17. August 2022

Cthulhu Confidential: The Fathomless Sleep (Newbie-Erfahrungsbericht)

Kurz nach meiner Entdeckung und dem Erwerb des Regelwerks für Cthulhu Confidential, einem dedizierten cthuloiden Rollenspielsystem für One-2-Ones, habe ich mich daran versucht, ein Abenteuer für meinen Freund zu leiten. Das Regelwerk kommt mit drei vorgefertigten Szenarien für drei vorgefertigte Investigatoren daher. Ich habe mich für „The Fathomless Sleep“ mit dem hartgesottenen Privatdetektiv Dexter „Dex“ Raymond in seiner Hauptrolle entschieden, das sich in Los Angeles abspielt.

Achtung: Dieser Artikel enthält natürlicherweise Spoiler zum Szenario „The Fathomless Sleep“. Falls du als Spieler in den Genuss dieses Abenteuers kommen möchtest, solltest du lieber nicht weiterlesen…

Handlungsüberblick

Das Szenario startet wie ein klassischer Krimi Noir: Eine Dame betritt die Kanzlei des hartgesottenen Privatdetektivs Dexter „Dex“ Raymond in Los Angeles. Sie hat einen Auftrag für ihn parat: Dex soll herausfinden, was mit ihrer Schwester Helen passiert ist. Diese ist vor einiger Zeit verschwunden und Wochen später wieder aufgetaucht: Mit zerfetzter und blutiger Kleidung orientierungslos in irgendeiner Straßenecke. Sie scheint verstört und traumatisiert. Reden will sie nicht. Auf diese Weise vegetiert sie in der Obhut ihrer Schwester, die unbedingt wissen will, wer ihr das angetan hat – und am besten sollte sich Dex auch um eine angemessene Bestrafung des Übeltäters kümmern.

Die Ermittlungen von Dex führen ihn an diversen Orten und zu diversen Personen in Los Angeles: zu Drehbuchschreibern in Hollywood, die sich dem Kommunismus verschrieben haben; zu einem deutschen Spion, der für das Propagandaministerium in der Heimat Erpressungsmaterial von Prominenten wie etwa Charlie Chaplin sammelt; zu einem Kult von Nodens… Bis hin tief in die Gangsterwelt von Los Angeles zwischen den Fronten zweier rivalisierender Gangster-Mobs.

Die grausame Wahrheit findet Dex schließlich in einer Garage am Rande der Wüste bei Los Angeles. Dort hütet der Garagenbesitzer Rob Bedacht ein finsteres Geheimnis: Unter seiner Garage befindet sich ein Tunnelsystem, in dem ein Rudel Ghoule beheimatet ist. Rob verfüttert an diese nicht nur Leichen, die die Gangster ihm zum „Verschwinden“ überlassen, sondern macht sich auch einen Spaß daraus, lebendige Opfer in einem Käfig in das Erdloch herab zu lassen. Die Konfrontation mit den hungrigen Ghoulen, die rasend gegen den Käfig donnern und das Opfer anknurren, stellt sich als ein wirksamer Gedächtnislöscher heraus.

Genau das ist Helen passiert, als diese sich ein wenig zu sehr in der Gangsterwelt aufgespielt hat, und genau dieses Schicksal droht auch Dex im Finale dieses Abenteuers.

Das hat mir gefallen

Sehr positiv empfand ich die Übersichtlichkeit des Szenarios. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Szenen bzw. aufsuchbaren Orte waren in einem Diagramm aufgezeigt. Zu jeder Szene wurden die Hinweise, die man dort erhalten kann, klar ausgewiesen. Hier wurde auch zwischen den wichtigen Kernhinweisen, die relevant zum Fortsetzen des Abenteuers sind, und den optionalen Hinweisen unterteilt. Insgesamt hatte ich als Spielleiterin somit einen fabelhaften Überblick über den möglichen Verlauf der Geschichte, den Verbindungen zwischen den Szenen und den auffindbaren Hinweisen.

