17. August 2022

Black Winged Ones

Als ich neulich nochmal H. P. Lovecrafts berühmte Erzählung „Der Ruf des Cthulhu“ las und sie sehr genoss, habe ich einen Aspekt in der Geschichte entdeckt, der mir beim ersten Lesen noch nicht aufgefallen war. Lovecraft ist ja quasi ein Meister darin, irgendwelche Entitäten, Wesen und okkulte Buchtitel vage in Nebensätzen zu erwähnen – manchmal sogar in langen Aufzählungen. Auch in dieser frühen Erzählung passiert das.

Textabschnitte in „Der Ruf des Cthulhu“

Es sind die folgenden Stellen im Bericht von Inspektor Legrasse, die mir aufgefallen sind. Zunächst die Stelle, in der es um die Legenden der Gegend geht, in der die Cthulhu-Kultisten ihre Voodoo-Rituale abhalten:

The region now entered by the police was one of traditionally evil repute, substantially unknown and untraversed by white men. There were legends of a hidden lake unglimpsed by mortal sight, in which dwelt a huge, formless white polypous thing with luminous eyes; and squatters whispered that bat-winged devils flew up out of caverns in inner earth to worship it at midnight. They said it had been there before D’Iberville, before La Salle, before the Indians, and before even the wholesome beasts and birds of the woods. It was nightmare itself, and to see it was to die. But it made men dream, and so they knew enough to keep away.

H. P. Lovecraft: „The Call of Cthulhu“ (1928)

Dann die Stelle, in der der Polizeibeamte Joseph D. Galvez erläutert, was er zwischen den Bäumen gehört und gesehen haben will:

It may have been only imagination and it may have been only echoes which induced one of the men, an excitable Spaniard, to fancy he heard antiphonal responses to the ritual from some far and unillumined spot deeper within the wood of ancient legendry and horror. This man, Joseph D. Galvez, I later met and questioned; and he proved distractingly imaginative. He indeed went so far as to hint of the faint beating of great wings, and of a glimpse of shining eyes and a mountainous white bulk beyond the remotest trees—but I suppose he had been hearing too much native superstition.

H. P. Lovecraft: „The Call of Cthulhu“ (1928)

Und schließlich die Stelle, die sich auf die Ritualmorde bezieht und die Leugnung der Cthulhu-Kultisten, an den Morden beteiligt gewesen zu sein:

From a wide circle of ten scaffolds set up at regular intervals with the flame-girt monolith as a centre hung, head downward, the oddly marred bodies of the helpless squatters who had disappeared. […] All denied a part in the ritual murders, and averred that the killing had been done by Black Winged Ones which had come to them from their immemorial meeting-place in the haunted wood. But of those mysterious allies no coherent account could ever be gained.

H. P. Lovecraft: „The Call of Cthulhu“ (1928)

Das Wesen im See

Lovecraft spricht hier über zwei verschiedene Wesenheiten:

Das eine ist berghoch (!), weiß, formlos und krakenartig, hat phosphoreszierende Augen, riesige Schwingen und lebt in einem verborgenen See. Sein Anblick bringt den Tod – was auch immer das genau heißen mag. Stirbt ein Mensch pauschal wie einem Basilisken oder ist es so gemeint, dass ein Mensch den Anblick dieses unnatürlichen Wesens nicht ertragen kann? Letzteres würde jedenfalls nicht verwundern bei einem „berghohen“ (im Originaltext: „mountainous“) Monster.

Will man anhand dieser Beschreibung dieses Wesen unbedingt mit einem bekannten Wesen aus dem „Monsterkatalog“ des Cthulhu-Mythos identifizieren, so würde am ehesten das Sternengezücht von Cthulhu in Frage kommen. Doch das Wesen im See ist höchstwahrscheinlich keines davon, denn wie ihr Herr schläft das Sternengezücht träumend, bis die Sterne richtig stehen. Dieses Seewesen scheint jedoch eindeutig aktiv zu sein.

Letzten Endes muss man bedenken, dass „Der Ruf des Cthulhu“ die früheste Erzählung Lovecrafts ist, die man so richtig dem Cthulhu-Mythos zuordnen kann. Vielleicht hat also Lovecraft bei diesem Seewesen keinen weiteren tieferen Gedanken gehabt und er wollte nur ein weiteres, schauderhaftes Element in die Geschichte einbringen.

Die Schwarzgeflügelten

Bei den anderen Kreaturen handelt es sich um Wesen mit schwarzen Flügeln, die aus Höhlen aus dem Inneren der Erde kommen, um die Menschenopfer der Cthulhu-Kultisten zu verbrennen oder dem weißen Wesen im See zu huldigen.

Lovecraft nennt sie „Black Winged Ones“, also „die Schwarzgeflügelten“, und für mich deuten die groß geschriebenen Anfangsbuchstaben darauf hin, dass es sich um einen Eigennamen handelt wie z.B. auch bei den Tiefen Wesen, die im Originaltext „Deep Ones“ heißen.

