Blog-Sothoth

August Derleth: Das Tor des Verderbens

In seinem Roman „Das Tor des Verderbens“ hat August Derleth seine eigenen Interpretationen des Cthulhu-Mythos stark einfließen lassen. Hier berichte ich über meine Lese-Erfahrungen.

Nach der Lektüre von August Derleths Kurzgeschichtensammlung „Die dunkle Brüderschaft“ habe ich einige Überwindung gebraucht, um mich seinem Roman „Das Tor des Verderbens“ zu widmen. Wie ich bereits berichtete, fanden Derleths Kurzgeschichten nicht wirklich Anklang bei mir mit Ausnahme von ein, zwei Werken. Nun lag aber das kleine 180-seitige Band eine Weile bei mir im Bücherregal und wollte endlich gelesen werden.

August Derleth: Das Tor des Verderbens, erschienen beim Suhrkamp-Verlag.

Im englischen Original nennt sich die Geschichte „The Lurker at the Threshold“, also soviel wie: „Der Beobachter auf der Schwelle“. Ich habe das Buch an einem Tag durchgelesen und empfand die Lektüre angenehmer als bei den Kurzgeschichten. Obgleich ich das Gefühl hatte, dass Derleth bei diesem Werk insgesamt viel kreativer war, fand ich auch einige Schwächen aus den Kurzgeschichten wieder. Insgesamt war meine Leseerfahrung gemischt, tendenziell aber eher positiv.

Worum geht es?

„Das Tor des Verderbens“ ist in drei Teile aufgeteilt, die von verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Der erste Teil wird aus der Perspektive von Ambrose Dewart erzählt, der von England nach Amerika migriert ist. Dort, in Neu-England ganz in der Nähe von Arkham und Dunwich, hat er ein Stück Land von seinem Vorfahren, Alijah Billington, geerbt. Auf dem Grundstück befindet sich ein Anwesen und der berüchtigte Billingtonwald, um dem sich düstere Gerüchte ranken.

Wie es üblich ist, setzt Dewart unwissentlich und von naiver Neugier getrieben einige finstere Dinge in Gang. Die Ereignisse entziehen sich immer mehr seiner Kontrolle und so bittet er seinen Cousin Stephen Bates aus Boston zur Hilfe. Aus dessen Perspektive wird der zweite Teil der Geschichte erzählt, der sich nahtlos an den ersten Teil reiht.

Stephen Bates ist fest entschlossen, seinem Cousin Ambrose Dewart zu helfen, der sich bei Bates‘ Ankunft im Billingtonhaus merkwürdig und widersprüchlich verhält. Auf Basis von Dewarts gesammelten Informationen unternimmt Bates weitere Nachforschungen, die ihn immer näher an die Wahrheit bringen.

Schließlich gelangt Bates so nah an der Wahrheit, dass es lebensgefährlich für ihn wird. Er benötigt weitere Hilfe. Diese findet er in Arkham in Form von Dr. Seneca Lapham. Der dritte Teil ist aus der Sicht dessen Assistenten Winfield Phillips geschrieben und führt zur Auflösung der finsteren Machenschaften, in denen sich Ambrose Dewart und Stephen Bates verwickelt haben.

Wie viel Lovecraft, wie viel Derleth ist drin?

In Some Notes on H. P. Lovecraft schreibt August Derleth, er habe sich an zwei Fragmenten von H. P. Lovecraft bedient, um „Das Tor des Verderbens“ zu schreiben, wobei S. T. Joshi in H. P. Lovecraft and Lovecraft Criticism: An Annotated Bibliography anmerkt, dass Derleth wohl noch ein drittes Fragment von Lovecraft in seiner Geschichte verarbeitet habe (Quelle).

Was Lovecrafts Fragmente beinhalten, weiß ich nicht, sodass ich persönlich nicht einschätzen kann, wie viele von Lovecrafts Ideen wirklich in „Das Tor des Verderbens“ stecken. Einige Elemente kamen mir aber ausdrücklich typisch Derleth vor, sofern ich das durch die Lektüre der Kurzgeschichten beurteilen kann:

So beginnt „Das Tor des Verderbens“ wie der Großteil von Derleths Kurzgeschichten damit, dass der Protagonist ein altes Anwesen erbt, in dem eine bösartige Aura herrscht und in der sich rätselhafte Anweisungen, Briefe und Manuskripte befinden. Natürlicherweise verstrickt sich der Protagonist in Dinge, die er lieber unberührt hätte lassen sollen.

Auch die Darstellung von Dunwich und seinen Bewohnern erscheint mir typisch für Derleth und tauchte so auch in seinen Kurzgeschichten auf, in denen Dunwich eine Rolle gespielt hatte. Besonders betont werden hier die Degeneration und fehlende Bildung der Dunwicher.