Die Szenen selbst waren sehr detailreich beschrieben. Das empfand ich gerade als Anfängerin im Spielleiten sehr hilfreich. Die Informationen und Aussagen, die man von den Charakteren in den einzelnen Szenen potentiell erhalten kann, waren blockweise aufgelistet. Darin enthaltene Hinweise, die auf eine andere Szene führen, waren entsprechend markiert. Bei der Vorbereitung des Abenteuers musste ich mir lediglich einige Stichpunkte am Rande der Beschreibungen und Aussagen machen, um während des Leitens gegebenenfalls schnell auf eine bestimmte Information zurückzugreifen.

Die Handlung selbst empfand ich als spannend und vielfältig. Es gibt viele verschiedene Nebenplots zu entdecken. Insbesondere die Nebengeschichte von den kommunistischen Drehbuchschreibern und dem Nazi-Spion hat mich amüsiert.

Das hat mir nicht gefallen

Es waren für meinen Geschmack zu wenig Cthulhu-Mythos und kosmischer Horror vorhanden, während die Krimi Noir-Komponente deutlich dominiert hat. Die einzigen Elemente aus dem Cthulhu-Mythos sind letzten Endes nur die Ghoule, die den Zustand von Helen verursachten. Ein cthuloider Kult wird zwar am Anfang der Geschichte eingeführt, bei dem Helen mitgemacht hat, doch erweist sich dieser letzten Endes als eine falsche Fährte und als harmlos (sieht man mal von dem „geheimen Meister“ und seiner rechtsextremen Gruppierung ab). Das wahre kosmische Grauen entlädt sich aber erst im Finale.

Eine Kehrseite der hohen Detailliertheit der Szenen-, Personen- und Ortsbeschreibungen war der intensive Zeitverbrauch bei der Vorbereitung. Es gab viel Text zu lesen, der teilweise überflüssig war (zumindest die ausführlichen Beschreibungen der Stadt Los Angeles habe ich ab einer gewissen Stelle übersprungen). Sich Notizen am Seitenrand zu machen, ist sehr wichtig, weil man an bei der Menge von Text in Gefahr läuft, die gewünschten Informationen nicht mehr rasch wiederfinden zu können. Insgesamt habe ich das Abenteuer drei mal gelesen: Einmal in der Schnelle, einmal gründlich, und beim dritten Mal habe ich Notizen angefertigt. Andererseits war ich – wie ich schon weiter oben sagte – für die Fülle an Details und Informationen doch sehr dankbar, und ich bereue die investierte Zeit nicht.

Das fand ich schwierig

Aus spieltechnischer Seite war die Buchhaltung über die Probleme und Vorteile etwas schwierig. Ich hatte diese nicht als Karten ausgedruckt, sondern bei Bedarf dem Spieler vorgelesen und ihn gebeten, sich selbst aufzuschreiben, welche Vorteile und Probleme er zur Zeit besitzt. Das war aber eine nicht so gute Idee. Das Aufschreiben hat den Spielfluss gestört und der Spieler hat sich die Effekte so knapp notiert, dass manchmal nicht mehr klar war, was ein Effekt genau beinhaltete.

Dem Spieler war zudem die Benutzung der so genannten „Push“-Mechanik nicht ganz klar und ab welchem Moment sich der Gebrauch eines Pushes lohnen würde. Im Endeffekt hat er nur einen Push ausgegeben, falls eine Situation oder eine Problemkarte explizit danach verlangte.

Äußerst schwierig empfand ich das Ausspielen der Gangster und dem allgemeinen Gangsterflair. Einerseits kenne ich mich mit Gangstern gar nicht aus und ich habe mich sehr oft gefragt, wie ein realistischer Gangster auf Dex‘ Handlungen reagieren würde. Andererseits gab es ziemlich viele Gangster in dem Abenteuer und ich hatte Schwierigkeiten damit, diese divers voneinander zu repräsentieren. Letzten Endes hatte ich das Gefühl, eindimensionale Gangsterfiguren darzustellen.