Wenn man nach ihnen im Internet sucht, findet man nur sehr wenig. Zum Einen gibt es ein paar Leute, die sich wie ich gefragt haben, wer diese „Black Winged Ones“ sind. In den Antworten wollen manche sie mit den Dunkeldürrer, Byakhee oder Shantak identifiziert haben. Gegen jedes dieser Möglichkeiten spricht etwas:

Die Shantak leben ausschließlich in den Traumlanden. Die Byakhee waren nicht einmal eine Erfindung von Lovecraft sondern von August Derleth. Die Dunkeldürrer hätten noch die beste Chance gehabt, die Rolle der Schwarzgeflügelten zu füllen, wäre da nicht eine Unstimmigkeit: Die Polizisten fanden die Menschenopfer des Cthulhu-Kults verbrannt, ja sogar verkohlt vor. Wenn die Cthulhu-Kultisten aber die Wahrheit sagen, wenn sie behaupten, dass die Schwarzgeflügelten die Opfer getötet haben, dann müssen diese wohl in irgendeiner Weise Feuer erzeugen können – wozu Dunkeldürrer nicht in der Lage sind.

Wie auch beim Wesen im See denke ich, dass Lovecraft bei den Schwarzgeflügelten nichts Spezielles im Sinn hatte, obgleich er sich dabei vielleicht tatsächlich von den Dunkeldürrer inspirieren ließ, von denen er oft geträumt hatte.

„These Black Winged Ones“ von W. H. Pugmire

Bei meinen Recherchen stieß ich auf einen Blogeintrag eines gewissen W. H. Pugmire, der sich im September 2013 ebenfalls gefragt hat, was die Schwarzgeflügelten sein sollen:

What are these Black Winged Ones who meet the acolytes of Cthulhu in ye haunted wood?  I don’t think that they are night-gaunts.  Could they be related to the winged things mention’d in „The Festival,“ which one assumes are black because they are described thus:  „They were not altogether crows, nor moles, not buzzards, nor ants, nor vampire bats…“ Daniel Harms‘ The Cthulhu Mythos Encyclopedia does not mention them (I met Daniel in Providence, when he came to buy a copy of Weird Inhabitants of Sesqua Valley).  I am curious about all of this because the story I am now writing, for Black Wings III, is a semi-sequel to „The Call of Cthulhu,“ and I want to mention these murderous Black Winged Ones as they appear to my narrator in dream.

W. H. Pugmire: „Black Winged Ones“, 12. September 2013, URL: http://lovecraftianhorror.blogspot.com/2013/09/black-winged-ones.html.

Ich muss gestehen, dass ich W. H. Pugmire zuvor noch gar nicht kannte. Er war anscheinend ein Autor lovecraftscher Kurzgeschichten gewesen, den sogar S. T. Joshi in höchsten Tönen lobt. Leider ist er im Jahr 2019 verstorben.

Sein Vorhaben, eine Fortsetzung von „Der Ruf des Cthulhu“ zu verfassen, fand ich jedenfalls interessant. Das Resultat scheint „These Black Winged Ones“ zu sein, das in einer kleinen Auflage im Oktober 2014 veröffentlicht worden ist. Demnach handelt die Erzählung von einer Frau, die von einem verrückten Poeten zu ebenjenem See geführt wird, wo das weiße Wesen lebt, damit sie diesem huldigt.

Diese Geschichte und generell der Autor W. H. Pugmire klingen für mich unheimlich interessant und ich habe mir vorgenommen, früher oder später etwas von ihm zu lesen. Einige seiner Kurzgeschichten sind sogar in einer deutschsprachigen Anthologie im Blitz-Verlag erschienen, doch „These Black Winged Ones“ scheint nicht darin enthalten zu sein.

Schlussgedanken

Alles in allem bin ich immer wieder überrascht und begeistert, was man in H. P. Lovecrafts Werken finden kann, vor allem auch dann noch, wenn man einen zweiten Blick darauf wirft. Ich möchte dabei ungern die Schwarzgeflügelten und das weiße Wesen im See in eine Schublade des gängigen Monsterkatalogs pressen, sondern sie als eigene, spannende Wesenheiten anerkennen.

Deshalb habe ich ihnen im CthulhuWiki der deutschen Lovecraft Gesellschaft zwei eigene Einträge gewidmet: Polypenwesen in den Sümpfen Louisianas (mit der Namensgebung tat ich mich schwer…) und Schwarzgeflügelter.

Bei dem, was W. H. Pugmire mit den vagen Beschreibungen dieser Wesen aus diesen Textstellen gemacht hat – auch wenn ich die eigentliche Geschichte gar nicht kenne, sondern nur den Teaser-Text gelesen habe – bekomme ich auch Lust, das weiße Wesen und die Schwarzgeflügelten in einer eigenen Erzählung zu verarbeiten… Mal sehen, ob mal etwas daraus wird.

Titelbild von LoggaWiggler auf Pixabay.

Ein Gedanke zu “Black Winged Ones

  1. Der Ruf des cthulhu wurde 1926 geschrieben und ich glaube 2 Jahre später veröffentlicht.

    Die Schaffung von Literatur durchläuft ja viele Phasen. Gibt da viele Beispiele. Siehe Harry Potter zu Beginn war flopulver die einzige Möglichkeit zu teleportieren. In den späteren Bänden war das nicht mehr notwendig.

    Vllt hat der gute lovecraft sich so diverse Notizen gefertigt und sich gedacht: „das verwende ich irgendwie irgendwann.“ Kam leider nicht dazu. Umso löblicher, dass du dir da die Arbeit gemacht hast es in das Wiki einzupflegen.

    Ich bin selber auch großer Fan von seinen Werken und probiere so viel wie es geht bei anderen Autoren etc wiederzufinden.

    Angefangen bei Berserk von miura bis hin zur miyasakis Soulsborne Reihe.
    Im neuesten Ableger der Reihe, elden Ring, spielt der Wahnsinn eine kleine Rolle U triggert sogar eines der 6 Enden.

    Shabriri ist Chaos, Shabriri kann nicht sterben.

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