm eine Ohrfeige, um ihn wieder zu beruhigen. Der Schlag leerte kurzzeitig Arnolds Kopf. Verwirrt schaute er seinen Freund an und fragte sich, wo er sei und was los wäre. Werner brachte ihm das Wurmwesen wieder ins Gedächtnis, wodurch Arnold wieder kurz vor einem Anfall von Wahnsinn stand. Zitternd lief er nach draußen, um in seinem Arztkoffer nach einem Beruhigungsmittel zu suchen.

Ella versuchte derweil, mit dem Wurmwesen zu kommunizieren. Sie fragte es, ob es Herr König oder Pfarrer Lehmann sei, was das Wesen mit einem Kopfschütteln jeweils verneinte. Dann zeigte es mit einem Finger nach oben. Ella sah nur die Decke und nahm an, das Wesen wolle, dass sie nach oben laufe. Als sie aus dem Zimmer ging und die Treppe bestieg, folgte ihr das Wurmwesen.

Oben gab es mehrere Türen. Das Wurmwesen zeigte auf eine angelehnte Tür, hinter der Ella ein Schlafzimmer mit Doppelbett vorfand. Fragend wandte sie sich wieder an das Wesen, das auf ein Buch auf einer Kommode neben dem Bett hinwies. Es handelte sich um das Tagebuch von Johann König.

Ella las darin, wie Herr König den Monolithen im Sumpf fand und ihn ausgrub. Zuerst dachte er daran, seine Entdeckung an die Universität in Kamborn zu verkaufen, doch dann fing der Stein an, ihm Visionen von einer prächtigen Zukunft zu zeigen, in der er ein herausragender Anführer war und ihm viele Kinder und Enkelkinder beschert waren.

Er traf eines Tages auf das Wurmwesen, das er einsperrte und von dem es erfuhr, wie der Stein funktionierte. Indem man dem Monolithen Lebenskraft gab, konnte man mit ihm Zugang zu einem alten Wesen namens Cyäegha erhalten. Dessen große Macht wäre in der Lage, ihn zu einem Übermenschen zu transformieren und ihm ein glückliches und erhabenes Leben zu geben.

König wusste, dass seine Lebenskraft alleine nicht ausreichen würde, um dieses Ziel zu erreichen. Er weihte seinen Freund Hermann Richter in die Sache ein. Nach und nach überzeugten sie zusammen immer mehr Hubbütteler, an den Ritualen teilzunehmen und ihre Lebenskraft an den Monolithen zu spenden, um später das Vielfache davon zurück zu bekommen und zu Übermenschen aufzusteigen. Dabei nahm König hin, dass die Alten und Schwachen diesen Prozess wohl nicht überleben würden.

Der letzte Eintrag stammte von heute. König schrieb, wie Lehmann ihn besuchte und schimpfte über diesen Mann, der Lügen predigte, denn einen Gott gäbe es nicht, sondern nur den Übermenschen. Mit Schrecken las Ella, dass er plante, Lehmann im heutigen Ritual an Cyäegha zu opfern, um endlich den letzten Schritt zu gehen und die Verwandlung zum Übermenschen endgültig zu vollziehen.

Das letzte Ritual

Ella rannte mit dem Tagebuch aus dem Haus und drängte die Männer, die am Auto standen, zur Eile. Kurz erklärte sie, was sie aus dem Tagebuch von Johann König herausgefunden hatte, und dass Lehmann in höchster Gefahr war. Sofort stiegen sie ins Auto und fuhren bis zum Rande des Moors. Dann gingen sie zu Fuß weiter.

Sie fanden die Lichtung mit dem Monolithen wieder, wo sich tatsächlich erneut alle Hubbütteler versammelt hatten. Herr König stand vorne und hielt eine Rede, während Herr Richter an seiner Seite stand und den bewusstlosen Pfarrer festhielt.

Während Herr König sprach, leuchteten die Runen auf dem Monolithen langsam auf und blaue Lichtfäden gingen von den Dorfbewohnern zu dem Stein hin. Je länger die Zeremonie ging, desto mehr Runen flackerten auf. Arnold, Ella und Werner gerieten in Panik: Was sollten sie tun?