Das bunte Fenster im Arbeitszimmer des Billingtonhauses erinnert mich zudem stark an Derleths Kurzgeschichte „Das Giebelfenster“. Letzten Endes erfüllt es in „Das Tor des Verderbens“ einen leicht anderen Zweck, aber eigentlich wird niemals wirklich aufgeklärt, was es mit dem Fenster genau auf sich hat.

Derleths kosmische Ordnung

Wie bereits in meinem Blog-Eintrag Eine kurze Geschichte des Cthulhu-Mythos diskutiert worden ist, hat August Derleth eine eigene Interpretation des kosmischen Grauens vorgenommen, die sich von H. P. Lovecrafts ursprünglicher Version entschieden unterscheidet. Während Lovecraft als Materialist von einem bedeutungslosen kosmischen Grauen ausgeht, der sich nicht an menschliche Gesetze und Normen hält, bringt Derleth eine Ordnung in den Mythos. Diese Ordnung ist in „Das Tor des Verderbens“ deutlich zu erfassen.

So ordnet er die Großen Alten den vier klassischen Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft zu und er unterwirft sie Gesetzen und Kategorisierungen:

Die Großen Alten hatten eine gewissene Affinität zu den Elementen – Erde, Wasser, Luft, Feuer -, die auch ihren Lebensbereich darstellten; untereinander standen sie in einem gewissen Zusammenhang. […] Es gab welche von geringerer Macht, die zahlenmäßig überwiegen. Die sind nicht ganz so frei wie die wenigen übrigen, und viele von ihnen sind zumindest teilweise den gleichen Gesetzen unterworfen wie der Mensch.

August Derleth: Das Tor des Verderbens. 6. Auflage. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, Deutschland: 2019. Seite 152ff.

Zusätzlich erschafft Derleth die so genannten „Älteren Götter“, die diametral zu den Großen Alten stehen. In Derleths Mythos kämpften die Älteren Götter gegen die Großen Alten. Letztendlich bannten die Älteren Götter sie in eine andere Dimension außerhalb unserer Raumzeit mithilfe des Älteren Zeichens, das Derleth beschreibt als einen fünfzackigen Stern mit einem Auge in der Mitte, aus dem eine Flammensäule emporsteigt. Diese Beschreibung hat sich in der Popkultur, etwa im Rollenspiel und in Brett- und Kartenspiele, weiterhin gehalten, obwohl Lovecraft das Ältere Zeichen andersartig beschrieb.

Der Bannzauber der Älteren Götter ist allerdings weder ewig andauernd noch unzerstörbar. So kommt es, dass Anhänger der Großen Alten den Bann immer wieder an kleinen Stellen aufbrechen und den Großen Alten sowie ihren Dienern Einlass in unsere Dimension gewähren. Schließlich wird in einer zukünftigen Zeit der Bann endgültig seine Macht verlieren und die Großen Alten werden zur Erde zurückkehren.

Derleths Kampf zwischen Gut & Böse

In „Das Tor des Verderbnis“ wird zwar keine Aussage darüber gemacht, ob seine Älteren Götter den Menschen gegenüber freundlich gesinnt sind. Doch als Kontrahenten der Großen Alten, die bei Derleth das absolut Böse verkörpern, scheinen die Älteren Götter das Gute zu repräsentieren.

Derleth versieht also den Cthulhu-Mythos mit einem Kampf zwischen Gut und Böse, wo es eigentlich nach Lovecraft solche Kategorien wie Gut und Böse gar nicht geben sollte.

An einer Stelle in „Das Tor des Verderbens“ vergleicht der gläubige Christ Derleth den Mythos sogar mit den menschlichen Religionen und bringt ihn damit im Einklang. So lässt er Dr. Seneca Lapham sagen, der mir im Großen und Ganzen wie ein Alter Ego von August Derleth erscheint:

Aber ich denke, es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass draußen etwas existiert, und diese mythische Anschauung lässt den Glauben an Kräfte des Guten als auch Kräfte des Bösen zu, genau wie es bestimmte andere Anschauungen tun, auf die ich hier nicht weiter einzugehen brauche, da Sie sie kennen – die christliche, die buddhistische, die mohammedanische, die konfuzianische, die shintoistische – im großen und ganzen eigentlich alle bekannten religiösen Anschauungen.

August Derleth: Das Tor des Verderbens. 6. Auflage. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, Deutschland: 2019. Seite 167.

Meine Leseerfahrung

Wie ich bereits schrieb, war meine Leseerfahrung mit „Das Tor des Verderbens“ gemischt. Anfangs war ich noch nicht richtig gepackt, da die Geschichte genauso anfing wie so viele von Derleths Kurzgeschichten, nämlich mit dem Erbe eines alten und unheimlichen Hauses. Im Laufe des ersten Teils der Geschichte wurde die Handlung aber immer spannender. Die Recherchen und Nachforschungen von Ambrose Dewart gestalteten sich als hautnah und spannend.

