17. August 2022

Brett J. Talley: Was nicht leben darf

Trotz der Papierkrise infolge von Corona kam das vierte Band der limitierten Bibliothek des Schreckens-Reihe wie angekündigt Mitte Dezember 2021 bei mir an. Es handelt sich um den Roman Was nicht leben darf von Brett J. Talley. Nach dem Erfolg der letzten drei Bänder – Die Romanze von Dunwich von Edward Lee, Tote Titanen, erwacht! von Donald Wandrei und Southern Gods von John Hornor Jacobs – und dem völligen Ausverkauf ihrer 999 Exemplare wurde die Auflage nun auf 1500 Bücher erhöht. Das heißt, zu diesem Zeitpunkt ist ein Exemplar von Was nicht leben darf immer noch auf der Verlagsseite erwerbbar. Aber lohnt sich der Kauf auch?

Quelle: Festa-Verlag.

Wer ist Brett J. Talley?

Laut dem Festa-Verlag ist Brett Joseph Talley im Jahr 1981 in Alabama in den USA geboren. Nach einem Studium der Philosophie und Geschichte promovierte er in Jura. Er startete eine juristische Karriere, deren Höhepunkt seine Tätigkeit als stellvertretender Generalstaatsanwalt in 2017 war. Anscheinend wurde er laut Wikipedia auch mal von Donald Trump für das Amt eines US-Bezirksrichter nominiert. Die Sache schlug jedoch aus diversen Gründen fehl.

Nebenbei interessiert Talley sich für Horrorliteratur und schrieb mehrere Horror-Romane, wobei Was nicht leben darf (original: What Which Should Not Be) der am weitaus erfolgreichste zu sein scheint und im Finale für den Bram Stoker Award war.

Vier spannende Kurzgeschichten

Was nicht leben darf ist eigentlich ein zusammenhängender Roman: Der Student Carter Weston wird von einem Professor der Miskatonic University beauftragt, ein mysteriöses Buch namens Incendium Maleficarum zu finden. Seine Suche führt ihn nach Anchorhead. Als er dort ankommt, wütet gerade ein heftiger Blizzard. Er sucht Schutz in einem Pub, wo er vier Männern begegnet. Jeder dieser vier Männer erzählt ihm von einem entscheidenden Erlebnis in ihrem Leben.

Auf diese Weise enthält Was nicht leben darf vier voneinander unabhängige Kurzgeschichten. Und diese sind wirklich gut! Ein Pelzsammler erzählt von seiner Begegnung mit dem Wendigo; ein Anwalt von seinen Erlebnissen in einem osteuropäischen Kloster auf einem verflucht geglaubten Berg; ein Arzt berichtet von den nervenzerrüttenden Ereignissen in der Nervenheilanstalt in Danvers. Zum Schluss erklärt ein Kapitän, wie ein gewisses Buch während einer Seefahrt in seinen Besitz kam.

Alle Kurzgeschichten haben letzten Endes eines gemein, nämlich ein christliches Element. Sei es, dass ein Kreuz ein Wesen vertreibt oder dass Bibelstellen rezitiert und in den Zusammenhang mit dem Cthulhu-Mythos gebracht werden. Das ist nicht rein zufällig so, denn darauf baut das Ende des Romans.

Ein weniger gelungenes Ende

Das Ende des Romans ist eher mäh. Meiner Meinung nach hätte der Roman nach den Kurzgeschichten und dem Aufenthalt Carter Westons in Anchorhead irgendwie enden sollen – sei es auch, dass einfach nichts mehr mit dem Buch passiert. Aber das Ende, so wie es ist, hat mir den Roman verdorben.

Ohne zu viel zu spoilern: Das Ende ist ziemlich pulpig und enthält eine Verfolgungsjagd, um die Auferweckung Cthulhus zu verhindern. Das Grauen wird zu offensichtlich und öffentlich dargestellt im Gegensatz zu dem subtilen und versteckten Horror der zuvorigen Kurzgeschichten, die auch den Charme lovecraftscher Schriftwerke ausmacht.