Arnold hatte daraufhin eine Idee. Aus medizinischem Alkohol, einer Bandage und Feuer bastelte er schnell einen Molotow-Cocktail. Dann nahm er all seine Kraft und warf. Der Cocktail traf am Rande der Versammlung auf und die Menschenmenge stob panisch auseinander. Wütend starrte Herr König die Störer an, doch er setzte unbeirrt sein Ritual fort und noch mehr Runen flackerten.

Da kam das Wurmwesen aus dem Wald gehastet und stürzte sich auf Herr König. Die beiden rangen miteinander. Der Anblick des Wesens ließ die Dorfbewohner vor Angst schreien. Herr Richter wich mit Pfarrer Lehmann zurück. Werner lief mit der Schrotflinte auf ihn zu und forderte ihn auf, ihm den Pfarrer zu überlassen. Von alledem eingeschüchtert tat Herr Richter wie geheißen.

Der in der Dunkelheit wartet

Die letzte Rune auf dem Monolithen leuchtete auf und mit einem Male waren alle wie paralysiert. Herr Königs Augen weiteten sich vor Schreck, als er sich plötzlich in eine schwarze Wolke auflöste, die emporstieg und den ganzen Himmel verdunkelte. Schwärze herrschte über ihnen und der Mond schien grün durch die Dunkelheit.

Gefühlte von Hass und Verachtung legten sich über die Szenerie. Arnold, Werner und Ella blickten auf zum grünen runden Mond, in dessen Mitte sich ein schwarzer Punkt bildete, und sie erkannte, dass es sich nicht um einen Mond handelte. Es war ein riesiges grünes Auge mit einer schwarzen Pupille, und die schwarze Wolke war sein Leib, in dem sich etliche Tentakel wanden.

Arnold wurde das zu viel. Der Arzt verfiel dem Wahnsinn und voller Wut stürzte er mit dem Kavalleriesäbel auf Herrn Richter, der panisch davonlief. Werner starrte auf das grüne Auge und war vor Angst gelähmt. Ella hatte einen lichten Moment und rannte quer durch das Moor auf das Wurmwesen zu, das nun alleine vor dem Monolithen stand.

Hasserfüllt und wütend starrte das Auge die Menschen unter ihm an. Dann fing er an, mit seinen Tentakeln nach den Menschen zu greifen, sie damit zu umschließen und zu zermalmen. Chaos brach auf dem Moor aus.

Ella kam beim Wurmwesen an und fragte es, was sie nun tun sollten. Das Wurmwesen zeigte auf den Monolithen und machte Gesten, die Ella nicht verstand. Ella kletterte auf den Monolithen, fand dort jedoch nichts und kletterte wieder runter. Ratlos stand sie da.

Herr Richter flüchtete weiterhin vor Arnold, der wie ein Berserker brüllend hinter ihm her war. Doch er war nicht nur seine Beute. Das grüne Auge fixierte ihn nun auch und streckte einen Tentakel zu ihm hin. Dabei streifte er den Monolithen und Ella sah, dass dabei ein Stück des Steins abgesplittert war. Herr Richter wurde gepackt und zu einer blutigen Masse zermalmt.

Ella hatte eine Idee und versuchte, die Aufmerksamkeit des Augenwesens zu erlangen, was ihr gelang. Zornig wandte es sich dem Mädchen zu und ein Tentakel schoss auf sie zu. Das Mädchen trat hinter den Monolithen und versuchte wegzuspringen. Der Tentakel traf den Stein und zerbrach ihn dabei, doch war Ella nicht schnell genug. Zusammen mit den Steinbrocken flog sie einige Meter weit ins Moor.

Das Wesen erkannte seinen Fehler zu spät. Voller Hass griff es mit seinen Tentakeln nach Ella, doch kurz bevor diese sie erreichten, war das Wesen plötzlich verschwunden.

