17. August 2022

Arkham Horror: Das letzte Ritual

Irgendwie ist es ja ein Trend, zu Spielen aller Art – ob analog oder digital – Bücher herauszubringen. Geschichten, die sich in der Spielwelt abspielen, meistens von Schriftstellern, die sich scheinbar auf dieses Genre spezialisiert haben. Einige dieser Werke gelingen wirklich gut: In meiner Jugend habe ich die World of Warcraft-Romane regelrecht verschlungen. In manchen Fällen wünscht man sich jedoch, man hätte die Verschriftlichung einer Spielwelt lieber sein gelassen.

Nun ist Fantasy Flight Games auf diesen Zug gesprungen und hat zu seinem Brett- und Kartenspiel Arkham Horror eine Bücherreihe gestartet. Als leidenschaftliche Spielerin des Arkham Horror-Kartenspiels war mein Interesse natürlich geweckt.

Gleichzeitig war ich skeptisch: Letzten Endes handelt es sich ja um Geschichten des kosmischen Horrors, die sich in Arkham abspielen, denn es ist ja nicht so, dass Arkham Horror eine völlig neue Welt erschafft. Im Gegenteil, ihre Szenarios schmiegen sich eng an H. P. Lovecrafts Werken. Diese Bücherreihe würde also lediglich eine Reihe von Büchern im Lovecraft’schen Universum mit Schwerpunkt auf Arkham werden, oder?

S. A. Sidor: Das letzte Ritual

Sucht man im World Wide Web nach Büchern von Autor S. A. Sidor, findet man kaum mehr als „Arkham Horror: Das letzte Ritual“, dem ersten Band der Arkham Horror-Buchreihe. Über den Autor selbst findet sich so gut wie nichts. Nicht einmal, wofür seine Initialen S. A. stehen, konnte ich herausfinden. Er selbst nennt sich auf seinem Twitter-Profil einen „pulp writer“.

Quelle: Cross Cult.

„Arkham Horror: Das letzte Ritual“ hat 368 Seiten und eins macht der Roman gut: Die Spannung und den Horror ähnlich langsam ansteigen lassen wie H. P. Lovecraft, um am Ende dem Leser einen kurzen aber heftigen Geschmack des ultimativen Grauens zu geben.

Bei so vielen Seiten bedeutet das ungefähr: Nach etwa 100 Seiten lernen wir den zweiten Hauptcharakter kennen und erhalten einen ersten brutalen Vorgeschmack des Horrors, bei etwa 200 Seiten wird es ernst, und ab Seite 300 rasen wir dem Höhepunkt entgegen.

Anfangs war mir dieses Tempo zu träge. Ich fragte mich die ganze Zeit, wohin die Geschichte führt und wann denn endlich etwas „passiert“. Doch je mehr ich las, desto tiefer wurde ich in die Handlung hinein gezogen und ab einem bestimmten Punkt zwischen Seite 100 und Seite 200 konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen, so als stünde ich in seinem Bann.

Dabei ist der Schreibstil eigentlich gar nicht so gut, anspruchsvoll schon gar nicht. Manchmal versucht sich Sidor mit gewagt kreativen Adjektiven wie z.B. „kosmogonisch“ à la H. P. Lovecraft um sich zu werfen, aber meistens bleibt der Text eher fad. Alles in allem ist das Buch großteils eine leichte Kost, die man die meiste Zeit ohne große Konzentration lesen kann.

Ausnahmen bilden die Momente, in denen Visionen des Grauens oder des unendlichen Alls beschrieben werden und die ich manchmal mehrmals lesen musste, weil sie mich so verwirrten. Womöglich war das aber das Ziel des Autors, denn wie will man eine übernatürliche Vision präzise in Worte fassen?

Eine Geschichte über surreale Kunst

Ein zentrales Thema in „Arkham Horror: Das letzte Ritual“ ist Kunst, und zwar surreale Kunst. Der Hauptcharakter ist der Künstler Alden Oakes, der von seinem Freund Preston Fairmont zu seiner Hochzeit in Arkham eingeladen wird. Dort hat sich noch jemand eingefunden: der berühmte spanische Surrealist Juan Hugo Balthazarr, der in der gesamten Künstlerwelt wie auch von Alden verehrt wird.

Doch mysteriöse und brutale Morde überschatten die nahende Hochzeit von Preston. Alden lernt Tina kennen, die diesen Morden schon länger nachgeht. Auf die Arkhamer Polizei kann man sich nicht mehr verlassen und selbst die O’Bannion-Mafia scheint machtlos gegenüber dem, was sich in Arkham zusammenbraut.

Doch was sollen die Rituale bezwecken? Das gilt es herauszufinden und zu verhindern.

Was daran ist „Arkham Horror“?

Referenzen zum Arkham Horror-Spiel finden sich quer im Buch verteilt, etwa gewisse Orte in Arkham (La Bella Luna und der Clover Club) als auch bekannte Personen (Preston Fairmont und Calvin Wright) und auch Andeutungen auf Spielereignisse (die König in Gelb-Aufführung im Ward-Theater). Manches davon hat sehr gut in die Handlung gepasst. Anderes empfand ich als völlig unnötig und austauschbar.

Die Hauptpersonen selbst sind keine Investigatoren aus dem Arkham Horror-Universum, aber sie interagieren mit den Personen und Orten aus dem Spiel. Diejenigen Personen, die Investigatoren aus dem Spiel darstellen, wirken stets geistig geschädigt, als ob sie die Kampagnen von Arkham Horror schon am eigenen Leib erlebt hätten.

Was stark an das Spielprinzip von Arkham Horror erinnert, ist die Herangehensweise der Hauptcharakter, die mysteriösen Begebenheiten in Arkham zu lösen: Sie besuchen verschiedene Schauplätze, die ihren Verdacht erregen, und suchen nach Hinweisen. Gelegentlich auch unter Zuhilfenahme einer Taschenlampe.

Quelle: ArkhamDB.

Insgesamt fühlt sich „Arkham Horror: Das letzte Ritual“ tatsächlich so an, als würde er eine Geschichte nacherzählen, die sich in der Spielkartenwelt von Arkham Horror befindet.

Was ich jedoch schade fand: Obwohl Kunst und Künstler eine zentrale Rolle im gesamten Roman spielen, hat S. A. Sidor es versäumt, die Malerin Sefina Rousseau in seine Geschichte zu integrieren. Nicht einmal als eine Statistin taucht sie auf, nicht einmal ihr Name wird am Rande erwähnt. Schade!

Fazit

Der Anfang war träge, das Ende ein Paukenschlag, die Mitte fühlte sich wie eine Kampagne in Arkham Horror an. Die Referenzen zum Spiel waren nett, aber es hätte ruhig „mehr“ sein können. Insgesamt war „Arkham Horror: Das letzte Ritual“ von S. A. Sidor ein mittelmäßiger Roman, insbesondere vom Schreibstil her. Man kann ihn lesen, muss man aber nicht. Vermutlich eignet er sich eher für Fans der Spielreihe als für allgemeine Lovecraft-Fans.

Titelbild-Copyright: Cross Cult.

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