Das Ende ist zudem im Vergleich zu den vorherigen Kurzgeschichten meiner Meinung nach viel zu überstürzt auf den letzten paar Seiten hingepfuscht. Auch die Art und Weise, wie letztendlich eine neue Herrschaft Cthulhus auf Erden verhindert wird, fand ich nur halbwegs gelungen, wenngleich sich August Derleth bestimmt über die christliche Komponente dieser Vereitelung gefreut hätte.

Besonders irritiert hat mich ein kleines Detail auf den letzten paar Seiten: ein Lovecraft-Fans durchaus bekannter Name eines Gambenspielers, der hier plötzlich als deutscher Reichskulturminister auftaucht: Erich Zann. Warum? Soll suggeriert werden, dass Zann später musikalische Inspiration aus dem Buch schöpfte, um das sich die Romanhandlung dreht? Mir schien es, als ob der Autor unbedingt weitere Referenzen auf Lovecrafts Werke einbauen wollte wie auch schon zuvor mit Henry Armitage, den wir hier als Kommilitonen von Carter Weston erleben, auch wenn die Referenzen nicht unbedingt Sinn ergeben.

Fazit

Womöglich habe ich zu hohe Ansprüche an cthuloider Literatur. Jedenfalls stehe ich Was nicht leben darf von Brett J. Talley mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die vier Kurzgeschichten waren für sich genommen sehr spannend und gut. Darin haben sich tatsächlich Nuancen von H. P. Lovecraft gefunden, der Horror wurde schleichend und subtil aufgebaut und schließlich erschütternd aufgelöst.

Aber das Ende! Das Ende hat mir das Buch einfach verdorben. Zu pulpig, zu überstürzt und das Grauen war zu offensichtlich. Ich kann mir vorstellen, dass manche ihren Spaß damit haben werden, aber wer wie ich auf subtileren und echt lovecraftschen Horror steht, für den ist das Ende des Romans ein Showstopper.

Lohnt sich Was nicht leben darf allein der vier Kurzgeschichten willen? Wer die Reihe nicht abonniert, muss 34,99€ für das Buch zahlen und dafür fände ich vier Kurzgeschichten, auch wenn sie durchaus spannend und gelungen sind, zu teuer. Das Geld kann man besser investieren, z.B. in einen Sammelband von Clark Ashton Smiths großartigen Kurzgeschichten.

Ausblick auf die nächsten Bänder

Im Festa-Forum sind für die kommende Jahr 2022 drei Bänder für die limitierte Bibliothek des Schreckens geplant:

Rapture of the Deep and Other Lovecraftian Tales von Cody Goodfellow soll eine Anthologie von so genannten „neo-lovecraftschen“ und bizarren Kurzgeschichten sein. Das klingt für mich schon mal gut – besonders das Stichwort „bizarr“. Darauf freue ich mich!

Demiurge: The Complete Cthulhu Mythos Tales of Michael Shea stellt offenbar die neueste Kurzgeschichtensammlung vom in Jahr 2014 verstorbenen Schriftsteller Michael Shea dar. Diesen Namen habe ich schon öfters unter den Referenzen in Daniel Harms‘ Cthulhu-Mythos-Enzyklopädie gesehen, d.h. Shea muss anscheinend den Cthulhu-Mythos in später Zeit mitgeprägt haben. Das macht mich auf jeden Fall neugierig auf dieses Buch.

Cthulhu-Mythos-Geschichten von Fritz Leiber stehen auch im Programm. Fritz Leiber war ein Schriftsteller, der acht Monate lang intensiv in Kontakt mit H. P. Lovercraft stand, bis dieser verstarb. Es handelt sich hier also um Schriftwerke, die aus einer ähnlichen Zeit wie Lovecrafts Geschichten oder auch Donald Wandreis Roman Tote Titanen, erwacht! stammen. Darauf bin ich auch sehr gespannt!

Titelbild von FelixMittermeier bei Pixabay (adaptiert).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.