Das Ende

Der Albtraum war so plötzlich vorbei, wie er gekommen war. Die überlebenden Hubbütteler begannen nach und nach, schweigend ins Dorf zurückzukehren. Ella hatte Glück im Unglück und hatte sich zwar Verletzungen zugezogen, jedoch nicht schwerwiegende. Sie stand auf und schaute sich nach dem Wurmwesen um, konnte ihn aber nicht mehr sehen. Sie entschied sich dazu, einige Stücke des zerbrochenen Monolithen einzusammeln und mitzunehmen.

Werner beruhigte sich allmählich und löste sich aus seiner Angststarre. Er und Ella brachten den stark verstörten Arnold und den immer noch bewusstlosen Pfarrer Lehmann zurück aus dem Moor zu ihrem Auto. Auf dem Heimweg sprach niemand von ihnen ein Wort.

Pfarrer Lehmann kam irgendwann wieder zu Bewusstsein. Er hatte nichts von den Schrecken mitbekommen und man entschied sich, ihm nichts davon erzählen.

Arnold konnte die Erlebnisse jener Nacht nicht mehr selbständig verarbeiten und verfiel dem Wahnsinn. Er wurde in ein Sanatorium eingewiesen.

Werners geistige Gesundheit war stark angeschlagen, doch er war noch nicht dem Wahnsinn verfallen. Er würde aber wohl einige Zeit brauchen, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Ella war am gefasstesten geblieben. Ob sie mit den Bruchstücken des Monolithen noch etwas anfangen könnte? Ob sie „Wurmi“, wie sie das Wurmwesen nannte, irgendwann wiedersehen würde? Diese Fragen würden fürs erste unbeantwortet bleiben.

Mein Fazit als Spielleiterin

Während des Spiels und unmittelbar danach hatte ich den Eindruck, dass das Spiel sehr schlecht gelaufen sei und ich es vermasselt hätte. Doch die Spieler meinten alle, sie hätten viel Spaß gehabt und dass es insgesamt gut gelaufen sei. Ich war zunächst verdutzt, aber nach und nach änderte sich meine eigene Meinung und ich wurde selbst immer zufriedener über diesen Spielverlauf.

Vor allem jetzt, wo die gesamte Geschichte aufgeschrieben vor mir liegt, finde ich es super, wie es gelaufen ist, und ich bin stolz auf dieses Ergebnis, das wir als Gruppe unter meiner Leitung erreicht haben.

Womöglich kam meine anfängliche Enttäuschung darüber, dass ich bereits einen festen Verlauf des Szenarios vor Augen hatte und dieses so nicht eintrat. Davor, dass die Spieler niemals haargenau das tun, was man sich als Spielleitung gedacht hat, wurde ich zwar schon gewarnt. Irgendwie habe ich trotzdem die anders verlaufende Handlung dann innerlich zuerst als „falsch“ angesehen. Aber natürlich gibt es keine „richtige“ und „falsche“ Geschichte: Sie ergibt sich schlicht aus dem Gruppenspiel. Und die Geschichte, wie sie sich letzten Endes ergeben hat, finde ich schon ziemlich cool und im Nachhinein viel besser als diejenige, die mir ursprünglich vor Augen schwebte.

Diese Erfahrung hat mir zudem vor Augen geführt, warum die Abenteuer im Cthulhu-Rollenspiel so lose und undetailliert aufgeschrieben sind: Es würde keinen Sinn ergeben, einen fixen Handlungsverlauf vorzugeben, weil es eine Vielzahl von unvorsehbaren Möglichkeiten gibt, was die Spieler tun könnten. Ich empfand den fehlenden Detailgrad vorher als negativ, weil ich dachte, dass ich doch einen Handlungsverlauf bräuchte, um ein Spiel zu leiten. Aber das stimmt nicht, denn die Handlung ergibt sich beim Spielen!

Letztendlich bin ich doch sehr zufrieden darüber, wie diese Partie verlaufen ist. Auch hat mir das Spielleiten an sich sehr viel Vergnügen bereitet. Dass die Spieler gerne eine Fortsetzung möchten, zeigt mir, dass auch sie wirklich viel Spaß hatten. Ich bin auch schon dabei, das nächste Abenteuer zu planen und freue mich auf die weiteren Erfahrungen, die ich zukünftig als Spielleiterin sammeln werde. 🙂

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