Gleichzeitig schien die Katastrophe vorhersehbar, da Dewart entgegen der Warnungen seiner Vorfahren handelte und so die finsteren Dinge ins Rollen brachte. Diese Naivität des Protagonisten frustrierte mich. Im Nachhinein mag sie mit dem dunklen Einfluss erklärbar sein, der im Haus vorherrschte. Dieser Einfluss wurde im ersten Teil subtil beschrieben, aber nicht immer waren die Handlungen von Ambrose Dewart nachvollziehbar oder logisch.

Die Ermittlungen setzten sich im zweiten Teil mit Stephen Bates fort, gerade als die Handlung um Ambrose Dewart ihren Höhepunkt einnahm. Bates war angenehmer zu lesen, da er wesentlich rationaler und überlegter handelte als sein Cousin Dewart. Der zweite Teil des Romans war somit mein Lieblingsteil.

Der anstrengende dritte Teil

Der dritte Teil fühlte sich erzwungen an: Plötzlich begeht Bates einen schweren Fehler, den ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, wenn man bedenkt, welche Informationen Bates schon besitzt und wie logisch er im zweiten Teil immer gehandelt hat.

Auf diese Weise erhalten im dritten Teil Dr. Seneca Lapham und Winfield Phillips die Hauptrollen. Im Wesentlichen besteht dieser Teil aus Mansplaining seitens Dr. Lapham, der die bisherigen Informationen, die Dewart und Bates gesammelt haben, kombiniert und in einen globalen und kosmischen Kontext setzt. während Phillips als Gesprächspartner nur dazu da ist, die unglaublichen Fakten, die Dr. Lapham ihm entgegenbringt, zu hinterfragen. Na gut, er trägt am Ende der Geschichte auch noch einen Steinblock und hält ihn an Position, während Dr. Lapham Zement aufträgt, aber ansonsten tut Phillips nichts.

Ich habe das Gefühl, Derleth wollte im dritten Teil so viel Mythos wie möglich unterbringen und etliche Brücken auf einmal schlagen. Die Namen von Großen Alten und anderer Mythos-Kreaturen häufen sich. Dr. Lapham scheint den Mythos in- und auswendig zu kennen und Zugriff zu allen möglichen Mythos-Büchern zu haben. Gleichzeitig scheint er eine völlig vernünftige und rationale Persönlichkeit zu sein, was in Anbetracht seines kosmischen Wissens nicht sehr realistisch erscheint.

Er lässt seinen Assistenten Phillips irgendwie in einer einzigen Nacht mehrere Mythos-Bücher lesen und die einzige Konsequenz für Phillips scheint zu sein, dass er nicht mehr schlafen kann, weil er nicht von den gelesenen Entitäten träumen möchte. Kann es sein, dass er schlichtweg nicht mehr schlafen kann, weil er die ganze Nacht durch Mythos-Bücher gelesen hat und es schon Tag ist? Auch im Finale, als er Yog-Sothoth höchstpersönlich zu erblicken scheint, scheint er nicht übermäßig verstört zu sein…

Abschließendes Urteil

„Das Tor des Verderbens“ fing zunächst klischeehaft an und entwickelte sich dann zu einer investigativen Horror-Geschichte. Der Übergang vom ersten Teil aus Ambrose Dewarts Perspektive zum zweiten Teil aus der Sichtweise seines Cousins Stephen Bates war flüssig. Insgesamt waren erster und zweiter Teil kreativ und spannend geschrieben.

Jedoch las sich der dritte Teil der Erzählung unglaubwürdig und anstrengend. Meiner Meinung nach hätte es die Figuren Dr. Seneca Lapham und Winfield Phillips nicht gebraucht, um die Geschichte abzuschließen. Die ganzen Erklärungen seitens Dr. Lapham haben den Mythos eher in das Fantasy-Genre gerückt und zu viel Ordnung in das kosmische Grauen von H. P. Lovecraft gebracht. Ich hätte es passender und auch dramatischer gefunden, wenn Stephen Bates das Finale der Geschichte herbeigeführt hätte.

Empfehle ich die Lektüre weiter? Ja, für die 10€, die das Buch neu bei Suhrkamp kostet, kann man es sicher lesen. Es ist eine bessere Lektüre als Derleths Kurzgeschichtensammlung „Die dunkle Brüderschaft“, aber es gibt wiederum besseres als „Das Tor des Verderbens“. Wer explizit nach Derleths Mythos-Interpretation sucht, der findet sie hier auf jeden Fall mehr als bei den Kurzgeschichten.

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