Das ständige Aufsuchen neuer Orte und neuer Personen, kurzum diese ganze Schnitzeljagd fing gegen Ende an, den Spieler zu nerven. „Na toll, jetzt ist da noch ein Gangster, den ich befragen kann, aber was soll der mir schon sagen? Er wird ja wohl kaum gestehen“, sagte er, gerade als er von Mickey Cohen von Rob Bedacht und seiner Garage erfuhr… Ich glaube, wenn Rob wieder nur auf eine andere Person verwiesen hätte, wäre die Motivation des Spielers endgültig auf Null gefallen.

Insgesamt scheint es mir, dass ich generell mit der Krimi Noir-Komponente von Cthulhu Confidential nicht ganz zurecht kam. Das könnte durchaus daran liegen, dass ich bisher wenig Erfahrung mit diesem Genre gesammelt habe… Das Regelwerk empfiehlt eine Reihe von Büchern und Filmen, um sich eine Vorstellung dieses Genres machen zu können, doch hatte ich keine Zeit (und ehrlicherweise auch wenig Lust) mich mit diesen zu beschäftigen.

Lessons Learned

Lektion 1: Probleme & Vorteile besser buchhalten. Aufschreiben stört zu sehr den Spielfluss. Auf das Ausdrucken würde ich aber trotzdem gerne verzichten wollen. Was mir als Alternative einfiele, wäre eine Dropbox oder eine andere Cloud, die der Spieler einsehen kann und in die ich die Probleme & Vorteile, die er erhält, als Bilddateien hinschiebe. Anbieten würde sich hierfür auch Roll20, auch wenn wir von Angesicht zu Angesicht spielen.

Lektion 2: Mehr Tiefe für die Gangster erschaffen. Damit eine bestimmte Gangster-Persönlichkeit letzten Endes nicht nur „ein weiterer 08/15-Gangster“ ist, könnte ich mir beispielsweise beim nächsten Mal überlegen, dass die einzelnen Gangster bestimmte Eigenarten haben, etwa Ticks oder verschiedene Stimmen. Das ist wohl generell ein guter Tipp für das Ausspielen vieler NPCs. Ein anderer Aspekt ist die Frage nach dem richtigen, d.h. realistischen Verhalten von Gangstern gegenüber einem Privatermittler wie Dex. Ob es sich hierfür lohnen könnte, einen Krimi Noir zu lesen oder zu sehen?

Lektion 3: Mehr Stimmung verbreiten. Das mag für erfahrene Spielleiter trivial erscheinen, aber als Newbie habe ich zu meiner Schande gar nicht darauf geachtet, die Atmosphäre der verschiedenen Orte und Szenen herüberzubringen, sondern habe mich nur auf die Charaktere und die Dialoge fokussiert. Zu der Atmosphäre der Orte hat das vorgefertigte Abenteuer aber auch wenig gesagt – vielleicht war diese aber auch so stereotypisch für einen Krimi Noir, dass es einem Fan dieses Genres klar gewesen wäre, wie es z.B. in einem illegalen Kasino oder in einem Lagerhaus, das auch als Quartier für Gangster dient, zugeht. Auf die Stimmung möchte ich jedenfalls in meinem nächsten geleiteten Abenteuer besser eingehen und beschreiben, wie ein Ort beispielsweise riecht oder sich anhört.

Fazit

„The Fathomless Sleep“ eignet sich sehr gut für ein One-2-One und weist eine interessante Story auf. Für meinen Geschmack war die Krimi Noir-Komponente ein Stück weit zu sehr ausgeprägt und ich hatte das Gefühl, dass ich das Abenteuer besser hätte leiten können, wenn ich mich mehr mit dem Krimi Noir-Genre befasst hätte. Das Cthulhu Confidential-System läuft ansonsten flüssig, abgesehen von den Problem- und Vorteilskarten: Will man diese nicht ausdrucken, so muss man sich eine andere Lösung für die Buchhaltung überlegen, die den Spielfluss nicht stört. Für den Spieler selbst ist es für den Spielspaß unerlässlich, dass er sich auf ein Abenteuer einlassen kann, das stark auf Investigation und Dialog basiert.

Alles in allem ein schönes Abenteuer für zu zweit, von dem ich nicht abgeneigt wäre, es ein weiteres Mal zu leiten.

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